"Es ist ein Wettbewerb unter europäischen Städten ausgebrochen", sagte Christa Müller im vergangenen Jahr. "Überall heißt es jetzt: Wir brauchen auch Urban Gardening-Projekte." Jetzt hat die Soziologin Müller, Geschäftsführerin der Münchner Stiftung Interkultur , ein Buch herausgebracht, das auf diesen Trend reagiert. In Urban Gardening versammelt sie knapp zwei Dutzend Aufsätze, die sich dem Phänomen der "Rückkehr der Gärten in die Stadt" annehmen, so der Untertitel.

"Das Buch wagt die Diagnose, dass in den westlichen Großstädten ein neues Verständnis von Urbanität entsteht", schreibt Müller, deren Stiftung ein bundesweites Netzwerk von über 100 interkulturellen Gärten betreut, Workshops zum Thema veranstaltet – kaum eine kennt sich besser aus als sie. "Die 'neuen urbanen Gärten' mit ihren Kulturen des Selbermachens" spielten eine Vorreiterrolle, so ihre These – auch weil sie quasi auf einem Anti-Globalitäts-Prinzip beruhen: Das Lokale steht im Vordergrund, die Erde unter den Fingernägeln, total analog.

So liefert das Buch ein wunderbares Portfolio handfester Praxisbeispiele, aus Leipzig, aus Dessau, aus Wien oder Kuba. Kein Wunder, die autonomen städtischen Landwirtschaftsinitiativen Kubas waren auch die erste Inspiration für den Prinzessinnengarten in Berlin . Und die gesellschaftliche Analyse, weshalb diese Stadtgärten so boomen, wird auch gleich mitgeliefert.

Gärtnern steht hier als politische Bewegung im Fokus: Entweder, um Harke an Harke, Gartenschlauch an Gartenschlauch kulturelle Unterschiede in unseren immer heterogeneren Städten zu überbrücken oder als Weg, einen unabhängigen Warenkreislauf aufzubauen; ressourcenschonend, mit dem utopischen Blick auf eine postfossile Gesellschaft, die neoliberale Weltordnung einreißend. Im urbanen Garten, so der Anschein, können all unsere Probleme – Knatsch zwischen den Kulturen genauso wie die drohende Ressourcenknappheit – gelöst werden. Nur die Politik muss das noch kapieren.

Urban Gardening ist ein großartiges Handbuch für alle, die darüber nachdenken, ebenfalls in die urbane Gartenwirtschaft einzusteigen, die informiert und inspiriert werden wollen. Oder Lust auf eine Gesellschaftsanalyse aus der Perspektive der urbanen Landwirtschaft haben. Dennoch: Für den Folgeband wünschte man sich den einen oder anderen selbstkritischen Blick auf die Bewegung – sonst droht eine Überdosis Heile Welt.

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