Dem galizischen Schriftsteller Bruno Schulz zufolge schlummert der Keim eines Werks bereits in seinem Rohmaterial. In seinen Zimtläden von 1934 heißt es: "Der Demiurg hatte kein Monopol auf Schöpfung – Schöpfung ist ein Privileg aller Geister. Die ganze Materie wogt von unbegrenzten Möglichkeiten, die in matten Schauern durch sie hindurchgehen."

Jonathan Safran Foers kürzlich in den USA erschienenes Buch Tree of Codes lag seinerseits als Möglichkeit schon immer in Schulz' Zimtläden . Es besteht lediglich aus der englischen Übersetzung des polnischen Originals. Diesen Text hat der New Yorker Autor so ausgeschnitten, dass er einen neuen Sinn ergibt. Aus der Street of Crocodiles , wie Schulz' Kurzgeschichtensammlung auf Englisch heißt, wird somit der Tree of Codes – wobei auch der neue Titel im alten enthalten ist. Aus den Schilderungen des Lebens einer jüdischen Familie im Galizien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wird durch die Auslassungen eine zeitgenössische Erzählung.

Zuallererst ist Foers neues Werk ein Designobjekt von umwerfender haptischer Qualität, das den Leser schon beim ersten Anfassen fesselt. Da auf jeder Seite viel mehr ausgeschnittene Stellen als übrig gebliebene Worte sind, ist das Buch zwischen den Deckeln fast hohl. Beim Lesen rascheln die Blätter fragil, verhaken sich ineinander, drohen bei jeder abrupten Bewegung zu zerreißen.

Eine solche Studie der Materialität des Buches war nie aktueller. Zumindest in den USA sind Kindle und iPad schon jetzt eine ernstzunehmende Konkurrenz für das gedruckte Buch. Tree of Codes ist ein Text, der sich garantiert nicht digitalisieren lässt. Es ist kein Wunder, dass der Titel beim Verlag bereits zeitweilig ausverkauft war. Glücklich, wer das Sammlerobjekt rechtzeitig erstehen kann.

Aber das zerschnittene Buch ist auch eine überaus gelungene Hommage an Schulz. Schon Foers Debütroman Alles ist erleuchtet schuldete den Zimtläden die Schilderungen des fiktiven Schtetls Trachimbrod. Jetzt, mit der Ausschneidetechnik, soll der Charakter des Originals als einer fragmentarischen Überlieferung verdeutlicht werden, wie im Nachwort erläutert wird. Schulz stehe exemplarisch für das Schicksal der zerstörten jüdischen Kultur Ostmitteleuropas. Wie die Tzetel in der Mauer des zerstörten zweiten Tempels verwiesen dessen Kurzgeschichten auf einen größeren, verlorenen Zusammenhang – unter anderem auch auf seinen Roman Messias , der in den Wirren der Pogrome verschollen sei. In den Lücken des Textes wird also gerade das thematisiert, was von der Kultur Galiziens nicht überliefert werden konnte.

Das Thema der Vergänglichkeit spiegelt sich auch in der neu erzeugten Erzählung. Dort heißt es: "Wir sind keine langfristigen Wesen, keine Helden aus Romanen mit mehreren Bänden. Gib offen zu: Unsere Schöpfungen werden nur vorübergehend sein. Das sollen wir als unser Ziel haben: Eine Geste." Bei Schulz selbst hatte die Passage noch von der Eigenschaft von Modepuppen gehandelt, jetzt wird sie allgemein.