Ganz plötzlich erlebt der Mann in seiner nächtlichen Verzweiflung doch noch etwas geradezu Unvorstellbares: Nach all den deprimierenden Spam-Mails, in denen es einzig und allein um Größe und Form des eigenen Geschlechtsteiles geht und darum, wie beides zu verbessern wäre; nach all den "Für dein kümmerliches Glied kann keiner was, aber du kannst etwas dagegen tun"-Ansprachen, scheint es so, als hätte sich eine echte persönliche Nachricht ins Postfach von Maxwell Sim verirrt: "Hi max bin mittwoch in watford lust auf’n bier gruß trev."

Man kann so etwas bestimmt herzlicher und sorgfältiger formulieren, und doch: Ein Mensch, ein echter Mensch hat sich in die Traurigkeit des Abends hinein gemeldet. "Nachdem ich diese Nachricht so oft gelesen hatte, dass sie sich in mein Gehirn eingebrannt hatte, legte ich die Arme auf meine Computertastatur, bettete meinen Kopf darauf und entließ einen Seufzer aufrichtiger und tief empfundener Dankbarkeit."

Maxwell Sim, so heißt der Mann, der beileibe kein Held ist, aber vielleicht prototypisch: Einer, der seine Einsamkeit umso deutlicher spürt, je mehr er von der vermeintlich so vernetzten Welt umzingelt ist. Da kann man 70 Facebook-Freunde haben und keinen einzigen persönlich kennen. Da kann man über das Mobiltelefon permanent erreichbar sein und bemerkt darob nur noch umso deutlicher, dass es niemanden gibt, der einen auch erreichen will. Da kann man sich recht anstrengungslos in ein Flugzeug nach Australien setzen, um den Vater zu besuchen, der nach dort ausgewandert ist, um zu bemerken, dass man sich wirklich nichts zu sagen hat. Maxwell Sim ist Ende Vierzig; seine Frau und seine Tochter haben ihn vor einem halben Jahr verlassen; seit diesem Zeitpunkt hat er sich von seinem Job in der Reklamationsabteilung eines Kaufhauses beurlauben lassen; demnächst muss er eine Entscheidung treffen.

Trotzdem ist Jonathan Coes Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim keinesfalls einer jener Midlife-Crisis-Romane, wie man sie möglicherweise zuletzt ein wenig zu oft lesen durfte: Dieser Roman ist ein echtes Kunststück. Ein Unterhaltungsroman der besten Sorte, der zu keinem Zeitpunkt seine Leichtigkeit verliert und trotzdem seine Figuren nicht an den Klamauk verrät. Ein Buch, das aus den gegenwärtigen Verhältnissen heraus erzählt, aber nicht die Aufdringlichkeit eines gesellschaftlichen Lehrstücks verströmt, sondern psychische Erosionen aus den Veränderungen der äußeren Verhältnisse geradezu zwingend ableitet.

Insofern ist Coes Roman auch ein Stück Angestelltenprosa von besonders raffinierter und intelligenter Machart. Das Großbritannien, durch das Maxwell Sim reist, selbstverständlich mit einem ökologisch korrekten Fahrzeug, ist ein Land, das sich seit der Zeit des Thatcherismus auf den ersten Blick gar nicht so drastisch gewandelt hat. In Wahrheit aber auf einschneidende Weise: Es ist ein kühles, kommunikationsarmes, streng nach den Prinzipien des wirtschaftlichen Funktionierens organisiertes Terrain geworden. Ein entseeltes Kapitalismusparadies, das sich die alte Pracht des British Empire als repräsentative Kulisse erhalten hat. Ein moralisch ausgehöhltes Land nach New Labour.

Dagegen setzt Jonathan Coe, 1961 in Birmingham geboren, eine, man kann es kaum anders nennen, tiefe Warmherzigkeit, mit der er seinen Protagonist ausgestattet. Jene Mail, die Maxwell Sim nach seiner desaströsen Australienreise in seiner Mailbox findet, ist der Auftakt zu einem skurrilen Roadmovie. Max lässt sich darauf ein, als Vertreter für ökologisch revolutionäre Zahnbürsten (Holzstiel mit Wildschweinborsten) auf die Shetlandinseln zu fahren; ein Plan, der ihm selbst weit weniger abstrus vorkommt, als er tatsächlich ist. Für den von Depressionen gebeutelten Max wird es eine Reise in die Vergangenheit; zu einer Begegnung mit der Ex-Frau, mit einer alten Flamme, mit ehemaligen Nachbarn.

 

Und stets, das ist einer der kompositorischen Eckpfeiler des Romans, sorgt ein überraschend aufgetauchtes Dokument, sei es ein literarischer Versuch des Vaters oder eine spätere wissenschaftliche Arbeit einer unglücklichen Liebe, dafür, dass Max etwas mehr über sich selbst und sein Leben versteht. Alles, so bemerkt er, war in Wahrheit und immer ganz anders als gedacht, und all diese Unwahrscheinlichkeiten und Lebensverwirrungen, die existenzverändernde Lücke zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung, inszeniert Jonathan Coe leichthändig und klischeefrei. Auf der handwerklichen Ebene ist der scheinbar so hüpfende und unstete Text enorm sorgfältig komponiert.

Dass die Sache mit den Zahnbürsten und den Shetlandinseln nicht gut gehen wird, erfahren wir gleich auf der ersten Seite. Dass sich die Reise des fahrenden Antihelden Maxwell Sim dennoch nicht als ein Scheitern, sondern als eine wendungsreiche und amüsante Selbstrückgewinnung entpuppt, darf angenommen werden. Sicher sein kann man sich aber auch, das zeigt die letzte Pointe des Romans, nie. Sicher ist: Der Akku von Maxwells Mobiltelefon ist leer und die weibliche Stimme des Navigationsgerätes schweigt. Endlich Ruhe.