An die Nachwelt soll ein Schriftsteller tunlichst nicht denken, heißt es. Sie kann nämlich außerordentlich fordernd sein. Sie möchte intime Fotobände genauso wie die kommentierte Werkausgabe, Interviews mit Kindern und Weggefährten, Ausstellungen in Literaturhäusern, klavierbegleitete Themenabende und hinterher zum Griechen. Wenn möglich wünscht sie auch das lang verborgene Werk, das natürlich ein literarisches Ereignis ist. Dann steht bald auf Klappentexten: "ein literarisches Ereignis", was die literarische Nachwelt angenehmst freut.

J.D. Salinger war die Nachwelt so egal wie ehedem die Meinung vieler seiner Zeitgenossen. Seit den Sechzigern hielten ihn nicht wenige für einen Einsiedler, der sich der Öffentlichkeit entzogen hatte und schlichtweg seine Ruhe wollte. Seither bastelte man fleißig am Mythos Salinger. Am Bild des scheuen Sonderlings, der in seiner Hütte in New Hampshire sitzt, esoterisch ist und weltentrückt. Jeden Journalisten jagte Salinger zum Teufel. In einigen Berichten dazu stand: manchmal gar mit einer Schrotflinte! Manche habe ihm das bis heute nicht verziehen.

Zum ersten Todestag des Autors wurden nun einige Schriftstücke publik. Die Universität in Norwich veröffentlichte 50 Briefe und vier Postkarten, die Salinger an einen Freund, den englischen Kaufmann Donald Hartog, schrieb. Sie lernten sich 1938 kennen, als beide in Wien waren, um Deutsch zu lernen, aber das ist eigentlich nicht wichtig. Viel wichtiger, und hier spricht die Fachwelt zur Nachwelt, ist, was Chris Bigsby, ein Professor der Universität East Anglia zur Entdeckung sagt: Die Briefe würfen ein neues Licht auf den Schriftsteller!

Wer bisher glaubte, Salinger habe mit Thomas Pynchon ein Herrenmodegeschäft betrieben, erfährt jetzt, dass er oft an den Niagara-Fällen weilte. Zwischen Hochzeitsreisern und anderen Touristen. Auch fuhr er viel Bus. Nicht zu Jahrestreffen amerikanischer Eremiten und Eremitinnen, sondern ins Theater. Oder zum Tennis, wo er den Rabauken John McEnroe bewunderte wie den Briten Tim Henmen. Meistens aber kümmerte Salinger sich um seinen Garten. Was enigmatische Schreiber eben so tun, wenn der Tag lang ist. Doch mitunter beantworten sie auch Fragen, die uns seit Menschengedenken umtreiben: Big Mac oder Whopper? Salinger hielt letzthin Burger King für die einzig richtige Wahl. Da werden die Briefe manchen Fastfoodkenner doch pikieren.

Womöglich auch andere. Denn nirgends steht ein Hinweis, ob noch Manuskripte ungehoben in Schubladen rascheln. Kein literarisches Ereignis in Sicht, auch der Verlag des Autors schweigt dazu. So bliebe der Nachwelt erst einmal eins übrig: Sie darf sich Salinger endlich wieder als einen recht normalen Menschen vorstellen.