Robert Pfaller"Wir haben ein gestörtes Verhältnis zum Genuss"

Leben wir in einer Verzichts- und Verbotsgesellschaft? Der Philosoph Robert Pfaller sagt im Interview: Durch Mäßigung verlernen wir wichtige Kulturtechniken. von 

Der Philosoph Robert Pfaller

Der Philosoph Robert Pfaller  |  © Jeff Mangione

ZEIT ONLINE: Herr Pfaller, Ihrer Meinung nach gehen uns derzeit einige genussvolle Kulturtechniken verloren. Haben Sie ein paar Beispiele zur Hand, die derzeit auf der "Liste der vom Aussterben bedrohten guten Lebensmomente" stehen könnten?

Robert Pfaller: Neben dem Rauchen, das wir uns derzeit verdächtig gerne verbieten lassen, und dem zivilisierten Alkoholkonsum , wird uns auch der Sex zunehmend problematisch. Wir schämen uns nicht nur vor anderen, so wie die Leute im 19. Jahrhundert. Sondern haben heute auch moralische, politische und gesundheitliche Bedenken gegen den Sex. Sodass Angehörige aller Geschlechter heute kaum noch wissen, wie sie einander ansprechen sollen. Vielleicht lässt sich ja in Zweierbeziehungen, die sich immer weiter zu verfestigen scheinen, manches davon wieder gutmachen. Aber das Knisternde des Charme, der Flirts, der Koketterie mit fremden Menschen, mit denen man vielleicht nicht unbedingt auf ein intimes Verhältnis abzielt, scheint verloren zu gehen.

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ZEIT ONLINE:Sie bescheinigen uns eine aktuelle "Maßlosigkeit im Mäßigen" . Woher kommt eigentlich die Idee dazu?

Pfaller: In meinem vorigen Buch Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft hatte ich den Satz geschrieben "Vernunft besteht eben nicht darin, zuerst und ausschließlich dort vernünftig zu sein, wo es leicht und bequem ist." Als ich diesem Gedanken nachging, entdeckte ich ihn bei Epikur wieder. Er sagt, mit der Mäßigung müsse man maßvoll umgehen, weil sie selbst sonst zum Exzess wird. Diese listige Forderung nach Verdoppelung der Mäßigung hat mich besonders amüsiert, da wir die antiken Philosophen sonst ja meist als öde Mäßigungsprediger kennen.

ZEIT ONLINE: Steckt hinter einer Kritik der Mäßigung nicht aber auch ein wenig Neid auf die Disziplinierten, die Schönen, Gesunden, Schlanken, Erfolgreichen? Ist Disziplin nicht eine besonders wertvolle Leistung?

Robert Pfaller

wurde 1962 in Wien geboren. Er war Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft in Linz und Wien. Seit 2009 ist er in Wien Ordinarius für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst. Pfaller ist Autor zahlreicher Bücher zur Gegenwartskultur. Im Jahr 2008 erschien Das schmutzige Heilige und die praktische Vernunft (S.Fischer), in dem er die die Lustvermeidung und Askese in neoliberalen Gesellschaften kritisierte. Im Frühjahr 2011 erschien Wofür es sich zu leben lohnt – Elemente materialistischer Philosophie.

Pfaller: Wir sind nicht diszipliniert; wir haben nur ein gestörtes Verhältnis zum Genuss. Wir haben ein kindisches, tyrannisches Über-Ich, das uns dazu bringt, uns nichts zu gönnen und uns ständig vor allem zu fürchten. Menschen sind von sich aus alles andere als genussorientiert und hedonistisch. Erst die Kultur kann ihnen ein wenig dazu verhelfen. Freilich vermögen das nicht alle Kulturepochen im selben Maß. Die unsere bestärkt uns darin, das tyrannische Über-Ich ernst zu nehmen, anstatt uns zu helfen, seine Kindereien mit Humor zu betrachten.

ZEIT ONLINE: Wozu sind wir nicht mehr in der Lage, wenn wir zu diszipliniert sind?

Pfaller: Uns Momente kindlicher Unvernunft zu gönnen, die einzigen wirklichen Freuden und Triumphe, die wir im Leben haben. Das konnten etwa die sechziger und siebziger Jahre, wie man an alten Filmen feststellen kann, noch deutlich besser.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es sei ein Tabu, fetten Schweinebraten zu genießen . Auf der anderen Seite wollen alle perfekt aussehen, und zwar möglichst auch noch auf natürliche Weise. Ist es heute nicht das viel größere Tabu, zu sagen, dass man Diät hält, um besser auszusehen? Weil das besonders uncool wäre?

Pfaller: Das Uncoolste scheint mir heute zu sein, sich selbst nicht zu dick zu finden!

ZEIT ONLINE: Nehmen wir ein anderes Beispiel: Ist es verpönt, sich die Brüste operieren zu lassen?

Pfaller: Bei den Brustoperationen dürfte eine ähnliche Umverteilung stattfinden wie beim Sex insgesamt: In den etablierten Mittelschichten wird reduziert, die Unterschichten dagegen stocken sichtbar auf, sozusagen bei gleichbleibender Busengesamtmenge.

ZEIT ONLINE: Aber dem Traum von Makellosigkeit und Schönheit entkommt man trotzdem nicht.

Pfaller: Schöne Menschen sind ja eben nicht makellos. Denken Sie an die Nase der Kleopatra: Hätte sie anders ausgesehen, schreibt der Philosoph Blaise Pascal, hätte das Gesicht der Welt sich verändert. So viel Begehren konnte diese besondere Nase bei römischen Kaisern auslösen. Heute wäre sie ein typischer Fall für eine kosmetische Operation. Eine Kultur, die ständig nach Makellosigkeit strebt, hat die Fähigkeit verloren, zwiespältige Elemente in etwas Großartiges zu verwandeln. Wir versuchen sie zu unterdrücken, zu verbieten oder wegzuoperieren. Der Jazzpianist Thelonius Monk dagegen hatte gesagt: If you ever play a false note, play it again, and play it loud!

Leserkommentare
    • jr.
    • 09. Juni 2011 11:06 Uhr

    Die Qualmerei überhaupt als eine Errungenschaft zu empfinden ist schon töricht genug, sie dann noch mit grundlegenden Freiheitsrechten, wie hier der Pressefreiheit gleichzusetzen ist der größte Schwachsinn, den ich heute gelesen habe. Und dabei ich war schon auf Facebook!
    [...]

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    ... die negative Widerspruchskultur in Foren auch ein Errungenschaft - ebenso wie die Tabakkultur: Beide sind schädlich, bringen aber dem Einzelnen durchaus eine Art Genuss und Befriedigung tiefsitzender Bedürfnisse.

    [...]

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    des Umgangs mit sich selbst, scheint ruchbar wie bei reformierten Protestanten. Wir sollen gegen Fett, Alterung, Krankheit, Rausch, Sex, Unfälle in jeder Form gesichert werden und alles verhindern, weil es scheinbar mittlerweile nur noch Ängste gibt, die die Menschen mit sich herum tragen.

    Wo ist ein wenig Leichtigkeit, die das Leben so viel angenehmer macht?

    Und lohnt es sich wirklich eine sehr hohe Lebenserwartung zu erfüllen, wenn wir nur auf Mäßigung bedacht sind und damit unseren Alltag verbringen, dies zu leben?

    Danke jr. auch gekürzt (Redefreiheit?) immer noch ein super Kommentar, herzlichen Dank!

  1. In Zeiten von ständiger Werbung alla "Gönn dir doch mal was", "unterm Strich zähl ich" und ähnliche gelagertem Unsinn, kann ich besprochene Sachlage hier nur schwer nachvollziehen.

    Vielleicht gibt es tatsächlich ein Mißverhältnis zum Genuss, aber ich glaube nicht, dass es sich nur im Verzicht äußert. Mir scheint es, viele Menschen würden sogar ausschließlich dafür leben, ohne Rücksicht auf Verluste.

    Aber worum geht es hier grundsätzlich?
    Herr Pfaller meint, Genuß und das Streben danach sollten (wieder) mehr die Gesellschaft bestimmen. Warum genau?
    Genüsse und andere äußeren Einflüsse sind relativ. Bloße Illusionen, wenn man so will. Wahre und dauerhafte Glückseligkeit kann nur von innen kommen. Das heißt nicht, dass man die Früchte von außen (hier eben durch Genüsse) nicht genießen darf oder soll, nur sollte man sich eben bewusst machen, dass sie nicht absolut sind, dass sie ebenso schnell wieder vergehen oder gar in das Gegenteil umschlagen werden. Man besser nicht seine Grundfeste darauf bauen sollte.
    Soll heißen: Genieße das Leben in all seinen Facetten ruhig, aber sieh sie als bloße Draufgabe. Damit lassen sich auch leidvolle Momente ihrer vermeintlichen Schärfe und Wichtigkeit berauben.
    Die Stoik scheint mir da der deutlich vielversprechendere Weg als Hedonismus.

  2. ... die negative Widerspruchskultur in Foren auch ein Errungenschaft - ebenso wie die Tabakkultur: Beide sind schädlich, bringen aber dem Einzelnen durchaus eine Art Genuss und Befriedigung tiefsitzender Bedürfnisse.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/sc

  4. des Umgangs mit sich selbst, scheint ruchbar wie bei reformierten Protestanten. Wir sollen gegen Fett, Alterung, Krankheit, Rausch, Sex, Unfälle in jeder Form gesichert werden und alles verhindern, weil es scheinbar mittlerweile nur noch Ängste gibt, die die Menschen mit sich herum tragen.

    Wo ist ein wenig Leichtigkeit, die das Leben so viel angenehmer macht?

    Und lohnt es sich wirklich eine sehr hohe Lebenserwartung zu erfüllen, wenn wir nur auf Mäßigung bedacht sind und damit unseren Alltag verbringen, dies zu leben?

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    • brazzy
    • 09. Juni 2011 13:06 Uhr

    Mag sein dass die mediale Panikmache heutzutage einem zu viel verleidet, das nüchtern betrachtet mehr Genuss als Schaden bringt. Aber bei etwas derart eindeutig selbstzerstörerischem wie dem Rauchen von "Leichtigkeit" faseln kann nur jemand, der nicht langfristig denken kann oder will. Und das ist eine ausgesprochen unvernünftige und kindische Sichtweise. Wer dann noch diese Unvernunft zur Tugend erheben will (was ja in dem Kontext gerne gemacht wird) ist einfach nur noch dumm.

  5. wenn sich ernannte Philosophen zu gesellschaftlichen Themen äußern. Interessant auch der Verweis auf Epikur, in dem es um das Maßhalten beim Maßhalten geht.

    Was die Genüsse angeht, so glaube ich eher an die These, daß wir (in den reichen OECD-Ländern) uns in einer Dekadenzphase, ähnlich der des römischen Reiches befinden. Die These ist nicht neu und die Phase hält auch schon einige Zeit an.

    Betrachtet man die Weltbevölkerung insgesant, so finde ich die Beschreibung von Kultur als Steigbügel zur Maßlosigkeit unhaltbar. Alle Menschen haben Kultur, aber nur wenige haben die Möglichkeit, Maßlosigkeit zu leben, wie es hier propagiert wird.

    Auch möchte ich nicht so einfach über Nagarjuna und Kongzi hinweggehen, zu wichtig erschen sie mir als Teil des geistig-sittlichen Weltkulturerbes.

    En detail:

    Es ist ein Unterschied zwischen dem Streben nach Unsterblichkeit und dem Streben nach Langelebigkeit (und Gesundheit). Wo Genusssucht dem entgegensteht, vermeide ich den kurzen (sic!) Genuss.

    (Über den kurzen Genuss gibt es eine Menge philosphische Abhandlungen, u.a. äußerte sich Spinoza in seiner "Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes" zum, Thema)

    Islamistische Selbstmordattentäter haben es genauso auf Landsleute und Glaubensbrüder abgesehen, nicht nur auf weiße,christliche, den Tod fürchtende Menschen. Insofern klingt die Forderung nach Furchtlosigkeit einleuchtend, aber trifft nicht den Wesenskern.

    In diesem Sinne:
    Fürchte das schlechte Leben genauso wie den Tod.

  6. "Durch Mäßigung verlernen wir wichtige Kulturtechniken." Den Konsum?
    Mässigung kann auch Entschleunigung bedeuten!
    Wenn wir eine Zeitlang auf etwas verzichten, können wir es mehr wertschätzen und geniessen oder ganz sein lassen, weil wir uns so besser fühlen!
    Unsere Gesellschaft fordert und fördert den Konsum, egal ob Genuss oder nicht.
    Genuss wird vermarktet, Genuss um jeden Preis. Unsere Aufmerksamkeit wird nach aussen gerichtet und wir rennen dem vermeidlichen Genuss hinterher!
    Bewusstsein ist gefragt und damit Bildung! Genuss kann auch einfach nur sein!
    Unsere Gesellschaft ändert sich und die Energiewende zeigt, es bewegt sich was.
    Es ist richtig, entspannter zu sein -

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    Ich lese das Interview nicht so, dass Herr Pfaller dem Konsum das Wort redet.
    Und ich sehe einen eklatanten Unterschied zwischen wahllosem Konsum und bewusstem Genuss.

    Es scheint mir nur so zu sein, dass sich immer jemand findet (oder viele sich finden), der einem Anderen vorschreiben will, was er in welcher Menge wie zu genießen hat. Und sollte dieser Andere nicht derselben Ansicht sein und nach seiner Fasson dem Genuss frönt, dann folgt auf dem Fuß der Versuch, mit Gesundheitsschädlichkeit, Gefahr oder sozialschädlichem Verhalten zu drohen und ein schlechtes Gewissen zu verursachen. Und sich vor allem fürchten zu müssen ist anscheinend schon fast ein gesellschaftliches Muss.

    Aber: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben!

    Chacun à son goût! Solange niemand dadurch geschädigt wird.

    • elhaa
    • 09. Juni 2011 11:41 Uhr

    Gedanken zu den (individuellen) Vorteilen von Mäßigung, basierend auf den angesprochenen antiken Ideen und zusätzlich moderneren, liberalen Überlegungen:

    http://www.diedenker.org/inhalte/viewtopic.php?t=147

    Wobei die angesprochene Überlegung von Epikur (wofür leider auf die Schnelle online kein Beleg aufzufinden ist), dass übertriebene Mäßigung an sich selber unmäßig sein kann, auch durchaus bedenkenswert ist!

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