Bibliothekswesen : Digital ja, national nein

Während europäische Länder digitale Nationalbibliotheken fördern, hält man sich in den USA zurück. Die Gründe dafür sind fehlendes Geld und die Angst vor Google.
Die Bibliothek der Stanford University © Justin Sullivan/Getty Images

Digitale Bibliotheken gibt es viele, Statistiken über sie kaum. Mit Schätzungen sind Experten vorsichtig: Mehrere Hundert sollen es allein in den USA sein. Sie besitzen Millionen von Usern weltweit. Allein die World Digital Library , 2009 von der UNESCO sowie der amerikanische Library of Congress initiiert, verzeichnete in ihrem ersten Jahr weltweit mehr als zehn Millionen Benutzer. Während das digitale Bücherdickicht und die Besucherzahlen rasant wachsen, macht ein Akteur mit seinen Virtualisierungsplänen von sich Reden. Es ist nicht Google Books, es sind die Staaten.

Gleich mehrere europäische Regierungen widmen sich dem Aufbau von digitalen Nationalbibliotheken. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy machte vor rund einem Jahr einen international diskutierten Schritt, als er der Gallica einen Etat von 750 Millionen zusicherte. Im Januar 2010 zogen die Holländer nach: Sie planen, in der kommenden Dekade jedes seit 1470 erschienene niederländische Buch sowie Periodikum zu digitalisieren. Auch Finnland und Norwegen wollen ihre Nationalbibliotheken online einsehbar machen.

"Der entscheidende Aspekt des Vorhabens ist seine Staatlichkeit, sodass die führende national-kulturelle Plattform in Norwegen nicht von einer privaten Organisation wie Google kontrolliert wird", sagt Marianne Takle von der Norwegischen Sozialforschung (NOVA) in Oslo. Damit trifft sie im Kern auch die Beweggründe der anderen europäischen Staaten. Freies Kulturgut in öffentlicher Verantwortung – so lautet die Losung der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB), die in diesem Jahr in den Probebetrieb gehen soll.

Im Vergleich zu den europäischen Bestreben liegt eine Nation auffällig zurück: die Vereinigten Staaten. Zwar digitalisiert die Library of Congress seit 1995 selektierte Sammlungen aus ihren Beständen im Rahmen des National Digital Library -Programms, doch handelt es sich dabei hauptsächlich um historische Akten, Mappen, Zeitungen sowie Fotografien. Von den bislang rund 19 Millionen eingelesenen Dokumenten sind lediglich rund 60.000 Bücher.

Eine digitale Landesbibliothek steht derzeit nicht auf der Regierungsagenda. Anstatt Bücherbestände zu digitalisieren, will die Regierung bereits vorhandene Online-Sammlungen benutzerfreundlich machen. Eine Strategie hierfür ist die punktuelle Bündelung: Im Juli 2010 gab das Bildungsministerium bekannt, es wolle eine Partnerschaft mit dem Smithsonian Institut eingehen, um ein Online-Lernregister zu erstellen. Es soll eine Reihe digitaler Sammlungen von mehreren staatlichen Institutionen miteinander verknüpfen.

Mit den moderaten Ansätzen gibt sich eine kleine Gruppe von Bibliophilen aber nicht zufrieden: Ein Komitee unter der Schirmherrschaft des Berkman Center for Internet and Society an der Harvard Universität gab am 13. Dezember bekannt, es wolle den Aufbau der Digital Public Library of America (DPLA) planen. "Die DPLA soll ein digitales Äquivalent zur Library of Congress werden", sagt Robert Darnton. Der Harvard-Professor und Bibliothekar ist Mitglied des zwölfköpfigen Komitees, das von der Alfred Sloan Foundation finanziert wird. Die Stiftung, von einem ehemaligen General Motors-Präsidenten gegründet, hatte 2009 bereits zwei Millionen Dollar für die Digitalisierung von Büchern an der Library of Congress gestiftet.

Viele in der DPLA-Projektgruppe sind Akademiker. Ihre institutionellen Anbindungen können dem Projekt vom Vorteil sein. So ist einer von ihnen, Paul Courant von der University of Michigan, sowohl ein Initiator der Zusammenarbeit zwischen seiner Universität und Google Books, als auch in den HathiTrust involviert, einer digitalen Bibliothek mit nahezu acht Millionen Büchern und Dokumenten. Andere Angehörige des Komitees verfügen über starke mediale Kontakte, dazu zählt auch Darton. Der Historiker durfte sein Plädoyer zugunsten der Staatsbibliothek per Mausklick kürzlich gleich mehrmals in der New York Review of Books verkünden . Er betrachtet die Errichtung einer Bibliothek der Zukunft als das Erbe einer glanzvollen Vergangenheit: der Aufklärung. Sein Fazit: "Man kann eine Aufklärung zwar nicht legislativ verordnen, aber man kann Regulierungen zur Förderung des öffentlichen Guts erlassen."

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Kommentare

8 Kommentare Kommentieren

Im 19ten Jahrhundert und nach WWII waren....

....oder in armen Gegenden sind staatlich organisierte Bibliotheken sinnvoll. Auch kann man argumentieren, dass die Library of Congress ihrem Mandat folgt, wenn sie die Publikationen, die sie aufbewahrt auch öffentlich zugänglich macht. Aber warum sollte ein prinzipiell privates Gut in einer wohlhabenden Gesellschaft subventioniert werden?

Digital nein! National nein!

So sollte es doch eigentlich heißen. Warum soll jetzt auch so etwas schönes wie Bücher digtalisiert werden?
Digitalenachschlagewerke um geeignet lernen zu können, das würde ich unterstützen. Soll man doch aber auch mal bedenken das Bücher und Schriften etwas traditionelles haben.
Das Geld was dafür bereit gestellt wird, das könnte viel sinnvoller genutzt werden, jeder von uns kann sich da schon etwas vorstellen....

Wie unsicher das Internet und all die Medien die dort drin vertrieben werden doch sind. Sollte man jetzt auch noch jedes Buch dort bekommen? Und Bibliotheken abschaffen. Wie viele Medien werden heute schon Illegal im Internet bereitgestellt und vertrieben? - Wenn ich Autor wäre, wäre ich doch glücklich etwas in den Händen halten zu können, nichts abstarktes was nur im Internet und am Computer lesbar ist.

Das hat für mich auch nichts mit Aufklärung zutun!

Wieso digital nein?

gerade die deutschen Bücher, die bis in die 30er Jahre in Fraktur geschrieben sind, können (bzw wollen ! - es ist nur Gewöhnungssache) von den meisten Menschen nicht mehr gelesen werden. Digitalisierungsprogramme können diese Aufgabe nicht direkt übernehmen, es ist viel Arbeit, zumal (vor 1900) nicht nur die deutsche Rechtschreibung anders war, der Wortschatz war anders; viele lat., ital., franz. Ausdrücke und viele Ausdrücke, die aus der deutschen Sprache verschwunden sind, kaum findbar auch im Internet (solche Worte /Redewendungen müssten mit Sternchen erklärt werden) findet man in diesen Büchern, die eine Schatzgrube sind, denn es wurde damals schon viel geschrieben, aber es gab nur kleine Auflagen.
Es wäre eine nationale Aufgabe, und insb. Rentner/innen könnten sich hinsetzen und solche alten Bücher am PC mit Erklärungen digitalisieren und den Staatsbibliotheken anbieten, das wäre eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, die jung hält ... und nebenbei ein schöner, sinnvoller Beitrag zum deutschen Kulturerbe

Frei muss nicht kostenlos bedeuten

Der Zugang muss ja nicht unbedingt kostenlos sein, aber erschwinglich und ohne künstliche Barrieren.

Die Mehrheit der Menschen (in Deutschland) besitzt sowieso schon einen Zugang zum Internet. Digitale Bücher dürften im Internet kaum ins Gewicht fallen, denn schon eine einzige Sekunde digitalen Fernsehens entspricht etwa Tolstois Krieg und Frieden.

Der eigentliche Kostenaufwand wird eher im Digitalisieren der Bücherbestände liegen, aber das ist auf jeden Fall gerechtfertigt und sinnvoll, z.B. weil es Recherchen extrem beschleunigt und die Vervielfältigung vor Verlust schützt.