Wer dieses Buch in einem Anflug ästhetischer Genusserwartung auf den Schoß hievt, dürfte bereits nach wenigen Seiten kapitulieren. Ein mühsam zu durchdringendes Wortgestrüpp, launisch in der Orthographie, formlos im Schriftsatz, zudem gedruckt auf dünnstem Blattwerk, und überhaupt lässt sich 2-3 Straßen TEXT , wie dieser anderthalb Kilo schwere Klotz heißt, kaum kategorisieren: Roman nicht, Sachbuch nicht. Coffee Table schon eher, denn wenn dieses außergewöhnliche Buch erst einmal liegt, bleibt es dort. Damit es im Regal nicht aus dem Leim geht, ist der Stützschuber bitter nötig. Was die knapp 3000 Seiten im Innersten zusammenhält, ist ihre Idee.

Im Ursprung klang sie wie ein Scherz: Zu Beginn des Kulturjahres 2010 rief der Künstler Jochen Gerz Autoren auf, ins Ruhrgebiet zu kommen . In Dortmund, Duisburg und Mülheim sollten sie frisch sanierte Wohnungen beziehen. Fürs ganze Jahr, ohne Miete zwar, wenngleich mit einem Haken: Schreiben sollten sie. Möglichst jeden Tag.

So kamen 78 Leute von Berlin bis Tokyo, die fürderhin einem leeren Blatt Papier Bericht erstatteten, was sie sahen, wohin sie gingen und wie sich das in ihrem Quartier alles anfühlt. Der Kreis der Autoren wuchs in den Monaten auf 887 an. Auch Nachbarn, Gäste, Passanten und Freunde der Autoren waren aufgefordert, am Projekt 2-3 Straßen mitzuarbeiten. Ein spezielles Computerprogramm sammelte die Texte und sortierte sie chronologisch. Keiner der Autoren wusste, was die anderen geschrieben haben. So verging ein Jahr.

An dessen Ende stehen nun 10.000 Beiträge auf den pergamenten raschelnden Seiten. Im herkömmlichen Sinn, von vorn nach hinten lesend, von 1 bis 2984, den Chor der verschiedensten Stimmen hindurch, ist der Wälzer unbezwingbar. Obschon er schmissig beginnt, beinahe wie ein Manifest: "Wir sind zu sechst, und es ist wohl der erste Eintrag überhaupt, und wir haben der Welt Folgendes zu sagen:"

Was dann folgt, ist das wuchernde, faszinierende Protokoll eines Jahres, das seltsam enthoben von Raum und Zeit dahinströmt. Seitenlang weiß man nicht, wo man sich befindet, welcher Tag ist, zumal: wer hier eigentlich spricht! Die einzelnen Stimmen schieben sich kaum erkennbar ineinander, verdichten sich zu einem babylonischen Gewirr aus Stilen und Dialekten. Kein Lektor hat ihnen einen Buchstaben gekrümmt. An keinem Satz wurde herumarrondiert. Nicht Kapitel oder Absätze strukturieren den Text, sondern lediglich die Gewissheit des Lesers, dass das Jahr irgendwann zu Ende sein wird. Allein der graduelle Wechsel des Tons, zuweilen auch der Sprache an sich gibt einen Hinweis auf den Erzählerwechsel.

Interpunktionsverweigernde Zeilen rauschen so vorbei, zerfließen in kyrillische Zeichen, nehmen Abzweigungen zu Alltäglichem, Koransuren und egomanischem Sprachgeröll, treffen auf Vergeistigtes und Nichtiges, stolpern hinein in mit Enzensbergerscher Kleinschreibung verfasste Sudeleien und Selbstbefragungen: "entweder gehen meine uhren falsch oder ich ticke komisch. warum ist es noch (oder schon) dunkel? meine freundin nimmt nicht ab. die strassenlaterne flackert. gelb – klein – hell brutzelnd – schrumpfend... jetzt ging die sonne doch nicht auf. kann ich solange geschlafen haben? ich will wissen, wie spät es ist!"

Binnen weniger Leseminuten vollzieht der Textkörper erstaunliche Metamorphosen. Gedicht, Polemik, Dramolett, dadaistische Wortketten oder wildwachsende Prosa, die jäh verebbt. Plötzlich: "mein name ist Hussain ich bin 11 Jahre alt meine hobbys sind fussball, schwimmen, fahrrad fahren und so weiter." Längst schreibt hier nicht mehr ein Autor, ein ortbares Ich. Hier erzählt eine Gesellschaft. Aus allen Schichten.

Das Buch wird lebendig wie eine Stadt selbst

Und das über so ziemlich alles. Als Erzählmaterial wird verwendet, was den Autoren widerfährt, drinnen im Kopf oder draußen im Wohnviertel. Der Grillabend im Hinterhof wird genauso verhandelt wie die Kassenschlange im Dortmunder Supermarkt, verloren gegangene Liebschaften ebenso wie der wöchentliche Revierstundenplan: "montags ist spieleabend mittwochs ist kaffeeklatsch donnerstags ist keller und sonntags absacker. wir unter jochen hier alle schaffen erstmal unserer strukturen und die wuchern dann in die strasse hinaus."

Das Buch wird lebendig wie eine Stadt selbst, die uns zum Streunen verführt. So flaniert man auch über die Seiten, wenn man sich darauf einlässt. Macht hier Halt, entdeckt Abenteuerliches, verirrt sich oder blickt rasch in ein Fenster, das sich sofort wieder schließt. Staunend, wundernd, zuweilen auch verstört und abgestoßen. Flüchtig tauchen Personen auf, die wie Gespenster auf ewig zwischen den Zeilen verschwinden. Jedoch auch manche, die wir schon wieder vergessen hatten.

Christoph Schlingensief , Lena Meyer-Landrut , FC Bayern München, Adolf Sauerland und die Tragödie der Loveparade . Die Ereignisse des Jahres flackern durch die Reflexionen der Autoren, werden im reißenden Strom einfach miterzählt. Der Aktionsküstler Jochen Gerz hatte zuvor über das Projekt gesagt, es könne ein "uferloses, unfruchtbares Ding werden oder ein Solitär", wer wisse das schon. Das Buch sei jedenfalls "nicht denkbar ohne das Internet".

Zumindest liegt nun womöglich die erste Manifestation dessen vor, was zu Beginn der Nullerjahre noch als Netzliteratur gefeiert wurde: ein literarisch gedachtes Ergebnis kollektiver Autorschaft, losgelöst von Kategorien wie Urheber und formaler Geschlossenheit, angetrieben von den unendlichen Möglichkeiten, die das Internet damals verhieß. Die zahlreichen früheren Versuche dieser Art lassen sich mit einigem Suchmaschinenglück noch auf verödeten Websites besichtigen. Als unvollendete, kaum lesbare Gedankenkonvolute. 

Dem Kölner Dumont-Verlag kann man heute nur zum Mut gratulieren, so einen hermetischen Buchmonolith wie 2-3 Straßen zu veröffentlichen. Ob dieser nun gescheitert oder gelungen ist, wäre eine kaum zu beantwortende Frage. Denn wie ließe es sich bemessen? Als geglückt jedenfalls kann man den letzten Satz bezeichnen, der das Jahr abschließt. Zwei Wörter, die jedem gelten können, der sich in dieses einzigartige Zeitdokument hineinwagt. Sie lauten: Tschüss Welt.