Leipziger Buchmesse Das verzwickte Buchfrühjahr

Auf der Buchmesse wird der Leipziger Buchpreis verliehen. Die Jury muss aufpassen, dass die Auszeichnung nicht ihren Wert verliert.

Es gehört zum Wesen einer Buchmesse wie der in Leipzig, dass hier gelesen, geredet, sich ausgetauscht und manchmal ein Geschäft getätigt wird. Die Buchbranche präsentiert ihre Neuerscheinungen, sie diskutiert die Situation auf dem Buchmarkt und wie dieser sich in den nächsten Jahren durch die Digitalisierung verändern wird; dabei ist weiterhin höchst ungewiss, ob zum guten oder schlechten der Verlage und des Buchhandels.

Ebenfalls zum Wesen einer Buchmesse gehört, dass dort zahlreiche, ganz dem Analogen verpflichtete Preisverleihungen stattfinden. Sie bieten dem Publikum Orientierung, sie fungieren als Leuchttürme im oft unüberschaubaren Messetreiben. Nachdem Martin Pollack den Preis der Europäischen Verständigung bekommen hat, stehen in den nächsten Tagen an: die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse, des Preises der Literaturhäuser, des Kurt-Wolff-Preises (an den Berliner Transit Verlag) und des Alfred-Kerr-Kritikerpreises (an Ina Hartwig).

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In den vergangenen Jahren war es so, dass der 2005 nach der Pleite mit dem sagenumwobenen "Butt" geschaffene Preis der Leipziger Buchmesse das meiste Interesse auf sich zog, beim Publikum wie im Betrieb selbst. Dieses Jahr allerdings stellt sich das anders dar, auch dieser in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung ausgeschriebene Preis ist gewissermaßen eingemeindet worden und wird ohne Aufregung behandelt.

Der Preis hat sich durchgesetzt, könnte man sagen, was gut so ist; man könnte aber genauso sagen: Der Lack ist ab; der Preis hat, insbesondere in der Kategorie Belletristik, auf den Buchmarkt keinen Einfluss mehr. Die Preisträger der Jahre 2009 und 2010, Sibylle Lewitscharoff und Georg Klein, tauchten nur kurz in den Top 20 auf. Ihre Bücher gerieten nur all zu schnell wieder in den unerbittlichen Sog der Veröffentlichungszyklen der Verlage, in denen nach Leipzig schon der Herbst anfängt.

Auch dieses Jahr wird es eher schwierig, folgt man der Verleihungslogik, Autoren mit einem gewissen Bekanntheitsgrad noch bekannter machen zu wollen, so wie das eben mit Lewitscharoff und Klein versucht worden war. Clemens J. Setz, wiewohl für seinen Roman Die Frequenzen schon einmal, 2009, für den Deutschen Buchpreis nominiert, und Anna Katharina Fröhlich sind außerhalb des Betriebes so unbekannt, dass sie nicht in Frage kommen. Der Preis wäre schön für sie, er gibt immerhin 15.000 Euro, eine Anerkennung; auf den Bestsellerlisten aber würden sie nicht auftauchen. Im Fall von Wolfgang Herrndorf und Arno Geiger sähe es genau umgekehrt aus: Sie haben mit Tschick und Der alte König in seinem Exil sehr erfolgreiche Bücher geschrieben, sie sind gestandene Bestsellerautoren, der Preis der Leipziger Buchmesse würde ihrem Erfolg gewissermaßen hinterherhecheln.

Bleiben Peter Stamm und sein Erzählungsband Seerücken: Der Schweizer Autor hat ein großes Publikum, ein Stammpublikum, ist aber nicht der typische Bestsellerautor, der lautstark Saison für Saison auf den Putz des Buchmarktes haut. Eine Entscheidung für ihn wäre daher plausibel. Für die Jury ist die Lage somit verzwickt: Sie müssen das richtige Buch auswählen und dem Preis die mediale und die Publikumsaufmerksamkeit erhalten. Nur gut, dass in der Sachbuch-Kategorie kaum ein Weg an Patrick Bahners' Anti-Sarrazin-Broder-Kelek-Buch Die Panikmacher vorbeiführt. Nebenbei wäre das auf einer Verleihung wie dieser auch einmal ein gutes und grundrichtiges politisches Statement.

 
Leser-Kommentare
  1. Alles dreht sich nach dem medienbeherrschenden Mainstream und sieht aufmerksam nach dem Fähnchen im Winde, um wie beim Segel-A-Schein immer schnell das Ruder rumwerfen zu können - wo sind also die gängigen Sachen, die widerspruchslos passieren dürfen und das kann ruhig mit: "Muschi, holst mir mal die Bratwurst und das Bier - und ne Marlboro" sein. Entgegen allen Unkenrufen, Lesen ist In und die Romane müssen seitenstark, gut und flüssig geschrieben sein und Vorfreude auf die Heimreise von der Maloche per Vorstadtbahn machen - weil das nächste spannende Kapitel wartet. Leider kriegen die Autoren solcher Bahnsteig-Lektüre kaum Preise. "Wir" wissen es, man hat sich nach dem Konzept der Bewußtseins-Erziehung der Bevölkerungs-Massen zu richten - dann gibt es grünes Licht. Wie wäre es denn einmal mit der Dissertation des Herrn von und zu Guttenberg - mehr beachtet in den letzten Monaten als jedes anderes Buch - und sogar hochinteressant: Wie haben es die Amis mit ihren 151(?) Staaten hinbekommen, wo "wir" Europäer schon bei dreizig Staaten Verfassungs-Probleme kriegen. Aber solche Hoffnungen werden nie erfüllt - doch Träume haben besonders die lesenden Menschen - vielleicht zumindest in einem Roman 10% der eigenen Lebenswelt, wenn die reale Lebens-Umgebung nur systematische Entfremdung bereithält. "Wir" möchten was Katholisches lesen - aber das wäre Querulantentum. Nun denn, man wird gespannt sein, wer den schmalen Weg zwischen den Ansprüchen bis zum Buchpreis schafft.

  2. Das männliche Hirn unterliegt einem unwiderstehlichen Deutungszwang. Es kann nicht anders, als noch in die größte Sinnlosigkeit Sinn hineinzulegen. Und zehn Männer sind bekanntlich … als einer.
    Und wenn dann der Eine vorm Laptop seine Texte durchschaut und plötzlich denkt: Was bin ich doch für ein Trottel! Das mir das noch nicht aufgefallen ist. Ich hab´s schon mal gehört und hab geglaubt, das wäre nur so eine Redewendung. Denn man würde es ja selbst nicht vermuten.
    Wenn diese schlagartige Selbsterkenntnis eintritt, dann ist sie endgültig da, die Krise der Literatur, der männlichen Literatur. Ob Tinnitus, Nikotinentzug oder Demenzphilosophie, es geht bergab mit der schreibenden Herrenrasse.
    Verdammt Kerls! Stellt Eure mmm in einen neuen Kontext, dann klappt es auch mit der nnn, na ihr wisst schon. Alles eine Frage der taktischen Intelligenz.

  3. Mit Verlaub:
    Die/Der AutorIN dieses Artikels irrt.
    Frau Lewitscharoff und Herr Klein gerieten in den "all zu schnell wieder unerbittlichen Sog der Veröffentlichungszyklen der Verlage" AUS GUTEM GRUND - und nicht weil die Sogkraft alle lesephysikalischen und-psychologischen Gesetze aufgehoben hätte ;-))

    Und 1. zu Frau Fröhlich besonders aber 2.;-)) zu Herrn Setz: zu unbekannt = nicht preiswürdig??? Im zweiten Fall wurden wir doch eines Besseren belehrt, der erste Fröhliche Fall ist aber auch ohne Botschaft lesenswert.

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