In Amerika ist Charles Burns ein gefragter Illustrator und bekannter Comic-Künstler. Seine Veröffentlichungen in Art Spiegelmanns Comicmagazin RAW und sein Plattencover für Iggy Pop weckten das Interesse an seinen glatten, schwarz-weißen Zeichnungen und für die albtraumhaften Visionen, die sich dahinter verbergen. In seinen Comics verbindet Burns die Nostalgie für die Horror-Comics der 1950er Jahre mit seinem Interesse an mexikanischen Wrestlern und eingelegten Föten. Mit seinem Zeichenzeug seziert er unsere Gesellschaft. Zum Vorschein kommt Verdrängtes. Endlich ist nun auch sein Magnus Opus Black Hole in deutscher Fassung erschienen.

Burns' Schreckenskabinett beginnt gleich auf der Innenseite der Broschur von Black Hole. Zwölf jugendliche Gesichter strahlen dem Betrachter aus einem Highschool-Jahrbuch der Siebziger hoffnungsvoll entgegen. Während die Jungen stolz ihre Diskokrägen und Oberlippenbärte präsentieren, lächeln die Mädchen adrett frisiert in die Kamera. Die Aneinanderreihung der Porträts lässt die Eigenheiten der Jugendlichen in den Hintergrund treten und suggeriert eine Vereinheitlichung. Alles scheint perfekt zu sitzen; nur ein paar vorstehende Zähne oder Frisursünden bleiben als Alleinstellungsmerkmal zurück.

Auf der letzten Seite des Comics findet man dasselbe Jahrbuch noch einmal, nur dass es jetzt einer Freakshow gleicht: Der Blick des Betrachters bleibt nun nicht mehr am Überbiss eines Teenagers hängen, sondern an den tennisballgroßen Blasen in seinem Gesicht. Einem Mädchen zwei Bilder weiter sprießen Skorpionsstachel aus der Stirn.

Schuld an diesen grotesken Auswüchsen ist die "Teenager-Pest", eine Krankheit, die durch Geschlechtsverkehr übertragen wird und langsam in den Alltag der Jugendlichen eindringt. Während sich die Mädchen auf dem Klo über das andere Geschlecht unterhalten, streunen die jungen Wilden in Schlaghosen durch die Suburbia von Seattle auf der Suche nach etwas Dope und Alkohol. Die Infektion breitet sich aus: Obwohl die "Teenager-Pest" neben den Mutationen keine gesundheitlichen Auswirkungen hat, möchten die Gesunden nicht mit den Missbildungen ihrer ehemaligen Freunde konfrontiert werden.

Ganz kafkaesk geht die Verwandlung der Protagonisten in Black Hole vonstatten. Den Prozess der körperlichen Veränderung nehmen die Jugendlichen zunächst im Privaten wahr: Da gibt es Chris, die ihre tägliche Selbsthäutung leicht verbergen kann. Sie täuscht Normalität vor, merkt aber, dass sie sich nicht in ihr altes Leben zurückträumen kann. Ihrem Freund Rob wächst ein zweiter Mund am Hals. Als der Auswuchs ein Eigenleben entwickelt und seinen Freunden unheimliche Dinge zuflüstert, muss Rob flüchten. Mit chirurgischer Präzision trennt Burns die Parias vom Rest der Gesellschaft ab: Wie auf der Insel des Dr. Moreau versuchen die Ausgestoßenen in einem Zeltlager im Wald mit Snickers, Ketchup und Hot Dogs zu überleben.

Die eigentliche Identifikationsfigur in Black Hole ist jedoch Keith, der als Bindeglied zwischen "Gesunden" und der alternativen Gemeinde fungiert. Was sich zunächst nur durch seine unerwiderten Gefühle für Chris äußert, wird im Verlauf der Handlung zu einer Form von Empathie, durch die er Andersartigkeit nicht als Makel, sondern als vorteilhafte Veränderung wahrnimmt.

Spielt die Geschlechtskrankheit in Black Hole auf Aids an? Burns verneint diese Frage. Stehen doch die offensichtlichen Mutationen für die Angst vor der Veränderung, vor dem Erwachsenwerden. Die Jugendlichen werden mit ihrer eigenen Körperlichkeit konfrontiert, die es zu meistern gilt. Black Hole zeichnet sich aber im Gegensatz zu anderen Coming-of-Age-Geschichten, wie J. D. Salingers Fänger im Roggen , eben gerade durch Burns' grafische Darstellung aus. Während Holden Caulfield und Gregor Samsa die Veränderungen aus ihrer Perspektive wahrnehmen, zwingt Burns seine Leser förmlich dazu, von außen zuzugucken, ja einzudringen: Die Sezierung eines Frosches in der Exposition von Black Hole ist nur ein Bildverweis in einer ganzen Reihe von offenen Wunden und weiblichen Intimbereichen.