Die Geschichte der Hampels, immerhin, wurde geschrieben. Nach Kriegsende erhielt der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands eine Vielzahl von Akten antifaschistischer Widerstandskämpfer. Johannes R. Becher, der Mitbegründer und Präsident des Kulturbunds, gab die Akten des Hampel-Prozesses an Hans Fallada weiter, mit der Anregung, einen Roman zum Widerstand in Deutschland zu schreiben. Fallada lehnte anfangs ab: Er habe, sagte er, selbst keinen Widerstand geleistet, sondern sich im großen Strom mittreiben lassen, und nun wolle er nicht besser erscheinen, als er es gewesen sei. Doch Fallada kannte die Verhältnisse unter den Nazis, er kannte den Berliner Kriegsalltag, und er hatte ein feines Gespür für die Sprache der kleinen Leute. Ende 1946 schrieb er den Roman dann doch, in einem Zustand völliger Versenkung, 866 Typoskriptseiten in kaum vier Wochen. Es wurde sein letztes Werk. Fallada starb am 5. Februar 1947.

Die Geschehnisse des Romans Jeder stirbt für sich allein folgen nur in groben Zügen den Prozessakten. Fallada selbst erklärt in einer Vorbemerkung: "Ein Roman hat eigene Gesetze und kann nicht in allem der Wirklichkeit folgen." Das Roman-Ehepaar Quangel wohnt in der Jablonskistraße 55, im Prenzlauer Berg, damals ein Arbeiterbezirk wie der Wedding. Die Hausnummer gab es nie.

Der Schriftsteller Hans Fallada starb 1947 in Berlin. © Photoarchiv Aufbau Verlag

Auch viele Nebenfiguren des Romans sind gegenüber der tatsächlichen Geschichte verändert oder neu hinzugekommen. Dennoch entsteht ein dichtes Bild des Berliner Alltags. Fallada schildert die kleinen Gehässigkeiten, mit denen die Hauswartsfamilie die letzte jüdische Mieterin verfolgt, bis sie sich aus dem Fenster stürzt. Er beschreibt die Uniformierung der Gesellschaft anhand des Publikums im Tanzlokal Elysium , das es heute nicht mehr gibt. Er erspart den Lesern auch nicht die quälenden Wochen und Monate im Gefängnis Plötzensee bis zur Hinrichtung.

Bei aller einfühlsamen Genauigkeit verzichtet Fallada allerdings darauf, die letzte bittere Tragik im Leben der Hampels zu schildern. Die Eheleute waren vom Urteilsspruch der Todesstrafe, mit dem sie nicht gerechnet hatten, derart erschüttert, dass sie in ihren Gnadengesuchen begannen, sich gegenseitig zu beschuldigen, um die eigene Haut zu retten. Elise Hampel beschwor das seelische Leid nach dem Tod ihres Bruders; ihr Mann, fuhr sie fort, machte sich diese Gefühlslage "zu nutze mich mit seinem Willen und Gedanken zu beeinflussen, um mich in diese Verwirrungen und Verirrungen zu treiben". Otto Hampel hingegen schob die Schuld seiner Frau zu: "Ihr dauerndes getöse und Unzufriedenheit und drängen zum verbreiten ergab es das so lange zeit die Karten in Erscheinung kamen."

Genutzt haben den Hampels ihre Verteidigungsversuche nicht. In den Abendstunden des 8. April 1943 richtete man sie hin. Sie starben unter dem Fallbeil, jeder für sich allein.

Der Autor und Schriftsteller Johannes Groschupf lebt in Berlin.

Aus dem Tagesspiegel