TürkeiIstanbuler Gericht bekräftigt Freispruch für Pinar Selek

Ein Istanbuler Gericht hat die Schriftstellerin Pinar Selek freigesprochen. Die Richter stellten sich damit gegen eine Empfehlung des Obersten Gerichts. von AFP und dpa

Die Autorin Pinar Selek

Die Schriftstellerin Pinar Selek  |  © Privat/ P.E.N.-Zentrum Deutschland

Die im deutschen Exil lebende und in der Türkei von einer lebenslangen Haftstrafe bedrohte Soziologin Pinar Selek kann neue Hoffnung schöpfen. Ein Schwurgericht in Istanbul bekräftigte in einer vorläufigen Entscheidung einen früheren Freispruch für Selek und widersprach damit dem Obersten Berufungsgericht in Ankara, das eine Verurteilung der Angeklagten wegen siebenfachen Mordes verlangt hatte.

Ende November war bekannt geworden, dass das Oberste Gericht in Ankara den Fall zurück an das Gericht in Istanbul verwiesen hat, nachdem auch ein zweiter Freispruch aufgehoben worden war. Die höchsten Richter legten eine juristische Meinung bei, nach der sie eine lebenslange Haftstrafe unter erschwerten Bedingungen für nötig halten.

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Selek reagierte erleichtert auf die Bekräftigung des Freispruchs durch das Istanbuler Gericht. Das Verfahren soll am 22. Juni fortgesetzt werden. Als Anhängerin der verbotenen Rebellengruppe Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) soll Selek 1998 bei einem Anschlag im Gewürz-Basar von Istanbul den Tod von sieben Menschen verschuldet haben. Mehrere Gutachter erklärten jedoch, nicht eine Bombe, sondern ein Gasbehälter sei damals explodiert.

Obwohl die Angeklagte gefoltert und im Verlauf des jahrelangen Rechtsstreites zweimal freigesprochen wurde, befand sie das Oberste Berufungsgericht der Türkei im November erneut für schuldig und ordnete die jetzt begonnene Neuverhandlung an.

Seleks Vater, der Anwalt Alp Selek, sagte dem Nachrichtensender CNN-Türk, wenn die Staatsanwaltschaft gegen die Bekräftigung des Freispruchs Einspruch erhebe, werde sich das Berufungsgericht in Ankara erneut mit dem Fall befassen. Er hoffe aber auf einen endgültigen Abschluss des Prozesses gegen seine Tochter, die nicht zur aktuellen Verhandlung in Istanbul erschienen war. Pinar Selek selbst sagte dem türkischen Nachrichtensender NTV, sie habe in den vergangenen Jahren viel Schlimmes durchgemacht. "Aber jetzt will ich nicht an schlimme Dinge denken, ich will glücklich sein."

Zum Auftakt des neuen Prozesses wiesen Seleks Verteidiger auf Widersprüche in den Berichten über die angebliche Bombe im Gewürz-Basar hin. Damit habe die Verteidigung gezeigt, dass die Berichte manipuliert worden seien, um die Explosion wie einen Bombenanschlag aussehen zu lassen, sagte die Türkei-Vertreterin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), Emma Sinclair-Webb. Auch reichte die Verteidigung medizinische Berichte über die Folter an Pinar Selek ein. Sinclair-Webb lobte die Haltung des Istanbuler Gerichts als Entscheidung, die den Rechtsstaat in der Türkei stärke.

Mehrere Menschenrechtler und Politiker aus Europa, darunter die Co-Vorsitzende der Europäisch-Türkischen Parlamentarierkommission, Hélène Flautre, waren zum Prozessauftakt nach Istanbul gekommen. Namhafte türkische Intellektuelle wie der Schriftsteller Yasar Kemal erschienen ebenfalls vor dem Gerichtsgebäude. Auch die Familie des vor vier Jahren von Nationalisten erschossenen armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink unterstützt die Soziologin.

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    • Quelle AFP, dpa
    • Schlagworte PKK | Folter | Gericht | Hrant Dink | Türkei | Yasar Kemal
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