Der Korrespondent, der spekuliert, ob in Fukushima Dutzende Obdachlose und Minderjährige als "Wegwerfarbeiter" verheizt werden. Die wortlose Montage im heute-journal, in der Aufnahmen von Explosionen, weinenden Kindern und der Flutwelle mit einem Song von Massive Attack untermalt sind. Der eurozentrische Artikel am ersten Abend nach dem Beben, der Japan "sklerotisch" nennt und sich pauschal beschwert, es gäbe dort keine international bedeutenden Künstler und "keine Namen von Rang in der Politik": "Japan war Europa vielleicht nie sehr nah. Aber es ist zum fernen Land geworden in den letzten Jahrzehnten."

"Die Rolle der Medien im Umgang mit dem Beben, dem Tsunami und dem Nuklearunfall, vor allem in Deutschland, hat meinen Ekel erregt", sagt der Fotograf Philipp Christoph Tautz, der seit dreieinhalb Jahren in Japan lebt: "Da war leider viel Panikmache am Werk, auch bei seriösen Medien. Die Ereignisse aus erster Hand zu dokumentieren ist nicht nur ehrlicher – es vermittelt auch oft klarere Perspektiven."

Ein neues, lesenswertes E-Book will solche Perspektiven bündeln: 2:46 Aftershocks ist ein digitales Gemeinschaftsprojekt, das kurze Essays, Grafiken, Fotos und Augenzeugenberichte aus dem Alltag von 87 Autoren, darunter Tautz, zu einem Mosaik über die ersten Tage nach der Katastrophe zusammenfügt. "Our Man in Akibo", ein britischer Blogger in Japan, schrieb am Abend des 11. März auf Twitter: "Ich will ein Buch mit Erfahrungsberichten zum Beben im Lauf einer Woche zusammenstellen und die Erlöse dem japanischen Roten Kreuz spenden. Die Technologie ist vorhanden."

Weiter sagt er: "Wenn wir etwas dokumentiert sehen wollen, müssen wir heute nicht mehr auf die 'Experten' warten. Aber was bringt es, dass wir uns Tag und Nacht digitale Bücher auf unsere Smartphones laden können – zur Zerstreuung, solange andere Menschen leiden? Wir haben die Mittel, Leuten zu helfen, die es am dringendsten brauchen!"

In einer einwöchigen globalen, virtuellen Redaktion wurden ein Blog erstellt, das Layout entworfen und alle japanischen Texte ins Englische übersetzt. Yoko Ono und der Science-Fiction-Autor William Gibson schrieben zwei kurze, leider recht halbgare Beiträge – und auch eine Handvoll Leser aus Kanada, Großbritannien und Südkorea reichte Texte ein, meist über die Rolle der Medien und den Unterschied zwischen räumlicher und gefühlter Distanz: Jessica aus der Bronx zieht Parallelen zum 11. September 2011. Chikae aus Calgary schreibt: "Ich öffne Facebook und suche nach Reaktionen: Babyfotos. Skiausflüge. Hochzeiten. Im Ernst?"

Die überwältigende Mehrheit der zwei- bis dreiseitigen Texte aber stammt von englischsprachigen Expats – jungen Müttern und Vätern, die in Japan Geld verdienen, sich verliebten und mit ihren kleinen Familien in Tokyo oder Yokohama eine Wahlheimat suchen.

"Ein Stapel Bücher fiel vom Stuhl. Ich wusste nicht, dass das Epizentrum weiter im Norden lag", schreibt Debora in Tochigi. "Ich war bei einer Lehrversammlung im sichersten Gebäude auf dem Campus", schreibt Rodney in Yokohama. "Die einzige Spur des Erdbebens war eine Pfütze, die aus dem Aquarium geschwappt war", schreibt Brian in Tokyo: "Zum Glück waren wir sicher in unserem High-Tech-Apartment."

 

Die Zerstörung, die überfüllten Turnhallen, die Kälte und die Evakuierungen. Auch im 200 Kilometer entfernten Tokyo vermitteln sich diese Realitäten fast nur durch Fernsehbilder und das Internet. Und gäbe es zehn, zwölf (statt beinahe 30) dieser "Wir spürten Stöße, doch sonst war hier nichts..."-Berichte aus der Hauptstadt, das Buch wäre dichter, stärker und professioneller.

"Auf Twitter geschah etwas Grandioses", schwärmt Michael in Nagoya während die Reaktoren kochen. "Wer sich mit Strahlungswerten auskannte, klinkte sich bei uns ein und half weiter: Als Team aus Bürgerjournalisten stellten wir faktisch korrekte, objektive Informationen nach dem Peer-Review-Verfahren zusammen, um Längen besser als die überspitzten, manchmal fast fahrlässigen Meldungen professioneller Journalisten."

Worte mit Strahlkraft. Kleine Triumphe. Das Netz als offene Struktur: Acht Euro pro Buch werden via Amazon an das japanische Rote Kreuz gespendet. Im e-Bookstore von Sony ist der Betrag frei wählbar (und freiwillig). Im Lauf der ersten vier Wochen spendeten Leser mehr als 30.000 Euro. Die Printausgabe und die deutsche Übersetzung sind fast fertig.

In erster Linie könnte man das Buch als gelungenes, euphorisches Crowdsourcing-Experiment bezeichnen. Aber 2:46 Aftershocks ist ebenso eine hoffnungsvolle Antwort der Twitter-Szene auf die Fehler und Überheblichkeiten in der Japan-Berichterstattung der etablierten Medien: "Bitte lasst Fukushima nicht im Stich! Bitte schaut den Tatsachen ins Auge!", ruft Yuki aus Fukushima der Regierung entgegen: "Bitte gebt uns rechtzeitig verlässliche Zahlen! Bitte bändigt diesen Alptraum-Reaktor so schnell wie möglich!" Und Florian in Osaka schreibt nur einen einzigen, vorsichtigen Absatz: "Körperlich blieb ich von diesem Erdbeben verschont. Doch mein Blick auf die Medien hat sich für immer verändert."