Philip RothErlösung gibt es nicht

Gott und die Kinderlähmung: Philip Roth erzählt in seinem Roman "Nemesis" von einer Polio-Epidimie und einem Sportlehrer, den Schuldgefühle quälen. von Gerrit Bartels

Philip Roth hat für "Nemesis" einen jungen Mann mit besten Absichten als Protagonisten gewählt – erstaunlicherweise

Philip Roth hat für "Nemesis" einen jungen Mann mit besten Absichten als Protagonisten gewählt – erstaunlicherweise  |  © AFP/Getty

Ein wenig Furcht schwingt immer mit, wenn wieder ein neuer Roman des unermüdlichen Philip Roth angekündigt wird. Ob Roth seine Helden erneut mit grünen Dildos und anderem Sexspielzeug zur Sache gehen lässt, wie in seinem 2009er-Roman Demütigung ? Ob es wieder um ältere Männer geht und deren Prostatabeschwerden, um deren nie versiegenden Bedarf an Sex und Liebe, wie in Das sterbende Tier , Exit Ghost oder Jedermann ; um Männer also, deren letzter Lichtstreif am Horizont stets jüngere, "geschmeidige, großbrüstige" Frauen sind?

Von der Altmännerfantasie der pornografischen Sorte kann Roth in seinem Spätwerk nicht lassen, wiewohl er der Problematik seiner Helden viele andere, universellere Facetten abgewinnt: die Angst vor dem Nachlassen auch der geistigen Kräfte im Alter, vor dem Tod, die Vergeblichkeit aller menschlichen Bestrebungen, die Paranoia der USA nach 9/11.

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Im Fall des jüngsten Roth-Romans, der im Herbst in den USA veröffentlicht wurde und nun auf Deutsch vorliegt, sind Befürchtungen wie die oben genannten jedoch unbegründet: Nemesis kommt fast ohne Sex und ohne alte Männer aus.

Er handelt zunächst vom Ausbruch einer (fiktiven) Polio-Epidemie in Roths Heimatstadt Newark im Sommer 1944. Die Stadtbewohner, die es sich leisten können, verbringen die Ferien auf dem Land und in den Bergen oder schicken ihre Kinder fort, weil sie glauben, "die Stadt mit ihren schmutzigen Straßen und der stickigen Luft begünstige eine Ansteckung".

Hauptfigur des Romans ist Bucky Cantor, "einer der sehr wenigen jungen Männer in unserem Viertel (...), die nicht in den Krieg gezogen waren" – aufgrund einer extremen Kurzsichtigkeit. Cantor ist Sportlehrer, er hat in den Ferien die Aufsicht auf einem der städtischen Sportplätze. Zwei seiner Schützlinge erkranken an Polio und sterben. Kurz darauf entschließt er sich, eine Stelle als Schwimmlehrer in einem Feriencamp in den Bergen anzunehmen, wo sich seine Freundin und zukünftige Frau Marcia und deren jüngere Zwillingsschwestern aufhalten.

Doch die Schuldgefühle, sich aus der Verantwortung gestohlen zu haben, nagen an ihm. Nur kurz kann er die Freude von Marcia teilen: "Für einen Augenblick gelang es ihm, den Verrat an seinem Engagement und seiner Verantwortung für die beiden Jungen beinahe zu vergessen; es gelang ihm, das Ausmaß seiner Empörung darüber zu vergessen, dass Gott den unschuldigen Kindern von Weequahic etwas antat, das einer Heimsuchung gleichkam." Und er fragt sich: "Wie hatte er nur tun können, was er getan hatte?"

Genau diese Frage stellt Bucky Cantor sich in Folge andauernd, hat er doch "die Lösung all seiner Probleme bisher stets in Sorgfalt, Verantwortungsbewusstsein und harter Arbeit gefunden". Inzwischen aber steckt er voller Schuldgefühle und Gotteszweifel, sei es, dass er daran denkt, dass seine Mutter im Kindbett sterben musste, sei es, dass er sich vorwirft, anders als zwei seiner besten Freunde um den Krieg herumgekommen zu sein. Als die Polio auch im Feriencamp zuschlägt, ist es ganz aus mit ihm. Er glaubt derjenige zu sein, der das Virus mit in die Berge gebracht hat; verstärkt wird diese Selbstanklage dadurch, dass er selbst schwer an Kinderlähmung erkrankt.

Leserkommentare
    • Dkern
    • 21. Februar 2011 16:04 Uhr

    Roth neuer Roman ist ein vergnüglicher Trivialroman, der seinen eigenen Anspruch nach dem politischen Zusammenhang zwischen Kleinem und Großem nicht zu erfüllen vermag:
    http://www.davidkern.at/?p=1569

    • HapeWi
    • 06. April 2011 17:10 Uhr

    Ein wirklich schwaches Werk, dessen Rezeption mich an der Literaturkritik zweifeln läßt. Ein Roman, der Tiefe behauptet aber nicht erfahren läßt, ein Roman, der sich letzten Fragen mit einer aus meiner Sicht recht überschriftenartige Haltung nähert, ein Roman, der mich trotz tragischen Scheiterns nicht berührt hat.
    Da hätte ich dann doch lieber etwas über grüne Dildos gelesen (was aber auch nicht sein muß)!
    Ein schwacher irgendwie trivialer Roman.
    Große Enttäuschung!

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