Es musste so kommen. Nachdem sich die Aufregung um die Cablegate genannten Veröffentlichungen der Internetplattform Wikileaks gelegt hat, folgen nun die ersten Bücher zum Thema. Der Spiegel legte jüngst ein Buch über seine Berichterstattung vor. Aus dem Hause Suhrkamp bietet jetzt ein Essayband die bislang perspektivenreichste Diskussion. Darin zu Wort kommen so unterschiedliche Autoren wie der Internetkritiker Jaron Lanier, die Diplomaten John C. Kornblum und Wolfgang Ischinger, Systemtheoretiker Dirk Baecker und Rahul Sagar, Professor für Politik an der Princeton University. Gemeinsam ist den Texten, Wikileaks möglichst unbeeinflusst von dem Hype zu beurteilen. Der Band ist schon jetzt ein Standardwerk.

Aufschlussreich sind besonders die Beiträge der beiden Praktiker Kornblum, ehemaliger amerikanischer Botschafter in Berlin, und Ischinger, ehemaliger deutscher Botschafter in Washington. Letzterer schreibt deutlich: "Das Vertrauen, die wichtigste Währung der Diplomatie, hat durch Wikileaks einen Wertverlust erlitten, der die Folgen aller früheren Informationslecks bei Weitem in den Schatten stellt." Diplomaten würden in Zukunft auf nicht protokollierte Gespräche ausweichen. Assanges Projekt bringe daher nicht mehr, sondern weniger Transparenz – "weniger Offenheit, weniger institutionelle Checks and Balances und mehr Geheimhaltung". Die Frage, ob eine solche Reaktion legitim wäre, stellt Ischinger nicht.

Kornblum hat einen weiteren Horizont und unterstreicht die Bedeutung von Wikileaks als Paradigmenwechsel in den internationalen Beziehungen. Er gibt zu bedenken, dass solche Umbruchsituationen in der Vergangenheit zu diplomatischen Missverständnissen und Kriegen geführt hätten: "Das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird besonders anfällig sein für jene Fehleinschätzungen, die aus dem Konflikt von Altem und Neuem hervorgehen", prophezeit er. Noch habe man "nicht einmal das Vokabular", um die veränderten Realitäten der Gegenwart zu beschreiben.

Doch das Problem geht wohl tiefer als es die Schwierigkeiten mit der Beschreibung der Gegenwart nahelegen. Die schärfste Polemik gegen Wikileaks kommt ausgerechnet von Lanier, der in den achtziger Jahren den Begriff der "virtuellen Realität" erfand. Wikileaks stehe für eine "Blockwartmentalität", beklagt er. Assange vertrete eine "digitale Ideologie". Hinter seiner Idee totaler Transparenz stecke "ein Bekenntnis zu Maschinen, nicht zu Menschen". Demokratien seien von der Aufrechterhaltung vertraulicher Sphären abhängig. Von der Diktatur eines "undurchsichtigen digitalen Machtzentrums" nicht zu unterscheiden sei die "Informationspiraterie im Stil der Selbstjustiz". Laniers Beitrag mag Schwächen haben, was eine klare Unterscheidung zwischen dem Schutz der Privatsphäre und demjenigen von Staatsgeheimnissen angeht. Er überzeugt dennoch durch seine Nüchternheit angesichts der Hysterie um die Umwälzungskraft des Internets, mit der Lanier wie kein ein anderer vertraut ist.

Besorgt äußert sich auch ein weiterer alter Bekannter der Netztheorie, der Amsterdamer Professor Geert Lovink. Wikileaks sei populistisch, insofern es sich eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Politik zu nutze mache. Die Seite füge sich ein in die zunehmende "Talibanisierung" einer immer vernetzter werdenden Welt, die spektakuläre Einzelaktionen begünstige. Es handele sich um eine SPO – eine Single Person Organisation des "souveränen Hackers" Julian Assange. In der untergehenden Supermacht USA habe sich Wikileaks einen vergleichsweise leichten Gegner ausgesucht. Die Plattform sei daher "ein typisch westliches Produkt" und habe "keineswegs universelle oder auch nur globale Bedeutung".

Gegen Lovinks These spricht, dass das Leaking von Dokumenten nicht eben ein neues Phänomen ist und weit über die angeblich untergehende Supermacht USA hinaus geht. Glücklicherweise macht sich der Politologe Sagar von der Universität Princeton an eine allgemeine politische Theorie des Verrats von Staatsgeheimnissen. Das Durchsickern von Dokumenten sei häufig von politischer Bedeutung, aber bisher von keiner Demokratietheorie gewürdigt worden. Dabei könne nur das illegale Weitergeben interner Informationen die Transparenz des Staates tatsächlich garantieren. Denn diese sei in praktischer Hinsicht ein Paradoxon. Auch unter den Bedingungen des Freedom of Information Act entscheide die Exekutive weitgehend selbst, was an die Öffentlichkeit gelange und was nicht. Staatliche Transparenz sei deshalb oft nur durch den Gesetzesbruch zu verwirklichen.