Die Stadt New York um 1930 © Hulton Archive/Getty Images

Hierzulande kennen ihn nur Eingeweihte, in den USA ist Joseph Mitchell längst ein Klassiker unter den literarischen Journalisten. Nach Lehrjahren als Lokalreporter in seiner Heimat North Carolina kam er mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 nach New York, verdingte sich fast zehn Jahre als Polizeireporter und Mann für die Straße bei verschiedenen Tageszeitungen. Das änderte sich, als ihn 1938 der New Yorker in die Redaktion aufnahm.

Dort bekam er endlich den nötigen Platz für seine empathischen und witzigen Porträts von den Exzentrikern, Alltagshelden, Gossenberühmtheiten und Randständigen der New Yorker Gesellschaft. Ab da nahm man ihn auch in literarischen Kreisen wahr. Sein erstes Buch McSorley’s Wonderful Saloon , eine Sammlung dieser Stories und Reportagen, die nun erstmals auch in deutscher Übersetzung vorliegt, machte ihn berühmt.

"Mein Thema waren nicht die kleinen Leute. Sie sind so groß wie du und ich, ganz egal wer wir sein mögen", lautet sein häufig zitiertes Credo. Und diese Dünkellosigkeit und Demut offenbart sich in allen hier versammelten Texten. Nahezu mit Hochachtung nähert sich Mitchell etwa der Kinobetreiberin Mazie, die ihr Theater eher als Zufluchtsort für die Obdachlosen betrachtet und nach Toresschluss als barmherzige Samariterin das angrenzende Kneipenviertel durchstreift, um Kleingeld unter den bedürftigen Trinkern und Tippelbrüdern zu verteilen.

Er verliert nicht den Blick für die liebenswerte Verschrobenheit dieser Säufer-Heiligen. "Ihre Drohungen sind wüst, wenngleich nicht immer ganz verständlich. 'Raus mit dir auf einer Bahre!', brüllt sie. 'Ich schlag dir die Augen aus! Riesenaffen! Die Zähne im Kopf! Knochen aus dem Leib!' Die Frauen und Kinder haben ihren Spaß daran, vor allem wenn Mazie den Falschen erwischt, was ihr manchmal passiert. Ist Mazie erst einmal in Fahrt, sieht sie furchterregend aus. Sie läuft rot an, ihr Haar sträubt sich in alle Richtungen, und manchmal kann man sogar ihren Schlüpfer sehen."

Auch wenn er die Komik seiner Protagonisten gut in Szene zu setzen weiß, ist Mitchells Witz nicht herablassend und schon gar nicht denunzierend. Er begegnet ihnen auf Augenhöhe, will nicht klüger sein als sie und hält sich deshalb auch mit direkten Urteilen zurück. Er lässt sie einfach agieren und ausgiebig zu Wort kommen. Den sympathisch pathologischen Gernegroß Captain Charley etwa, der ein "Privatmuseum für intelligente Menschen" unterhält, das weniger durch seine Exponate als durch die verwirrten Stegreifreden beeindruckt, mit denen er seine Besucher überrumpelt:

"Ich trau keinem Priester, trau keiner Zeitung, trau keinem Radio, trau keiner Reklametafel, trau keinem hübschen Etikett auf der Schnapsflasche, auf dem acht Jahre alt steht, das sind alles riesengroße, freche Lügen. Ich glaube nicht einmal, dass der Zug kommt, wenn ich ihn schon tuten höre. Ich bin von Haus aus radikal, da kann man nichts machen."

Mitchells Reportagen sind nicht nach einem einmaligen Zusammentreffen geschrieben worden, das sieht man ihnen an. Er kennt seine Porträtierten, ist ihnen eine Weile auf Schritt und Tritt gefolgt. Bisweilen jahrelang. Diese zeitraubende Methode – the fine art of hanging around wird sie Gay Talese , Mitchells Nachfahre im Geiste, ein paar Jahrzehnte später nennen – setzt eine Institution wie den New Yorker voraus, der sich den Spaß auch leisten kann.