Der Schriftsteller Leif Randt © Simon Vu

ZEIT ONLINE: Herr Randt, Ihr zweites Buch erscheint bald. Kommt irgendwann der Punkt, an dem Sie nicht mehr zur jungen Literatur gezählt werden wollen?

Leif Randt: Das frage ich mich auch. Aber meine Identifikation ist noch recht groß. Ich habe in Hildesheim Kreatives Schreiben studiert, bei Wettbewerben mitgemacht und so weiter. Das fällt ja alles unter dieses Label. Aber ich glaube, jetzt nach dem zweiten Buch könnte ich aus dieser Kategorie auch ein Stück rausrutschen.

ZEIT ONLINE: Zu welcher Kategorie zählen Sie dann?

Randt: Wichtiger deutschsprachiger Schriftsteller der Gegenwart. Das wäre das Wunschlabel.

ZEIT ONLINE: Solange Sie noch dazugehören: was ist denn junge deutsche Literatur?

Randt: Oft Beziehungsgeschichten, die in jungen, akademischen Milieus stattfinden, in Großstädten, in WG-Küchen, in denen die Morgensonne in einem bestimmten Winkel hereinfällt, während der Kaffee gekocht wird. Und es gibt ziemlich abgründige Emotionen, die oft mit der Familie zu tun haben. Man ist sehr medienerfahren, die Figuren haben viele Serien und Filme gesehen, es herrscht eine Grundabgeklärtheit. Die Konflikte sind unausgesprochen und schweben. Die Dinge werden nicht beim Namen genannt, sondern durch die genaue Beschreibung der Sonne auf dem Küchentisch ausgedrückt. Das kann oft ganz schlimm sein, manchmal aber auch gut.

ZEIT ONLINE: Muss man in Berlin leben, um diese Großstadtgeschichten zu schreiben?

Randt: Nein, das glaube ich nicht. Die grellste und popaffinste Literatur habe ich eigentlich gemacht, als ich anfing, in Hildesheim zu studieren. Auch aus so einem Trotz heraus. Man sehnt sich nach einer Ästhetik, die nicht provinziell ist. Diesen Großstadtgestus kann man dann wieder aufgeben, sobald man nicht mehr in der Provinz ist.

ZEIT ONLINE: Es geht um Gefühle und Familie, heißt das, junge Literatur ist per se unpolitisch?

Randt: Wenn man über Beziehungen schreibt, tut man das ja immer in einem Kontext. Die Figuren wurden sozialisiert, leben in einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten Umfeld, das ist alles fast automatisch nicht unpolitisch.

ZEIT ONLINE: Ihre Texte sind also auch politisch?

Randt: Ja, aus Versehen sozusagen. In meinem neuen Buch gibt es sogar realpolitische Ereignisse: eine Bürgermeisterwahl zum Beispiel!