"Weil ich dumm war." Der Angeklagte sagt es im trägen, schwerverständlichen Nuscheldialekt der Region. Da fragt der Jugendrichter lieber noch einmal nach, halb erstaunt, halb in Richtung der Protokollantin: "Weil Sie dumm waren?" Der Richter ist ein routinierter Bürokrat. "Maximal zwei Stunden" hat er für die Verhandlung eingeplant. Was an diesem verregneten Herbsttag in Halberstadt vor dem Jugendschöffengericht verhandelt wird, ist für ihn nichts Neues. Der Lokalpresse war es nicht mal eine Kurzmeldung wert. In der Anklageschrift steht: "gefährliche Körperverletzung".

Der 19-jährige Kai Brügger (Name geändert) schaut den Richter in geduckter Haltung an, ein bisschen so, als erwarte er jeden Moment einen Schlag auf den kahlrasierten Kopf. In seinem geröteten Gesicht sprießt ein pubertärer Flaum, sein Nacken wirft dicke Falten. Wenn ihn der Richter auffordert, doch bitte etwas deutlicher zu sprechen, wiederholt Brügger seine ohnehin knappen Sätze. Nicht deutlicher, aber etwas lauter. Immer wieder, wenn der Angeklagte im Laufe der Sitzung etwas sagt, muss der Richter nachhaken – auch zu der Frage, wie Brügger selbst seine Tat einschätze: "Nicht gut finden Sie das? Aha."

Vor dem Gerichtsgebäude war Kai Brügger bereits von Freunden erwartet worden. Einer von ihnen trug ein bierdeckelgroßes Hakenkreuz-Tattoo am Hinterkopf, in der Hand eine Flasche "Sternburg Export". Morgens, halb zehn in Sachsen-Anhalt.

Auf die vorsichtige Frage des Richters, ob Brügger sich selbst als "eher so rechts" verstehe, nuschelt er zustimmend: "Ich hab immer noch die Meinung." Für die Gerichtsverhandlung hat er sich ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Zillertaler reloaded -- Widerstand nach Noten" angezogen, ein Fan-T-Shirt einer Rechtsrockband. Über seinem linken Handrücken klebt ein breiter Streifen blaues Klebeband. Als ihn der Nebenklagevertreter fragt, ob sich darunter eine rechtsextreme Tätowierung befinde, antwortet Brügger: "Dazu sag ich nix." Und nachdem ihm vor Gericht die Anklageschrift vorgelesen wurde, korrigiert er nur ein paar Details: "Der Rest stimmt alles."

Der "Rest" hört sich in der Beweisaufnahme so an: An einem Frühsommerabend hatten Brügger und ein Mittäter, dessen Namen er nicht nennen will, vor der "Zora", einem stadtbekannten Treffpunkt der linksalternativen Szene, gegen 23 Uhr zwei Jugendliche entdeckt, die gerade auf dem Heimweg waren. Noch im Vernehmungsprotokoll der Polizei hatte Brügger sie als "Zecken" bezeichnet.

Einer der beiden, Florian K., sitzt als Nebenkläger im Gericht. Der 15-jährige Schüler hat gefärbte Haare, die Ohren mit Sicherheitsnadeln durchstochen und sieht sich selbst als "Punk". Seine Mutter verdreht kurz die Augen, wenn sie das hört.

Florian K. berichtet, wie Kai Brügger mit den Worten "Scheiß Zecken, ihr seid es nicht wert zu leben!" eine Bierflasche nach ihm warf, seinen Kopf dabei nur knapp verfehlte, ihn anschließend zu Boden gezerrt, mehrfach von hinten auf seinen Kopf geschlagen und irgendwann – keiner weiß mehr, warum – damit aufgehört habe. Der Richter fragt Brügger, ob er das Opfer auch getreten habe. "Nee, nur ein Mal", sagt Kai Brügger.

Der Tathergang klingt fast wie ein Text der "Zillertaler", als deren Fan sich der Angeklagte im Gericht präsentiert. Zur Melodie von "Kreuzberger Nächte singt lang" singt die Band: "… plötzlich kommen zwei Zecken auf mich zu, / zwei Tritte in die Schnauze, dann ist Ruh. / Sie liegen da in ihrem eigenen Blut, / ich muss euch sagen, dieser Anblick tut mir gut." Florian K. wurde nicht schwer verletzt, der Schüler war nicht mal beim Arzt. Und wäre ihm beim Übergriff nicht auch sein Fahrrad gestohlen worden, wäre er gar nicht zur Polizei gegangen. Als der Schüler auf dem Revier jedoch die Umstände des Diebstahls schilderte und Kai Brügger als Tatbeteiligten nennen konnte, wurde die Polizei hellhörig. Noch am selben Tag wurde Brügger vernommen und gestand die Prügelattacke.

Jedes Jahr zählt der Verfassungsschutz rund tausend Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund in der Bundesrepublik. Bezogen auf die Einwohnerzahl, liegt Sachsen-Anhalt bei den rechtsextrem motivierten Gewalttaten seit Jahren mit an der Spitze der Statistik. Wie überall sind es zum Großteil Körperverletzungen. Neben "fremdenfeindlichen Gewalttaten" sind dabei Angriffe auf "Linksextremisten oder vermeintliche Linksextremisten" der Normalfall – auch in Halberstadt.

Doch von den wenigsten erfährt die Öffentlichkeit überhaupt etwas. So wie im Fall Kai Brügger. Nicht mal die Halberstädter "Volksstimme" hat einen Journalisten zu dem Termin ins Amtsgericht geschickt. Was gäbe es auch zu berichten, das nicht schon alle wissen, die in Halberstadt leben.

 

Die 40.000-Einwohnerstadt liegt am Fuße des Harz, gut 30 Kilometer östlich der früheren deutsch-deutschen Grenze. Anders als in den nahegelegenen Touristenzentren Quedlinburg und Wernigerode wurde die historische Halberstädter Innenstadt kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombenangriff fast vollständig vernichtet. Die Reste der Altstadt rotteten zu DDR-Zeiten vor sich hin oder mussten sozialistischen Plattenbauten weichen. Übrig blieben ein paar inzwischen restaurierte Fachwerk-Häuschen und die historische Straßenbahn, die "Halberstädter Bimmel". Die Reisebusse machen ihre kurzen Zwischenstopps in Halberstadt aber vor allem wegen des imposanten gotischen Doms, der aussieht, als gehöre er gar nicht hierher.

Und wer durch die Neubaustraßen der Innenstadt läuft, muss nicht lange suchen, bis er die ersten Hakenkreuzschmierereien entdeckt - oder junge Menschen, denen man ihre rechte Gesinnung sofort ansieht. Dabei ist Halberstadt mitnichten eine NPD-Hochburg: ein Sitz im Stadtrat und (unweit einer Neonazi-Kneipe) ein Bürgerbüro für Hartz-IV-Beratungen... Doch die Halberstädter Polizei beobachtet "eine feste rechte Szene" in der Stadt, die der Verfassungsschutz als "unstrukturiert", aber "gewaltbereit" einschätzt – mit gutem Grund: Außer von nächtlichen "Sieg Heil"-Rufen in der Innenstadt muss die Polizei immer wieder von gewalttätigen Übergriffen berichten. Dass 2004 etwa zwei 18- und 23-jährige Neonazis einen 24-jährigen "Punk" unter Rufen wie "Fahr das Schwein tot!" auf einem Feldweg mit dem Auto jagten, ihm anschließend mit Eisenstangen auf den Kopf schlugen und dabei "Los, bring den um!" riefen, ist nur ein Beispiel von vielen. Und 2007 sorgte der Überfall auf Ensemble-Mitglieder einer "Rocky Horror Picture Show"-Aufführung in Halberstadt für bundesweite Schlagzeilen und beschäftigt bis heute den Landtag von Sachsen-Anhalt – nicht zuletzt wegen der überforderten Polizei vor Ort.

Kai Brüggers indes muss nicht damit rechnen, dass sein abendlicher Angriff auf die "Zecken" in den Statistiken rechtsextremer Gewalttaten auftaucht. Denn der zuständige Jugendrichter nennt "das rechtsextreme Gedankengut, das natürlich auch hinter dieser Tat steht“, am Ende der Verhandlung schlicht "jugendtypisches Lagerdenken", die Tat selbst eine "jugendtypische Verfehlung" -- und verurteilt Brügger an diesem Donnerstag im Oktober zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit, einem Anti-Aggressions-Training und 400 Euro Schmerzensgeld.

Zuletzt ermahnt ihn der Richter, wie er es offenbar bei jugendlichen Straftätern gewohnt ist, dass er ihn nicht noch einmal auf der Anklagebank sehen möchte. Dann korrigiert er sich selbst: "… abgesehen natürlich von der anderen Tat, die hier demnächst verhandelt wird."

Denn Kai Brügger hat noch einmal zugeschlagen.

Wieder traf es einen 15-jährigen Schüler: Christopher S., in der linken Szene Halberstadts aktiv. Brüggers Übergriff auf Christopher S. wird, einige Wochen nach seiner ersten Verurteilung, im selben Gerichtssaal verhandelt. Auch Richter, Staatsanwalt, Protokollantin sind dieselben. Der Angeklagte Brügger erscheint sogar im selben Outfit: schwarze Jogging-Hose, schwarzer Kapuzenpulli, das Tattoo auf dem Handrücken ist wieder großflächig abgeklebt. Nur sein "Zillertaler"-Shirt hat er diesmal gegen ein weniger auffälliges getauscht. Und statt Florian K. sitzt ihm nun als Nebenkläger Christopher S. mit seinem Rechtsanwalt gegenüber.

Die Anklage lautet dieses Mal: "Gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen und Bedrohung". Und die Jugendgerichtshelferin kann Gutachten und Sozialprognose aus Brüggers letztem Gerichtstermin weitgehend wiederverwenden: Aufgewachsen bei seinen Großeltern, weil Brüggers Mutter mit ihm und seinen beiden jüngeren Geschwistern überfordert war, sei seine Erziehung "sehr schwierig, sehr problematisch", eine Rückführung in die Familie nach dem Tod der Großeltern "nicht möglich" gewesen, weil es "zwischen Mutter und Sohn keine persönliche Bindung" gegeben habe. Brüggers schulische Entwicklung: "ebenfalls schwierig", Abgang ohne Abschluss nach der 8. Klasse. Im Sommer habe er seinen Hauptschulabschluss nachgeholt und eine überbetriebliche Ausbildung als "Bauten- und Objektbeschichter" begonnen, die er – und das ist die einzige Neuigkeit im Gutachten – inzwischen wieder abgebrochen habe.

Das Fazit der Jugendgerichtshelferin unterscheidet sich nicht von dem in Brüggers erstem Prozess: Obwohl volljährig, sei er gemäß Jugendstrafrecht zu behandeln, da er im Denken "sehr, sehr einfach strukturiert und gruppenbezogen " sei. Als der Nebenklageanwalt nachhakt, was für eine "Gruppe" das denn eigentlich sei, die den Angeklagten präge, schüttelt die Jugendgerichtshelferin genervt den Kopf und sagt: "Die, die für ihn in dieser Situation wichtig sind."

Einer aus dieser Gruppe sitzt dieses Mal neben Kai Brügger auf der Anklagebank – kahlrasiert, aber im unauffälligen grauen Pulli und Karohemd: Thomas Erdmann (Name geändert), Spitzname "Sturmschritt". Dem Gericht ist der hagere 17-Jährige kein Unbekannter, er war wegen Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen und Körperverletzung bereits zweimal in Jugendarrest. Für Erheiterung im Publikum sorgt die Bemerkung seines Jugendgerichtshelfers, dass der Schulverweigerer Erdmann immerhin erfolgreich ein Praktikum absolviert habe – im "Ragnarök", einem Halberstädter Laden für Neonazi-Devotionalien.

Erdmann sitzt zurückgelehnt neben seinem Anwalt. Brügger hingegen ist ohne Rechtsbeistand erschienen. Auf die Frage des Richters, ob er sich in der Lage fühle, sich selbst zu verteidigen, zeigt Brügger auf den Verteidiger seines Kumpels: "Der ist doch schon Anwalt." Das Gericht organisiert ihm trotzdem noch auf die Schnelle eine Pflichtverteidigerin.

 

Denn den beiden jungen Männern wird in der Anklageschrift immerhin eine "das Leben gefährdende Behandlung" vorgeworfen. Der Staatsanwalt trägt vor, dass Brügger dem Opfer beim jährlichen Osterfeuer, einem öffentlichen Fest mit Wurfbuden und Getränkeständen, zunächst einige "Faustschläge " verpasst und ihm anschließend gedroht habe: "Wenn ich dich nochmal auf der Straße treffe, bring ich dich um." Später am Abend hätten Brügger und Erdmann dem Jugendlichen dann durch "mehrere Fußtritte mit Straßenschuhen Hämatome, eine Platzwunde am Auge und eine Zahnverletzung beigebracht " -- laut Staatsanwalt "ohne Anlass".

Das sieht Bianca F., die Mutter von Christopher S., anders. Immerhin hatte ihr Sohn am Tatabend nicht nur eine punkige Frisur, sondern auch einen "Gegen Nazis"-Aufkleber auf dem Pulli getragen. Und hatte ihr nicht der stellvertretende Bürgermeister, als sie bei ihm wegen des Übergriffs auf ihren Sohn vorstellig geworden war, ins Gesicht gesagt, das Ganze wäre ja wohl nicht passiert, wenn Christopher am Osterfeuerabend "ein anderes T-Shirt getragen hätte"? Die umtriebige, resolute Frau mit der wasserstoffblonden Ted-Frisur, die in der Halberstädter Altstadt einen Beauty-Salon betreibt, lacht verständnislos, wenn sie davon erzählt.

Schließlich war sie ja selbst dabei, als Kai Brügger mit seinen Freunden über die Osterfeuerwiese streunte, ihren Sohn mit der Faust ins Gesicht schlug und drohte, ihn umzubringen. Sie ging dazwischen -- und brachte es im Anschluss sogar fertig, dass Brügger sich von ihr fotografieren ließ. Der Schnappschuss zeigt den jungen Mann, wie er in die Kamera lacht. Sein rundliches Gesicht ist gerötet, sein Blick heiter, vielleicht ein wenig trüb vom Alkohol. "Ruhm & Ehre der deutschen Wehrmacht" steht auf seinem T-Shirt.

Bianca F. ist eine politische Frau, auch wenn sie sich selbst nicht politisch engagiert. Sie hält die zahllosen Übergriffe Rechtsextremer nicht für ein Jugendphänomen und erzählt nicht ohne Stolz, dass nicht nur ihr Sohn Christopher, sondern auch ihre ältere Tochter in der linken Szene Halberstadts aktiv ist. Was den Angriff auf ihren Sohn anbelangt, findet Bianca F. im Nachhinein die Reaktion der anderen Osterfeuerbesucher noch schlimmer als die eigentliche Tat. "Nix!", sagt sie, hätten die Umstehenden gemacht, die Feuerwehr habe (hätte) sich für nicht zuständig erklärt, und die Polizei... Bianca F. macht eine hilflose Geste. Nachdem sie wegen der Sache an die Öffentlichkeit gegangen war, habe die Polizei für die Zukunft "das bestbewachte Osterfeuer" versprochen. "Na, bravo!", sagt Bianca F. bitter. "Dann geht doch keiner mehr hin – und es gibt wieder ein Fest weniger in Halberstadt!" Nur ändern werde sich nichts.

Vor Gericht interessiert das alles nicht. Bianca F. wird, obwohl als Zeugin geladen, nicht einmal gehört. Stattdessen verständigen sich Richter, Staatsanwalt und die Anwälte beider Seiten rasch auf ein sogenanntes "Rechtsgespräch ", einen "Deal", um das Verfahren zu verkürzen: Auf eine Beweisaufnahme mit Zeugenvernehmungen wird verzichtet, wenn die Angeklagten die Tat komplett zugeben und sich bei Christopher S. entschuldigen.

Also sagt Kai Brügger kurze Zeit später im Sitzungssaal: "Ich weiß, dass es scheiße war, und will mich dafür entschuldigen." Der Richter klingt nicht ganz zufrieden, er weist den Angeklagten an: "Sagen Sie das nicht mir, sagen Sie das dem Opfer!" Brügger schaut zum Opfer und wiederholt seine Worte. Ob er nicht vielleicht auch aufstehen wolle, schlägt ihm der Richter vor. Brügger schüttelt den Kopf, das möchte er wirklich nicht.

Sein Kumpel Erdmann wirkt da pragmatischer. "Tut mir leid, dass das vorgekommen ist und so weiter!", sagt er, breitbeinig stehend, mit halbwegs deutlicher Stimme und setzt sich wieder hin. Das reicht dem Richter. Es ist schon fast halb zwölf, Zeit für die Plädoyers.

Der Staatsanwalt fasst sich kurz. Wichtig ist ihm, dass es die Angeklagten "in ihre Schädel kriegen, dass jeder Bürger das Recht hat, sich dort aufzuhalten, wo er sich aufhalten darf" und "eine andere Sichtweise" kein Grund für Gewalttätigkeiten sei. Auf die "politische Motivation der Tat" hinzuweisen, überlässt er dem Anwalt von Christopher S.

Brüggers eilig herbeitelefonierte Pflichtverteidigerin hingegen will davon nichts wissen. Sie habe sich zwar nur "auf die Schnelle in die Sachakte einarbeiten" können, sagt sie. Doch erscheine es ihr "nicht sachgerecht", die Körperverletzung "auf politische Ziele zu reduzieren": "Man trinkt, man ist lustig, man trifft auf Bekannte, dann wird der Stinkefinger gezeigt", und zuletzt hätten die Angeklagten eben "ein paar draufgehauen", sagt sie. Das alles sei doch "jugendtypisches Verhalten".

 

Eine Auslegung, die auch der Richter teilt. Man tue, sagt er in einem "kleinen Exkurs", den beiden Angeklagten doch letztlich "zu viel der Ehre", wenn man ihre Taten als "politisch motiviert" betrachte. Natürlich gebe es klare Anhaltspunkte, dass der Übergriff in der rechten Haltung der Angeklagten wurzele, aber zugleich auch "keine konkrete Feststellung" zum politischen Hintergrund in den Ermittlungen der Polizei – und damit nichts, worauf er eine Würdigung der Tat als "politisch motiviert" stützen könne. Sein Fazit: "So wichtig ist das hier nicht."

Entscheidend für das Strafmaß sei ja die "Körperverletzung im öffentlichen Raum". Und so verurteilt er Kai Brügger schließlich zu acht, Thomas Erdmann zu neun Monaten Jugendstrafe -- beides auf Bewährung. Außerdem muss Erdmann an einem Anti-Aggressions-Training teilnehmen und Brügger sich einer Einzelbetreuung durch einen örtlichen Bewährungshilfeverein unterziehen. Und wie schon beim letzten Prozess gegen Kai Brügger mahnt der Richter zum Abschied väterlich, er wolle die Angeklagten nicht wieder vor Gericht sehen.

Es ist inzwischen kurz nach 12 Uhr mittags, Kai Brügger verabschiedet sich vor dem Gerichtsgebäude freundschaftlich von seinem Mittäter und geht mit einem anderen Kumpel zu einem Billigsupermarkt in der Plattenbausiedlung auf der anderen Straßenseite, einem stadtbekannten Treffpunkt der rechtsextremen Szene, der passenderweise NP-Markt heißt. Wenig später steht Brügger wieder vorm Eingang des Discounters. Man kann ihn vom Gericht aus sehen: in der Hand ein Bier – 39 Cent der halbe Liter.

Auszug aus:
Astrid Geisler, Christoph Schultheis: Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland
224 Seiten. Broschiert. € 15,90 (D)
Carl Hanser Verlag, München
Das Buch ist ab 7.2.2011 im Buchhandel erhältlich.
Dieses Kapitel wurde für den Vorabdruck gekürzt.
Unter heile-welten.de führen die Autoren ein Blog zum Buch.