Das Manifest ist wieder auf dem Sachbuchmarkt. Es ist markig und verwegen, sozusagen der Granatwerfer unter den publizistischen Formaten. Vor allem aus Frankreich tönen Empört euch! und Der kommende Aufstand gegen den Kapitalismus. Hierzulande wirft man Sarrazins Pöbeleien ein Manifest der Vielen entgegen. Gleich neben der Kasse hat einer der größten Berliner Buchläden bereits eine Manifest-Ecke eingerichtet, wo diese gut laufenden Texte ausliegen. Frisch übersetzt aus den USA stößt Reality Hunger dazu, ein Manifest für das Sampling in der Literatur.

Manifeste waren der Renner des letzten Halbjahres. Sie polemisieren und polarisieren, ihre gewollte Härte und Einseitigkeit führte zu Debatten, wie es sie lange nicht gegeben hat. Wie ist es zu erklären, dass die anachronistische Form des Manifests gerade jetzt eine Renaissance erfährt?

Ihren historischen Höhepunkt erlebte sie an der Zeitenwende zur Moderne. Von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Anfang des zweiten Weltkriegs überboten sich Kommunisten, Anarchisten, Futuristen, Surrealisten gegenseitig mit forschen Erklärungen. Dabei waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Marx propagierte 1848 die Abschaffung des Privateigentums, Bellegarrigue zwei Jahre später diejenige des Staates, Marinetti forderte 1909 die Zerstörung der Bibliotheken, Breton wollte 1924 gleich das Ende der Logik.

Natürlich waren diese Texte hysterisch, aber voll von stilistischer und auch inhaltlicher Sprengkraft. Liest man dagegen die gegenwärtigen Manifeste, wird schnell klar, dass es hier zwar bisweilen eine bemerkenswert scharfe Form gibt, aber dahinter keine zündende Idee.

In Empört euch! erzählt das 93-jähriges Résistance-Heiligtum Stephane Hessel den jungen Leuten, dass sie Widerstand gegen die üblichen unscharfen Gegner leisten sollen – allen voran das Finanzkapital und Israel. Das ist eher paternalistisch als revolutionär, zumal der Kult um die Résistance in Frankreich zur Folklore gehört.

Die jungen Verfasser des kommenden Aufstands wollen sich dagegen gleich selbst in die Pastoralidylle zurückbomben, samt Abschaltung der bösen Technik und der schlimmen Vereinzelung. Dabei stehen die anonymen Autoren ihrem Verleger zufolge in der Tradition von Hölderlin und Novalis. Nicht gerade die richtigen Adressen für relevante politische Ideen.

Schlauer sind da schon die Autoren des Manifests der Vielen . Die meisten von ihnen fragen sich, wie es dazu kommen konnte, dass sie dieses Manifest überhaupt schreiben müssen – dass man immer noch erklären muss, was Muslime eigentlich in Deutschland wollen. "Wir sind nicht alle Fatma", heißt es etwa. Notwendig ist das leider, wegweisend keineswegs. Das Deutschland von Habermas und Zaimoğlu war mal weiter.