WeihnachtsgeschichteDie Jahreshauptversammlung

Jan-Heino kommt nach Hause. Zu den Geschwistern, zu Mutter und Vater, der die Familie wie ein Unternehmen führt. Was für ein Heiliger Abend! von Jan Böttcher

Der Baum ist geschmückt, der Heilige Abend kann kommen

Der Baum ist geschmückt, der Heilige Abend kann kommen  |  © boing/photocase.com

Ob Schnee auf den Feldern liegt, ob der Himmel blau oder grau oder bereits so dunkel ist, dass die Lichter aus den Tannenbäumen strahlen – immer wenn ich am 24. Dezember mit dem Zug durchs weihnachtliche Gelände gleite, nehme ich irgendwann meinen Lodenhut von der Ablage, den ich sonst nicht trage. Oder ich befummele den Saum meines teuren Mantels und starre dabei schweigend hinaus ins Winterwunderland. Je schlechter das Jahr, desto größer die Nervosität.

Mein Zug hält in der Kleinstadt. Es dämmert bereits, ein eiskalter Wind weht um den Bahnhof, und da ich keinen Bediensteten erspähe, nehme ich ein Taxi ins Ländliche. Das weiße Gehörn des Waldes wippt über der Straße. Nie würde Vater vergessen, die Einladung fristgerecht zu schicken. Ich trage sie ausgedruckt in der Tasche, so tun es auch die Brüder, und ebenso die Schwester, die ohne ihre Kinder anreist. Enkel sind nicht zugelassen. Das Taxi hält am Tor unter der großen Eiche. Alle Jahre wieder dieser gewundene Schotterweg, die Gaslaternen kommen mir mit jedem Besuch unglaubwürdiger vor.

Anzeige

Wie am Bahnhof: keinerlei Empfang. Ich trage meinen vergilbten Stolz auf dieses Anwesen die knarrende Treppe hinauf. Auf dem Gästezimmerbett liegen zwei weiße Hemden, gebügelt. Daneben eine Klemmmappe mit weißem Papier und die Tagesordnung, deren Blätter zusammengetackert sind. Draußen beginnt es zu schneien, und meine Wut ist auch wieder da. Die Glocke geht um 19.55 Uhr, wie früher, als wir Kinder waren. Matthias, mein älterer Bruder, trägt einen englischen Tweed, Gerd seinen Smoking, Clarissa ist in roten Samt gehüllt, meine Mutter in Rüschen. Um Punkt 20 Uhr öffnet sich der Saal. Es läuft die CD mit den Weihnachtsliedern, die ich vor Jahren einmal eingespielt habe. Ich nasche nervös von den Heidehonigplätzchen, sehe die gekreuzten Degen an der Wand und schaue hinauf in den uns alle überragenden Tannenbaum.

Jan Böttcher

Der Schriftsteller und Musiker Jan Böttcher ist Jahrgang 1973. Derzeit schreibt er an seinem vierten Roman. Zuletzt erschienen der Roman Nachglühen bei Rowohlt Berlin (2008) und die Solo-CD Vom anderen Ende des Flures bei kook (2008). Im Jahr 2007 wurde er in Klagenfurt mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet. Er lebt in Berlin.

"Firma Rodenkamp, die Versammlung ist eröffnet." Vom Ende der Tafel gewährt uns Vaters monotone Stimme, Platz zu nehmen. "Protokollant: Jan-Heino Rodenkamp. Als Versammlungsleiter stelle ich die Beschlussfähigkeit der Hauptversammlung fest. Mitgliederschaft: sechs, vollzählig erschienen. Zum Wohl." Jan-Heino, das bin ich, der jetzt sein Rotweinglas hebt. Jedes vierte Jahr ist die Reihe an mir, das "jahreszeitliche Grußwort" meines Vaters zu erfassen. Es beginnt mit "Das Weihnachtsfest liegt wieder einmal günstig am Ende des Jahres" und endet mit "Lasst uns die Zahlen betrachten, bevor sie im Eise erstarren wie die Fliege im Bernstein." Wir lächeln dann, aber es ist die gute Miene zu einem bösen Spiel. Dies ist mitnichten der erste Akt einer herrschaftlichen Bescherung. Dies ist unsere Jahreshauptversammlung.

Meinem Vater klebt, wo immer er geht, ein Chefsessel im Kreuz. Abgesehen von dieser leicht gebeugten Haltung verrät nichts an ihm die Krankheit. Er spielt Golf und Black Jack, fährt im Herbst auf sein Weingut, sitzt noch immer im Aufsichtsrat des großen Automobilkonzerns und regelmäßig neben den BDI-Vizepräsidenten in der Sauna. Er hält sich leider auch für einen Pietisten, am Ende des Gartens steht als größte Rodenkampsche Lüge eine kleine Kapelle.

Und Mutter? Sie ist die Kassenprüferin der Familie – und beginnt ihren entwürdigenden Bericht jetzt mit Matthias, der als Zahnarzt sechsstellig verdient. Vater gibt Steuertipps, die eigentlich Tricks sind. Mein jüngerer Bruder Gerd hat in diesem Jahr sein zweites Juraexamen absolviert, zudem arbeitet er in einer Kanzlei. Das wird alles ausführlich gewürdigt. Die Schwester, das kluge Wesen, lebt als Journalistin. Sie hat noch vor der Wirtschaftskrise ein Interview mit meinem Vater zu einem Buch gemacht. Es heißt Mit Zylinder und Zündkerze, das Cover zeigt ihn im Frack vor einer Edelkarosse, locker liegt eine Hand auf der Motorhaube. Das Buch läuft noch immer gut, auch in diesem Jahr erhält Clarissa von Mutter ein Sonderlob für ihre "außerordentlich hohen Verlagstantiemen".

Dann bin ich an der Reihe. Nur bei mir legt die Kassenprüferin alle Rechnungen in Kopie vor sich aus, inklusive Gema-Papieren. Denn ich bin Musiker, 37 Jahre alt, gebe Klavierunterricht, toure mit einer divenhaften Studentin (Hollaender-Programm) und begleite Morgenstern-Abende mit elektronischer Musik. Ich spiele in einer Samba-Combo und in zwei Jazztrios. Mutter zählt das alles nur auf, um den Kopf zu schütteln. Sie verstehe meine Einkünfte nicht. Vater würde niemals nicken, als wisse er Bescheid. Ich sage nur: "Beethoven konnte auch erst von der Musik leben, als er 25 wurde." Vater lacht kurz auf, fragt monoton: "Was gedenkst du zu tun?" "Mehr arbeiten." Er weiß, dass auch das ein Scherz ist. Ich könnte Filmmusik schreiben, aber das sage ich nicht, wohlwissend, dass jede neue Geschäftsidee bei Vater als spontane Ausflucht gilt, so sie nicht vier Wochen zuvor schriftlich eingereicht wird.
"Wie viel Verlust machst du?"
"Ich komm gerade so durch."
"Wofür habe ich diese Firma gegründet, Jan-Heino?"
"Damit sie Gewinne abwirft, Vater."
"Gut zu wissen. Kommen wir zur Suppe. Danach Entlastung des Vorstands."
Vater hebt ein Glöckchen, die Türen öffnen sich für die Terrinen.

Leserkommentare
    • Hagmar
    • 24. Dezember 2010 17:28 Uhr

    Warum sind zynische Texte fast immer gut und freundlich-liebe fast immer Kitsch?

    Obwohl ich ihn bitterböse finde, habe ich jedenfalls diesen Text mit Genuss gelesen. Danke dafür.

  1. 2. Danke

    für die gute Kurzgeschichte.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Tafel | Weihnachtsgeschichte
Service