Welche Waffen hat ein Autor? Nur stumpfe und sich selbst, sagt David Shields: "Schreiben heißt, den eigenen Körper aufs Ziel schleudern, nachdem alle Pfeile abgeschossen sind." Der Autor, der sich selbst als Wurfgeschoss betrachtet, hat ein Manifest namens Reality Hunger geschrieben, die neueste Kunst betreffend. Darin versenkt Shields den Roman, macht Hamlet nieder, huldigt dem Plagiat, reißt die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit ein, analysiert brillant die Erfolgsmechanismen des Reality TV, schreibt anbetungswürdige Aphorismen und gibt am Ende zu: alles nur geklaut. Fußnoten anbei, bitte nachblättern, wen es interessiert. Man blättert. Goethe, Emerson, Montaigne, Keats, Nietzsche, Beckett, Kierkegaard, Cicero, James Joyce, Johnny Cash, Nirvana, Yeats, Nabokov, Barthes, Coetzee, de Tocqueville.

Der Wahnsinn, ein einziger Stilbrei, angereichert mit eigenem Gedankengut. Es drängt sich die Frage auf: Ist eine Collage mehr als die Summe ihrer Teile? Was will Shields überhaupt? Ist er wahnsinnig?

Im ersten Kapitel, der Ouvertüre, formuliert Shields sein Programm: Er möchte die Poetik für eine lose Gruppe von Künstlern schreiben, die "immer größer werdende Brocken von 'Wirklichkeit' in ihre Arbeit einbauen". Die Erklärung, warum diese Art von Kunst so erfolgreich ist, liefert er nach: "Der Körper gewöhnt sich an eine Droge und braucht eine immer höhere Dosis, um den Kick zu erfahren. Eine Illusion von Wirklichkeit – dass etwas wirklich geschehen ist – verschafft uns heute diesen Kick. Unsere Kultur ist besessen von realen Ereignissen, weil wir kaum noch welche erleben."

Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, im Roman sieht David Shields sie schon fallen. Wenn im Roman jemand "ich" sagt und so tut, als habe er das Erzählte selbst erlebt, erwarten seine Leser ebendieses, sonst gibt es Vorwürfe. Und ist im Fall Helene Hegemann nicht genau dies geschehen? Hilfe, die Autorin war nicht selbst in einer Disko, sondern hat sich das Ganze ausgedacht beziehungsweise zitiert? Für David Shields wäre Hegemann eine Heldin. Und bezog nicht die Aufregung um Charlotte Roches Schleimbestseller seine Energie aus der nervösen Vermutung, die Autorin könne mit Duschköpfen und Avocadokernen getan haben, was die Erzählerin im Roman tut?

Weil die Instanzen Autor, Erzähler und Figur für Shields – er unterrichtet Kreatives Schreiben in Seattle – nicht mehr brauchbar sind, schätzt er Kunst, die sich nur aufs eigene Ich konzentriert, Bekenntnisliteratur und Autobiografien zum Beispiel: "Ich will meinen eigenen verfluchten, verlorenen Charakter erkunden. Ich will bis dorthin schneiden, wo nur noch Knochen ist." Weil aber das Hirn immer verklärt und selektiert, ist für ihn auch eine Autobiografie fiktiv, was aber wiederum nicht weiter schlimm ist. Kopieren, zusammensetzen, basteln, das sind laut Shields die künstlerischen Techniken der Zukunft. Er selbst hat das Montieren von Zitaten perfektioniert.