Anders ausgedrückt: Die in Deutschland etablierte Form der sozialen Marktwirtschaft mildert die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus, zumindest auf der Ebene des Individuums. Gleichzeitig wird es komplizierter, die inneren Widersprüche des Systems bloßzulegen. Der Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl geht in seinem Urteil noch weiter: "In Deutschland gibt es jene Prototypen gar nicht, die angelsächsische Autoren beschreiben." Der Spekulant zum Beispiel habe hier keinen herausgehobenen Standort wie an der New Yorker Wall Street.

Martin Walser beschreibt in Angstblüte einen Prototyp des Finanzkapitalismus. Der im Jahr 2006 erschienene Roman umkreist die kalte Welt des reichen Anlageberaters Karl von Kahn. Der Autor ästhetisiert die hoch strittige Idee vom freien Markt, indem er seinen Protagonisten etwa sagen lässt: "Der Weltprozess entscheidet sich immer für das Bessere." Karl von Kahn bejaht die Dominanz des Marktes über die Politik.

Im gleichen Jahr erschien ein weiteres bemerkenswertes Buch, Joachim Zelters Schule der Arbeitslosen . Darin schildert der Autor den Versuch des Staates, Arbeitslose in einem Trainingscamp so zu schulen, dass sie sich auf dem Markt gegen Mitbewerber durchsetzen. Gleichzeitig zeigt er die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens in einer Gesellschaft, in der es weniger Arbeitsplätze als Erwerbslose gibt. Zelter findet für diesen Stoff eine beklemmend sachliche Sprache, doch zwischen den Zeilen ist der Roman erschütternd.

Wie die ökonomischen Grundlagen unterscheiden sich dies- und jenseits des Atlantik die kulturellen Entstehungsbedingungen von Literatur. Die deutsche Nationalliteratur formierte sich im späten 18. Jahrhundert. Dieser Prozess fällt in die Zeit der Aufklärung und in die Epoche der Empfindsamkeit. Die daraus erwachsenden Figuren besitzen eine reiche Innerlichkeit, sind in der Regel jedoch ökonomisch unbeholfen wie Goethes Werther. "Die Welt der Kaufleute", sagt Peter von Matt, "interessiert nur als negative Folie für das innerlich erregte, in Fantasie und Kunst blühende Subjekt des prototypischen Helden. In der ganzen Romantik ist das ein prägendes Schema und lebt bis heute fort."