Deutsche Literatur Ach Provinz, diese Hölle, diese Enge!
Ein Zwang zum Urbanen macht sich breit unter Autoren der Berliner Republik. Das Ergebnis ist oft Geplapper, das wie Literatur klingen will. Eine Polemik von C. Schröder
© Nele Heitmeyer

Die deutsche Provinz. Hier: Nettelstedt in Ostwestfalen, zwischen Wiehengebirge und Mittellandkanal
Die Teilung in Stadt und Provinz war schon immer ein Thema der Literatur. Und schon immer war es so, dass zumindest eine unausgesprochene innere Entscheidung getroffen werden musste: Stifter oder Joyce? Döblin oder Raabe? Doch der Eindruck, der sich in den vergangenen Jahren einstellen musste, ist der einer zentralistisch gelenkten ästhetischen Zwangsverordnung: Alles, was nicht im direkten Blickfeld des Stadtbewohners liegt, wird ins Gemütliche, Unpolitische, Weltabgewandte und mithin Irrelevante abgeschoben.
Diese Dichotomie wird umso wirkungsvoller, je mehr im Zusammenhang mit diesem Land fälschlicherweise nicht mehr von der Bundesrepublik, sondern von der Berliner Republik gesprochen wird. Wie schnell hat man aus der Ferne mit einer so großzügigen wie arroganten Geste einem Autor das Wort "Heimatdichter" angehängt. Damit ist er zwar nicht erledigt, aber bequem kategorisiert. Da hat das Werk sein braves Kästlein. Darin darf es sich austoben, aber der Deckel bleibt drauf.
Von ländlichen Gefilden in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur geht eine weitaus größere Sprengkraft aus als von den urbanen Selbstverhätschelungen; ein weitaus größerer Realitätsgewinn als von all diesen Erzählungen von Leuten, die mit Flugzeugen über die Kontinente fliegen, um irgendwelche Gender-Abenteuer zu erleben. Verstärkt jedoch werden Autoren wie Peter Kurzeck, Andreas Maier oder Arnold Stadler, denen nichts ferner ist als eine Idylle oder eine Sehnsucht nach der alten Zeit, entweder in den Ruch des Anachronistischen oder gar des Reaktionären gestellt. Dabei schaffen sie in ihrer Prosa erst eine Bühne, die zufällig abseits der Städte liegt, auf denen sich aber die ganze Welt abspielen kann. Den möchte man einmal sehen, der sich wahrhaftig in deren Welthöllen (die eben keine Dorfhöllen sind) gemütlich einzurichten vermag, wenn er sie denn erst einmal begriffen hat.
Wer in der Provinz lebt, ist nicht automatisch ein Provinzler. Wer über die Provinz schreibt, ist erst Recht kein Provinzautor. Aber wer per se abschätzig auf die Provinz herabblickt, ist definitiv provinziell. Der Umgang nicht weniger junger deutschsprachiger Gegenwartsautoren mit dem Ländlichen ist mittlerweile mechanisiert und reduziert – und das nicht nur in auf Klamauk ausgelegten Unterhaltungsbüchern. In aller Kürze schlägt diese Reduktion sich folgendermaßen in Handlungsverläufen von Romanen nieder: Junger Mensch kehrt, aus welchem Grund auch immer, in seine Heimat, die Provinz, zurück, unter der er – man darf in einem Thomas Bernhard'schen Reflex sagen: naturgemäß – gelitten hat, weil die Provinz stets die dunkelste und dumpfste und geistesfernste aller Welten ist. Eine Welt, aus der, so die gängige Formulierung, man es herausschaffen muss, heraus aus der geistigen Enge. Als ginge es auf dem Prenzlauer Berg geistig weniger eng zu als in einem Bodenseedorf.
So war es beispielsweise in Thomas Klupps (aus diversen Gründen) dennoch mitreißendem und vor allem doppelbödigen Roman Paradiso; so war es bei Patrick Findeis in Kein schöner Land; so war es auch in Donata Riggs viel gelobtem und (ebenfalls aus diversen Gründen) misslungenen Debüt Weiße Sonntage. Alle drei sind im Übrigen Absolventen von Schreibschulen: Findeis und Rigg haben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert; Klupp hat in Hildesheim den Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus absolviert. Man kann aus diesem Umstand gewiss Schlüsse ziehen. Zweierlei ist mit diesem ästhetischen Zwangsurbanismus verbunden: Die Forderung nach bestimmten Themen, die die Literatur gefälligst zu bearbeiten habe und eine sprachliche Verarmung, die sich sowohl in einem Schwund des Vokabulars als auch in einer Verengung der tonalen Bandbreite niederschlägt.
Von den Schriftstellern zu fordern, sie sollten nun endlich einmal einen Roman über etwas schreiben, ist ein Akt der Uneleganz, wie solche Romane, die der Forderung nachkommen, selbst dann auch schnell unelegant zu werden drohen. Thomas Hettches Roman Die Liebe der Väter wäre ohne die sicher von der Erfahrungswirklichkeit des Autors gesättigten Vorträge des Protagonisten über die verzweifelte Lage von Vätern ohne Sorgerecht nicht weniger eindringlich, aber durchaus weniger plakativ ausgefallen. Literatur lebt vom Nichtexpliziten, Unausgesprochenen, vom Ungesagten, nicht aber von den Diskursen. Die Diskurse werden im Feuilleton und in den Tageszeitungen und mittlerweile umso lebendiger im Internet geführt; sei es über Ost und West, sei es der feministische oder der Gender- oder Migrationsdiskurs.
Immer wieder die Forderung nach der Abbildung von Lebenswirklichkeiten, nach dem Leben von Prostituierten und Lastwagenfahrern. Nur deshalb, weil es die eben auch gibt und weil die auch zu ihrem Recht kommen sollen. Es gibt auch Füße, sind die deswegen literaturfähig? Wann erscheint der erste Fußroman? In Zeiten, in denen jeder über alles mitreden kann und will und zu allem eine Meinung hat und auch glaubt, das Recht dazu zu haben und sich über alles informiert fühlt, liegt die Forderung nahe nach einer Kunst, die sozusagen den demokratischen Spielregeln gehorcht und sich mit dem beschäftigt, was den Diskurs beherrscht. Wie man aber so leichthin den Diskurs mit dem Leben verwechseln kann, bleibt ein Rätsel. Warum sollte es die Aufgabe von Literatur sein, zum Beispiel über die zweifelsohne vorhandenen Nöte einer allein erziehenden Mutter zu berichten? Dafür gibt es Sachbücher oder VOX. Sich nicht zuständig zu erklären für Forderungen, die der urbane Mainstream an die Literatur heranträgt, ist zur Zeit eine ihrer größten Herausforderungen.
- Datum 13.01.2011 - 11:05 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Die Stadt goutiert und führt im besten Fall das weiter, was in der Enge sich entwickelt hat.
warte auf eine übertragung dieser längst überfälligen reflexion auf den kunstbetrieb dem es ebenso an diskursfreier selbstausbildung mangelt z.b.
hier dreht sich ja mal wieder alles um die eigene achse - berlin.
ja also, was wir hier in berlin so machen ist der ganz große wurf und ihr da draussen schaut gefälligst her und bewundert unseren dingsbums - ja was eigentlich?
na ja, jedenfalls, wenn ihr hier nicht mitmachen wollt dann bleibt in eurer provinz und macht doch was ihr wollt.
machen wir
Zunächst muss man eindeutig klarstellen, dass Literatur, gleichgültig ob sie in der Stadt oder auf dem Land entstanden ist, einen sprachlichen und inhaltlichen Qualitätsanspruch für den Leser haben sollte, das macht die geografisch soziale Unterscheidung dann überflüssig.
Ein gewisser Hochmut, den schreibende oder intellektuell arbeitende Städter immer wieder herausstellen, hat sicherlich auch damit zu tun, dass die urbanen Menschen oft meinen, die Deutungshoheit über alle kulturellen und gesellschaftlichen Phänomene zu haben, was gerade in der globalisierten Kommunikationswelt völliger Unsinn ist.
Die Beobachtung einer Vermengungserscheinung zwischen Feuilleton und Literatur ist sicherlich richtig, das beweisen eben Autoren wie von Uslar, aber auch Willemsen oder Kaminer, ohne die literarische Relevanz ihrer Gedanken zu misskreditieren. Was die so genannte "Berliner Republik" betrifft, so ist es das für viele nach 1945 Geborene die Neuerfahrung einer quirligen Metropole als Hauptstadt, während Bonn bis 1989 wirkliche Provinz war und nur als Hauptstadtderivat fungierte, was man in Koeppens Roman "Im Treibhaus" besonders gut nachvollziehen kann. Mit der Installierung Berlins zur Kapitale der Bundesrepublik unterlagen viele künstlerisch arbeitende Menschen dem Trugschluss, dass sich nun ein starkes energisch pochendes Herz für Deutschland entwickeln würde, aber Berlin ist ja eigentlich selbst ein Provinzkonglomerat zwischen
Rixdorf und Marienfelde, dem das starke wirtschaftliche Fundament fehlt, wie es etwa in Hamburg, München, Köln oder Frankfurt nach 1949 gewachsen ist. Nach der Wende zog ein eigentümliches Rattenfängersyndrom viele Schriftsteller, Künstler, Galeristen oder Verlage in die neue Hauptstadt, weil man dachte, dass sich das alte Berliner Boheme-Inselflair mit dem neu strukturierten Regierungsflair positiv vermischen würde und ein neuer fruchtbarer Boden für alle Spielarten der Kultur entstehen würde. Aber schon heute ist abzusehen, dass diese Rechnung nicht aufging, denn viele "Go-East-Goldsucher" ziehen sich heute enttäuscht in den Westen zurück oder leben in der realen Provinz des mehr und mehr entvölkerten Umlandes. Der unsägliche Spruch Wowereits, dass Berlin "arm aber sexy" sei, kann man nur als dumm und hochmütig fatalistisch bezeichnen. Vitale urbane Strukturen sehen anders aus als das, was die Medien immer wieder über die Hauptstadt schreiben.
Was das Schreiben oder die Literatur betrifft, so kann man den bemühten Schlussfolgerungen des Autors nur mühsam folgen, denn gute Literatur auch mit wichtigen Provinz oder Stadtthemen, entstehen in Starnberg ebenso wie in München, in Kall ebenso wie in Köln, im Odenwald ebenso wie im Rhein-Main-Gebiet. Letztendlich erscheint es jedem schreibenden Menschen als ideale Arbeits- und Lebenssituation, in der Peripherie einer Großstadt zu leben und von allen Themenkomplexen zwischen Stadt und Land persönlich berührt zu werden.
W.Neisser
"Als ginge es auf dem Prenzlauer Berg geistig weniger eng zu als in einem Bodenseedorf."
Da musste ich grinsen, denn aus eben diesem Luxusdorf P-Berg bin ich vor einem halben Jahr geflohen. Da war das selbsternannte World Head Quarter der Nonkonformisten und Bessermenschen kaum noch zu ertragen (selbst, wenn man das Klischee der Edelkinderwagen-schiebenden Coffee-to-go-Muttis und P*rnobrillenschwaben mal außen vor lässt).
Dort, wo das ach so kosmopolitische Berlin sich am wichtigsten und schönsten findet, beherbergt es in Wirklichkeit das Schlimmste beider Welten: Zum einen den verlogenen Puppenstuben-Narzissmus gut situierter Lohas, deren Sehnen nach "Authentizität" sich auch in Disneyland befriedigen ließe, zum anderen die geistesfaule Pseudo-Urbanität, wie sie auch die von von Herrn Schröder zitierten Textpassagen atmen: Alles ungefähr, ironisch, nicht so richtig fest gelegt, nicht so richtig ausformuliert, nicht so richtig wichtig. Berghain, Anna Blume; alles eins, alles unseres.
Ich kannte da mehr als einen Blogger, der sich für den Bauchnabel des progressiven Journalismus hielt, aber keinen einzigen Satz ohne Kommafehler zu schreiben vermochte. Pose statt Handwerk - eine Elite in geistigen Badeschlappen, die sich trotzdem den hier so gut beschriebenen Blick von ganz oben auf den Rest des Landes leistet.
Kurz: Da kann man eben jenes wachsweiche Tableau besichtigen, das nun mal herauskommt, wenn man Popperkinder ans Ruder lässt. Kehrwoche auf der Weltbühne.
...abgesehen von der Gleichsetzung von Prostituierten und Lastwagenfahrern mit einem Fuß. Was soll das?
sind ja nun auch nichts literarisch wirklich Wertvolles. Die Polemik will provozieren erreicht aber selbst keine gedankliche Tiefe sondern plappert auch nur und zerrt zum Beleg halt ein paar willkürliche Beispiele schlechten Schreibstils heran.
Nun ja wenn es ein paar Stadtflüchtigen hilft sich erhaben zu fühlen, edel und gut, warum nicht.
Wenn denn aber nur noch geplappert wird, dann ist das leichtfüßig urbane dem stiefelschweren feudalgehabe allemal vorzuziehen.
Spannend wird es ohnehin am ehesten in den Grenzbereichen und Zwischenräumen. Wo immer sich migrationsbegründet urbanes Leben neu erfindet ist die Spannung zwischen agrarisch-archaischem und cosmopolitsch-inspiriertem allemal realer als zwischen Berlin und Bonn oder Stadt und Provinz, zumal die Fabriken heute auf dem Land stehen, ausgehend von Biomasse statt Stahl uns das Schaudern zu lehren.
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