Sachbuch "Copycats"In zehn Schritten zum großen Plagiator

Klauen muss man können: Der Autor Oded Shenkar erklärt in dem Sachbuch "Copycats", wie wichtig die Imitation für die Innovation ist. von Johannes Schneider

Der Autor Oded Shenkar ist Vorsitzender der "Ford Motor Company" und Professor für Management an der "Ohio State University"

Der Autor Oded Shenkar ist Vorsitzender der "Ford Motor Company" und Professor für Management an der "Ohio State University"   |  © FinanzBuch Verlag GmbH


Im Blitzlicht der Causa Guttenberg erscheint jeder Plagiator – vom Produktpiraten bis zum Promotionsfälscher – in erster Linie als Ideendieb. Doch verdient das Originäre tatsächlich so viel mehr Verehrung als die gekonnte Nachahmung, die kluge Verknüpfung der Ideen anderer? Geht es nach dem US-amerikanischen Soziologen und Ford-Manager Oded Shenkar, muss die Antwort klar "Nein" lauten. Für sein Buch Copycats formuliert Shenkar einen Anspruch, der der Verehrung der ureigensten Innovation zunächst einmal aus ökonomischer Sicht radikal zuwider läuft: "Die Grundannahme lautet, dass Imitation nicht nur ebenso entscheidend für das Überleben und Florieren des Geschäftes ist wie Innovation, sondern auch maßgeblich für die erfolgreiche Durchführung der Innovation selbst."

Dies wird auf 160 Seiten ausgebreitet, die mit einiger Redundanz vor allem eines belegen: Gut geklaut ist besser als gut erfunden und schlecht vermarktet. Der Plagiator, so kann Shenkar überzeugend begründen, kann den Markt besser beherrschen als die Pioniere, weil seine Kraft noch unverbraucht ist vom Prozess der Innovation, sein Blick dort Optimierungsbedarf sieht, wo die Innovatoren am Ende ihres Schaffens müde geworden sind. Mit vielen Beispielen begründet Shenkar, warum das 1962 gegründete "Walmart" am Ende erfolgreicher war als die Discountpioniere der 50er, warum "McDonald’s" die Fastfood-Erfinder von "Whitecastle" abhängte und es auf der anderen Seite keiner großen Airline gelang, das Konzept des Billig-Carriers "Southwest Airlines" zu klauen.


Der Plagiator, das wird bei Shenkar deutlich, muss ein fantasiebegabter Beobachter sein, der die Umfeldfaktoren einer Innovation so zu abstrahieren weiß, dass er sie erfolgreich in den eigenen Kontext transferieren kann. Nur so sei das "Korrespondenzproblem" zu lösen, das die Schwierigkeiten des Verpflanzens eines wünschenswerten Ergebnisses in neue Rahmenbedingungen benennt. "Um das Korrespondenzproblem zu überblicken, braucht es eine hervorragende Kontextualisierung und Tiefgang-Fähigkeiten, um hinter die prosaischen und kodifizierten Elemente zu blicken, die auf oberflächlicher Lektüre basieren." Zu deutsch: Wer nur die offen ersichtlichen Abläufe nachahmt, hat zwar eine Karosserie, aber kein fahrendes Auto. Plagiieren ist dabei für Shenkar eine ebenso komplexe Arbeit, wie es anthropologische Konstante ist: "Der Mensch hat gelernt, das Rad nicht neu zu erfinden – sogar schon, bevor es das Rad überhaupt gab."
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Was zunächst vor allem aus wirtschaftswissenschaftlicher und wirtschaftspraktischer Sicht – das Buch gipfelt tatsächlich in zehn Ratschlägen für erfolgreiches Plagiieren – interessant zu sein scheint, erweist sich dort, wo auf den kulturellen Kontext Bezug genommen wird, auch als produktiv für eine generellere Betrachtung der Ablehnung des Nachahmens: "Es ist uns peinlich zuzugeben, dass wir einen Weg gegangen sind, den andere bereits geebnet haben, statt es auf eigene Weise, ‚my way’, zu machen wie in dem berühmten Song", erklärt der Amerikaner Shenkar die Ablehnung jeglicher Form des Plagiats aus der amerikanischen Psyche einerseits. Andererseits zitiert er auch das Zeitalter der europäischen Romantik herbei, mit ihrem, Ethos der Kreativität, Originalität und Genialität’".

Es ist die detailreiche Dekonstruktion des Originalgenies als alleiniger kultureller Schlüsselfigur, die das Buch nicht nur als Kampfschrift gegen die Verteufelung des Plagiarismus von Geschäftsideen lesenswert macht. Mit jedem Satz, so scheint es, stellt Shenkar unwissentlich die Frage danach, worüber wir uns gerade in der Causa Guttenberg empören: War es das Plagiat an sich, die Tatsache, dass da einer keine originelle und originäre Idee hatte? Oder war es das Vorgaukeln einer Idee, das nur der eigenen Biografie diente? Denn auch das wird bei Shenkar deutlich: Plagiate sind nur vertretbar, wenn sie im Rahmen eines aus Imitation und Innovation zusammengesetzten "Imovationsprozesses" helfen, eine Idee zu optimieren und – genau – zu promovieren. Überall da, wo die Nachahmung nicht diese produktive Komponente in sich trägt, können wir weiter unserer romantischen Vorstellung eines schöpfenden Originalgenies nachhängen; und des Schurken, der plagiierend vorgibt, ein solches zu sein.

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Aus dem Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • Puzi
    • 07. März 2011 19:55 Uhr

    Der erste Punkt ist die Erweiterung der Idee, die ein Muss des Plagiats zu sein hat - und die bei 270/350 Seiten anscheinend nicht stattgefunden hat.

    Der zweite wichtige Punkt - und gerade der wird hier vollstaendig unterschlagen - ist die Inanspruchnahme der Urheberschaft. Das oben beschriebene Plagiat ist eine Weiterentwicklung. Dies gilt zB fuer saemtliche modernen Smartphones, die ohne Zweifel vom iPhone inspiriert sind (oder geklaut?) - die aber allesamt nicht behaupten ein iPhone zu sein. Ganz im Gegenteil zum Schriftstueck, dass der (vermutliche) geistige Dieb zu Guttenberg fabriziert hat (oder fabrizieren liess).

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    Menschen lernen übers Modell sie machen einfach alles mögliche nach, was andere Menschen auch machen egal ob es gut ist oder schlecht das ist ein Naturgesetz insofern sind gute neue Ideen wirklich eine Seltenheit normalerweise wird schlicht altes, abgekupfertes anders kombiniert (und daher ist ein Großteil selbst der wissenschaftlichen Literatur strenggenommen überflüssig). Das kann und soll auch ein Guttenberg tun, aber er muss halt alle Quellen angeben und Zitate ordentlich kennzeichnen etc, wenn er schriftlich versichert hat, dass er dies getan hat und die Arbeit selbst geschrieben hat. Das ist der Punkt. Er hat sich den Doktortitel erschlichen, indem er vorgab sich auf eine bestimmte Weise verhalten zu haben aber er hat sich in Wirklichkeit anders verhalten.

  1. Herr Shenkar erklärt zurecht, dass in der Wirtschaft das Kopieren und Verbessern eines innovativen Geschäftsmodells zielführend ist. Oft kommen nur so die entscheidenden Merkmale hervor, die ein Produkt oder eine Dienstleistung unverzichtbar machen. Aber schon bei dem Konstruieren einer Maschine oder eines technischen Geräts gibt es Einschränkungen. Ein Ingenieur darf nicht gedankenlos kopieren, er ist dem Patentrecht unterworfen.

    Nochmals ganz anders sieht es in der Wissenschaft aus. Das Kriterium des wirtschaftlichen Erfolgs des Plagiators existiert in der Wissenschaft schlicht und ergreifend nicht. Auch hier können sinnvolle Zusammenstellungen vorhandenen Materials einen Mehrwert bedeuten, sind diese Zusammenstellungen jedoch nicht als soche gekennzeichnet und gibt der Autor damit vor neue Leistungen erbracht zu haben, kann kein Mehrwert entstehen.

    Es lassen sich nicht alle Kriterien, die man an Plagiate anlegen kann, auch auf die Wissenschaft übertragen.

    Eine Leserempfehlung
  2. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Meinung sachlich. Danke. Die Redaktion/er

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    Das war sachlich. Und ist auch belegbar. Nach Wiederfreischaltung (in früheren Fällen erfolgte diese) kümmere ich mich gerne darum.
    Vielen Dank.

    Auch wenn der am aller besten belegt ist. Nehem an dieser hat gestört. Vielen Dank.

  3. Das erinnert an Aristoteles: "Die Nachahmung macht den Menschen im Gegensatz zu anderen Lebewesen Freude."
    Das gilt heute noch nicht nur für die Künste. Irgendwann entwickelt sich etwas neues und sagte nicht Picasso sowas wie "Mit 16 konnte ich malen wie die großen Meister, aber ich brauchte 40 Jahre um zu malen wie ein Kind"?
    Andererseits wird gerne bemängelt, dass der kreative Fluss der Kinder bereits in den ersten Jahren abgewürgt wird.

  4. Das war sachlich. Und ist auch belegbar. Nach Wiederfreischaltung (in früheren Fällen erfolgte diese) kümmere ich mich gerne darum.
    Vielen Dank.

  5. Auch wenn der am aller besten belegt ist. Nehem an dieser hat gestört. Vielen Dank.

  6. als Schafe züchten. Die deutschen Webplagiatoren kommmen mir dabei zu gut weg. Das Ausbeutungsgewirtschafte zu Nazi-Zeiten auch. Nein: Ausbeuterisches direktes plagiieren auf Kosten anderer aus egoistisch-eigenkommerziellen Interessen ist No-Go und bleibt das auch. [ORIGINALKOMMENTAR]

    Dazu zunächst:

    Ideenklau in den Medien
    07.03.2011, 15:12
    Von Thomas Nötting, Sigrid Eck, Peter Hammer, Leif Pellikan

    Auch in der Werbe- und Medienbranche werden schamlos Ideen geklaut und vermarktet. Die komplizierte Rechtslage schützt das Urheberrecht kreativer Köpfe kaum und gefährdet damit ihre Geschäftsgrundlage

    http://www.sueddeutsche.d...

    Wenn Sie wollen pflastere ich diesen Thread mit Quellen, Beispielen und direkten Verweisen zu. Die Qualität der Kommentarzensur ist inzwischen bedenklich: Bitte orientieren Sie sich an anderen großen Medien, z.B. dem Tagesspiegel, der FAZ.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ideen selbst sind in diesem Land nicht geschützt. Das Urheberrecht funktioniert anders.

  7. Menschen lernen übers Modell sie machen einfach alles mögliche nach, was andere Menschen auch machen egal ob es gut ist oder schlecht das ist ein Naturgesetz insofern sind gute neue Ideen wirklich eine Seltenheit normalerweise wird schlicht altes, abgekupfertes anders kombiniert (und daher ist ein Großteil selbst der wissenschaftlichen Literatur strenggenommen überflüssig). Das kann und soll auch ein Guttenberg tun, aber er muss halt alle Quellen angeben und Zitate ordentlich kennzeichnen etc, wenn er schriftlich versichert hat, dass er dies getan hat und die Arbeit selbst geschrieben hat. Das ist der Punkt. Er hat sich den Doktortitel erschlichen, indem er vorgab sich auf eine bestimmte Weise verhalten zu haben aber er hat sich in Wirklichkeit anders verhalten.

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