Mark Twain : Bloß nicht das N-Wort

Eine neue Edition will Mark Twains "Huckleberry Finn" von seinem schmutzigsten Wort befreien. Das ist ein Verlust, keine Verbesserung.
Mark Twain im Jahr 1880 © Hulton Archive/Getty Images

James Finn Garner, ein amerikanischer Satiriker, parodierte die politisch korrekte Sprache anhand klassischer Märchen. Aus den armen Müllersleut im Rumpelstilzchen etwa machte er "wirtschaftlich Benachteiligte" und aus Cinderellas Liebreiz die "barbie-fixierte Vorstellung der Männer von begehrenswerter Weiblichkeit". Was Garner damit vorführte, entspricht einer in den USA zuweilen gehörten Forderung: nach Sprachhygiene in literarischen Werken. Ein Buch, das bis heute damit zu kämpfen hat, ist Mark Twains Huckleberry Finn . Das wohl bestgehasste Buch des Landes seit 1885.

Den frommen Puritanern ging es damals um den Herumtreiber Huck, den sie als unzivilisiert und unmoralisch empfanden. Seit Jahrzehnten nun nehmen manche Politiker und Aktivisten Anstoß an dem Wort "Nigger", das wie kein anderes für das Martyrium der schwarzen Amerikaner steht. Eine neue Edition soll es jetzt aus dem Werk verbannen und durch "Sklave" ersetzen . Insgesamt 219 Mal hat Alan Gribben das N-Wort gezählt. Er ist Professor an der Auburn Universität und Herausgeber der neuen Ausgabe, die im Februar erscheint. Vermutlich wird er damit ein paar verschreckte Eltern beruhigen und manch einem Lehrer die unangenehme Last nehmen, dieses Wort vor seinen Schülern auszusprechen. Was Gribben aber dem Werk antut, ist seine Enthistorisierung.

In das Werk aus jener Zeit gehört auch ihr Vokabular. Obwohl er umfassend widerlegt ist, hält sich in literaturwissenschaftlichen Anstandsaufsätzen der Glaube, Twain sei ein Rassist gewesen. Er war ein Chronist. In seiner Fortsetzung zu Tom Sawyers Abenteuer nahm er sich besonders der Probleme der Sklaverei und des Rassismus an. Er tat es in besonderer Weise, indem er als erster auch die gesprochene Sprache der Südstaaten literarisch verarbeitete, ihre Grammatik und Soziolekte. Deswegen dürfte "Nigger" im historischen Kontext seines Werks auch jedem noch so zartbesaiteten Leser zuzumuten sein. Zumal, da Twains ironischer Sozialkritik ein Stachel gezogen wird, sollte das besagte Wort künftighin fehlen. Wenn Alan Gribben beschreibt, wie er bei dem Ausdruck zusammenzuckt, so kann man Twain durchaus unterstellen, er habe genau diese Reaktion hervorrufen wollen. Dass der Unterschied zwischen dem richtigen und dem beinahe richtigen Wort ein erheblicher ist, hatte der Schriftsteller damals schon angemerkt.

Es erscheint bequem, diese Passagen nun zu ersetzen und sich vom Ballast amerikanischer Geschichte zu befreien. In der langen Editionsgeschichte ist es nur ein weiterer Versuch, das Buch ideologisch zu züchtigen. In der DDR wurden Stellen wegen kapitalistischer Anmutung gekürzt, in einer Kinderausgabe aus den Siebzigern werden seitenlang Zäune gestrichen. "Moralische Turnübungen" nannte Twain seinerzeit die ersten Reaktionen auf sein Buch, die er geahnt und freilich auch provoziert hatte. Dass aber seinem Roman ausdauernde Zensoren und Verbotsanträge im Namen der Political Correctness folgen würden, hätte sich selbst ein Misanthrop wie er vermutlich nicht träumen lassen. Dass man so tun will, als habe es die Sprache weißer Barbarei nie gegeben.

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Kommentare

120 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

@ Clearmind

Warnhinweis:

"Es dürfte sich von selbst verstehen, dass der Ausdruck „Political Correctness“ unüberbietbar politisch unkorrekt ist. Wer ihn ernsthaft, d. h. ohne zitierende oder ironisch intendierte Anführungszeichen, verwendet, entlarvt sich sogleich als Gegnerin oder Gegner von Feminismus, Anti-Sexismus, Ökologismus, Multikulturalismus, Anti-Faschismus, Anti-Rassismus, Post-Kolonialismus, kurz: als „Feind des Menschengeschlechts“ (B. Brecht).

(Liberale von klassischem Schrot und Korn, die dies nicht beachten, werden dementsprechend mit erheblichen Haupt- und Nebenwirkungen rechnen müssen. Es ist nicht ungefährlich, in der der Welt der Super Super Nanny liberal zu sein.)"

http://www.freiheit.org/f...

(s. 33ff)

Zensur...

warum dieser Kommentar und meine Ergänzung dazu entfernt wurden, entzieht sich meinem Verständnis, ich halte diesen Eingriff für eine unzulässige Zensur und eine Armutszeugnis der Redaktion.
Sicher die Kommentare gehen nicht auf Mark Twain ein, aber absolut treffsicher auf das Phänomen der political correctness das das eigentliche Thema des Artikels ist.
Denn darum geht es, ebern nur am Beispiel von Mark Twain, und um nichts Anderes.
Offensichtlich sieht die Redaktion vor lauter Bäumen den Wald nicht, oder will iohn nicht sehen.

H.

Bitte richten Sie Kritik an der Moderation direkt an community@zeit.de. Danke. Die Redaktion/wg

Weder ein Rassist noch ein Misanthrop

Mark Twain hat sich in seinen Büchern und Aufsätzen immer gegen die miserable Behandlung der Schwarzen Bevölkerung in den USA ausgesprochen. Wer ihn des Rassismus bezichtigt hat nichts von ihm gelesen.

Wie kommt der Author darauf Mark Twain als Misanthrop zu beschreiben? Ich kann nur eine nüchterne, humorvolle Sicht seiner Mitmenschen in seinen Werken erkennen.

Michelangelo hat das Schicksal auch schon ereilt

leider ist das schon passiert, die zu nackten Gestalten in der Sixtinischen Kapelle sind bereits kurz nach Michelangelos Tod mit Tüchern "bekleidet" worden.
http://de.wikipedia.org/w...

Menschen, die das N-Wort aus Huckleberry Finn entfernen kann man nur Unverständnis über die Wirkung von Literatur konstatieren, auch wenn es sich um einen Professor handelt...

Für mich ist das ein Hinweis auf eine ideologische Weltsicht.

"Autobahn" spätestens seit Hermans Rauswurf durch ...

Der Bundespräsident der "Politischen Korrektheit" ordnet hiermit an:
Das Wort "Autobahn" ist ab dem 1. 2. 2011 aus dem Deutschen Wörterbuch zu streichen, die weitere schriftliche wie münd=
liche Verwendung wird ab diesem Termin bestraft. (Ordnungs=
widrigkeit, Euro 20.--, im 3. Wiederholungsfalle des Verstoßes
Euro 50.-- als Bußgeld, jede weitere Ordnungswidrigkeit wird
mit Euro 80,-- belegt, zusätzlich 3 Punkte im Verkehrszentral=
register.
Der Bundespräsident für "Politische Korrektheit" hat mit dem
heutigen Tage den Gesetzgeber aufgefordert, alsbald ein Ge=
setz gegen das Rechtsfahrgebot auf deutschen Straßen zu er=
lassen, das durch ein Linksfahrgebot ersetzt werden muß.
Weitere Mitteilungen hierüber ergehen durch mein Amt.
Hochachtungsvoll
Michael Mustermann
Präsident des Amtes