ZEIT ONLINE: Herr Pfaller, Ihrer Meinung nach gehen uns derzeit einige genussvolle Kulturtechniken verloren. Haben Sie ein paar Beispiele zur Hand, die derzeit auf der "Liste der vom Aussterben bedrohten guten Lebensmomente" stehen könnten?

Robert Pfaller: Neben dem Rauchen, das wir uns derzeit verdächtig gerne verbieten lassen, und dem zivilisierten Alkoholkonsum , wird uns auch der Sex zunehmend problematisch. Wir schämen uns nicht nur vor anderen, so wie die Leute im 19. Jahrhundert. Sondern haben heute auch moralische, politische und gesundheitliche Bedenken gegen den Sex. Sodass Angehörige aller Geschlechter heute kaum noch wissen, wie sie einander ansprechen sollen. Vielleicht lässt sich ja in Zweierbeziehungen, die sich immer weiter zu verfestigen scheinen, manches davon wieder gutmachen. Aber das Knisternde des Charme, der Flirts, der Koketterie mit fremden Menschen, mit denen man vielleicht nicht unbedingt auf ein intimes Verhältnis abzielt, scheint verloren zu gehen.

ZEIT ONLINE:Sie bescheinigen uns eine aktuelle "Maßlosigkeit im Mäßigen" . Woher kommt eigentlich die Idee dazu?

Pfaller: In meinem vorigen Buch Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft hatte ich den Satz geschrieben "Vernunft besteht eben nicht darin, zuerst und ausschließlich dort vernünftig zu sein, wo es leicht und bequem ist." Als ich diesem Gedanken nachging, entdeckte ich ihn bei Epikur wieder. Er sagt, mit der Mäßigung müsse man maßvoll umgehen, weil sie selbst sonst zum Exzess wird. Diese listige Forderung nach Verdoppelung der Mäßigung hat mich besonders amüsiert, da wir die antiken Philosophen sonst ja meist als öde Mäßigungsprediger kennen.

ZEIT ONLINE: Steckt hinter einer Kritik der Mäßigung nicht aber auch ein wenig Neid auf die Disziplinierten, die Schönen, Gesunden, Schlanken, Erfolgreichen? Ist Disziplin nicht eine besonders wertvolle Leistung?

Pfaller: Wir sind nicht diszipliniert; wir haben nur ein gestörtes Verhältnis zum Genuss. Wir haben ein kindisches, tyrannisches Über-Ich, das uns dazu bringt, uns nichts zu gönnen und uns ständig vor allem zu fürchten. Menschen sind von sich aus alles andere als genussorientiert und hedonistisch. Erst die Kultur kann ihnen ein wenig dazu verhelfen. Freilich vermögen das nicht alle Kulturepochen im selben Maß. Die unsere bestärkt uns darin, das tyrannische Über-Ich ernst zu nehmen, anstatt uns zu helfen, seine Kindereien mit Humor zu betrachten.

ZEIT ONLINE: Wozu sind wir nicht mehr in der Lage, wenn wir zu diszipliniert sind?

Pfaller: Uns Momente kindlicher Unvernunft zu gönnen, die einzigen wirklichen Freuden und Triumphe, die wir im Leben haben. Das konnten etwa die sechziger und siebziger Jahre, wie man an alten Filmen feststellen kann, noch deutlich besser.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es sei ein Tabu, fetten Schweinebraten zu genießen . Auf der anderen Seite wollen alle perfekt aussehen, und zwar möglichst auch noch auf natürliche Weise. Ist es heute nicht das viel größere Tabu, zu sagen, dass man Diät hält, um besser auszusehen? Weil das besonders uncool wäre?

Pfaller: Das Uncoolste scheint mir heute zu sein, sich selbst nicht zu dick zu finden!

ZEIT ONLINE: Nehmen wir ein anderes Beispiel: Ist es verpönt, sich die Brüste operieren zu lassen?

Pfaller: Bei den Brustoperationen dürfte eine ähnliche Umverteilung stattfinden wie beim Sex insgesamt: In den etablierten Mittelschichten wird reduziert, die Unterschichten dagegen stocken sichtbar auf, sozusagen bei gleichbleibender Busengesamtmenge.

ZEIT ONLINE: Aber dem Traum von Makellosigkeit und Schönheit entkommt man trotzdem nicht.

Pfaller: Schöne Menschen sind ja eben nicht makellos. Denken Sie an die Nase der Kleopatra: Hätte sie anders ausgesehen, schreibt der Philosoph Blaise Pascal, hätte das Gesicht der Welt sich verändert. So viel Begehren konnte diese besondere Nase bei römischen Kaisern auslösen. Heute wäre sie ein typischer Fall für eine kosmetische Operation. Eine Kultur, die ständig nach Makellosigkeit strebt, hat die Fähigkeit verloren, zwiespältige Elemente in etwas Großartiges zu verwandeln. Wir versuchen sie zu unterdrücken, zu verbieten oder wegzuoperieren. Der Jazzpianist Thelonius Monk dagegen hatte gesagt: If you ever play a false note, play it again, and play it loud!