ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch In Spuren verschwindet ein Freund beim Zigarettenholen. Er flieht aus seinem Alltag. Dennoch beschreiben Sie die Sichtweise des suchenden und zurückbleibenden Freundes. Wieso wählen sie nicht die vermeintlich aufregendere Perspektive des Ausbrechers?

Hannes Köhler: Am Anfang hatte ich das tatsächlich andersherum geplant. Doch während des Schreibens merkte ich, dass die Perspektive des Jakob, der zurückbleibt, eigentlich spannender ist. Felix, der andere, bricht zwar aus dem Leben aus. Aber das Besondere in In Spuren ist im Grunde der Umgang mit dem plötzlichen Verlust und die Frage nach der Tiefe der Freundschaft. Zudem überschreitet Jakob bei seinen Recherchen nach Felix permanent Grenzen.

ZEIT ONLINE: Grenzen auszuloten und die eigene Identität zu finden, sind zentrale Themen in Ihrem Roman. Ihr Jakob macht sich im Verlauf des Buches das Leben des verschwundenen Felix zu eigen. Ein unheimlicher Gedanke: wie austauschbar Menschen offenbar sind.

Köhler: Ja, und in diesem Fall erscheint es sogar der vermeintlich einfachere Weg für alle Beteiligten. Denn Jakob hat sein eigenes Leben aus Feigheit und Bequemlichkeit nie selbst in die Hand genommen. Hätte er keinen so schwachen Charakter, könnte er sich kaum im Leben seines Freundes auflösen. Der Ausbrecher Felix dagegen war mit seiner Identität sehr unglücklich, empfand sein Leben als nicht funktionierend und wollte nur noch weg. So nutzt Jakob die Gelegenheit – und richtet sich nach und nach in Wohnung und Leben seines Freundes ein.

ZEIT ONLINE: Was heißt das: Er war mit seiner Identität unglücklich? Was zeichnet unsere Identität neben materiellem Besitz und unserer Daten noch aus?

Köhler: Unsere Identität ist nicht greifbar, sondern sehr fluktuierend und sehr unfest. Wir alle suchen und verändern unsere Identität permanent und wollen im Leben etwas erreichen, das uns Sinn gibt. Das Leben kann noch so gesetzt und bequem sein, wenn wir dabei doch nur teilnahmslos teilnehmen und unzufrieden sind. Niemand will wirklich austauschbar sein. Aber in jedem von uns schwirrt diese sehnsüchtige Frage herum: "Was wäre, wenn ich jemand anderes wäre?"

ZEIT ONLINE: Der Verschwundene hinterlässt Spuren in einem Tagebuch. Wieso dieses doch recht altmodische Medium? Er hätte sein Leben auch bei Facebook festhalten können.

Köhler: Nein, denn Facebook ist vor allem eine Inszenierung für andere. Das wäre für oberflächlichere Freunde als Kommunikationsmittel denkbar, aber darum geht es Felix nicht. Er reflektiert über sein Leben und das wird durch das Tagebuchschreiben verstärkt. Auf seiner Flucht schreibt er also Postkarten, anstatt bei Facebook-Places einzuchecken. Weil es persönlicher ist. Er will keine breite Aufmerksamkeit, sondern gezielte Lebenszeichen geben.

ZEIT ONLINE: Die Männer trafen sich bis dahin wöchentlich zum Biertrinken, aber niemand bemerkte Felix’ Unzufriedenheit. Trägt die angebliche mangelnde Kommunikationsfähigkeit unter Männern Mitschuld daran oder hätte die Geschichte auch zwischen Freundinnen stattfinden können?