Jahrzehntelang galt Luise Rinser als Gewissen der Bundesrepublik. Immer wieder erhob sie den moralischen Zeigefinger, wenn es um die Aufarbeitung der Nazi-Zeit ging. Die Wahrheit über eine der wichtigsten Vertreterinnen der deutschen Nachkriegsliteratur aber scheint eine andere zu sein, schreibt José Sánchez de Murillo nun in seiner Biografie Luise Rinser – Ein Leben in Widersprüchen.

Sánchez de Murillo lernte die 2002 verstorbene Rinser 1995 in Italien kennen und war ein enger Freund der Schriftstellerin. Für die Biografie arbeitete er eng mit ihrem Sohn Christoph zusammen. Mit seinem Buch bringt er den Mythos Luise Rinser gehörig ins Wanken. Seiner Ansicht nach war sie nicht die Frau, für die so viele sie gehalten haben und die sie selbst wohl gerne gewesen wäre. "Faktisch gesehen hat sie gelogen – uns alle angelogen", sagt Sánchez de Murillo im Interview.

Rinsers Rolle während des "Dritten Reichs" war schon seit Längerem umstritten. So hatte sie als junge Autorin Lobgedichte auf Hitler geschrieben. Die Vorwürfe Sánchez de Murillos gehen jedoch noch viel weiter. "Als Junglehrerin hat sie ihren eigenen Schuldirektor, einen Juden, denunziert. Dadurch konnte sie sich profilieren und machte Karriere im Nazi-Staat", sagt der Biograf. Sie war zudem Ausbilderin beim Bund Deutscher Mädel (BDM), haben die neuen Forschungen ergeben, und verdiente – im Gegensatz zu ihren eigenen Angaben – als Drehbuchschreiberin für das Filmunternehmen UFA gutes Geld.

Auch wenn ihr ihre Verhaftung wegen "Wehrkraftzersetzung" 1944 und der Umgang der Nazis mit Kunst und Kultur irgendwann die Augen öffneten und Sánchez de Murillo keinen Zweifel daran hat, dass sie sich in der Bundesrepublik in eine glühende Demokratin verwandelte – eine Widerstandskämpferin war sie vorher wohl nicht. "Luise Rinser war in der Nazi-Zeit ebenso verstrickt wie viele andere", schreibt er. In seinem Buch nennt er sie "engagierte Nazi-Pädagogin".

"Das gängige Rinser-Bild, das sich auch in Artikeln und Nachschlagewerken findet, erstaunte mich", schreibt der Biograf. "Es verfehlt Wesentliches, stellt schlicht Unwahres als Wahrheit da." An diesem Mythos hat Luise Rinser offensichtlich selbst hart gearbeitet. "Zweifellos geht die Irreführung auf Luise Rinser selbst zurück, auf ihre sogenannten autobiografischen Schriften." Direkt nach dem Krieg sei sie von der Öffentlichkeit in die Rolle der "deutschen Jeanne d'Arc" gedrängt worden, sagt Sánchez de Murillo im Interview. Die Deutschen hätten eine Integrationsfigur gebraucht, irgendwann habe sie dann selbst geglaubt, diese Figur sein zu können. Sie konnte nicht mehr zurück.

Mehr als 30 Bücher, die in rund zwei Dutzend Sprachen übersetzt wurden, hat die 1911 geborene Lehrertochter geschrieben. Mehr als fünf Millionen Exemplare ihrer Werke – darunter die Erfolge Mitte des Lebens (1950), Mirjam (1983) und Abaelards Liebe (1991) – wurden verkauft. 1984 schlugen die Grünen sie wegen ihres politischen Engagements als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vor.

Auch er selbst habe immer geglaubt, was sie ihm erzählte, sagt Sánchez de Murillo – erst nach ihrem Tod konnte er die Facetten ihrer Persönlichkeit aufarbeiten. "Solange sie lebte, war sie eine Freundin", sagt er im Interview. "Beim Schreiben wurde sie für mich zu einer wichtigen Gestalt der deutschen Geschichte, zu einer der vielen zerrissenen Gestalten, welche die Nazi-Katastrophe hinterlassen hat."