Es scheinen gute Zeiten für Lyrik zu sein. Zumindest kann man allenthalben von einer blühenden jungen Szene lesen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmete der "Boombranche" kürzlich einen großen Artikel , in dem von der Lebendigkeit und Vielseitigkeit der zeitgenössischen lyrischen Stimmen geschwärmt wurde, ohne dabei die ökonomische Belanglosigkeit des Genres im Literaturbetrieb außer Acht zu lassen. Auch im Börsenblatt wurde begeistert von der "Sturm- und Drang-Phase" der deutschsprachigen Dichtung berichtet, wie Michael Braun und Hans Thill die momentane Aufbruchsstimmung in ihrer Anthologie Lied aus reinem Nichts treffend benannt haben.

Ob die Adressaten des Artikels – die Buchhändler – allerdings massenweise neue Werke aus den einschlägigen jungen Lyrikverlagen, von kookbooks bis Luxbooks, auf ihre Präsentiertische legen werden, ist fraglich. Dabei würde es sich durchaus lohnen. Während in den größeren Verlagen der Plot dem lyrischen Wort meist vorgezogen wird und immer weniger Dichter eine Heimstatt finden, tummeln sich eben viele von ihnen in den ambitionierten, auf dem Prinzip Selbstausbeutung beruhenden Kleinstverlagen: Ob die Lyriker Hendrick Jackson oder Ron Winkler , Sabine Scho oder Martina Hefter, Monika Rinck oder Uljana Wolf , Adrian Kasnitz oder Steffen Popp, sie alle tragen bei zu der fast schon euphorischen Stimmung, die in der Lyrikszene zu spüren ist. Einige von diesen Autoren werden auch vom Feuilleton wohlwollend rezipiert, andere sind – noch – unterhalb der Wahrnehmungsschwelle angesiedelt, dabei aber nicht weniger interessant.

Zu ihnen gehört der 1974 in Berlin geborene Alexander Gumz, ein Autor, der seit Jahren in verschiedensten Zusammenhängen mitmischt, ob als Veranstalter oder Herausgeber, auch immer wieder mit eigenen Texten in Anthologien vertreten war, aber erst in diesem Frühjahr seinen ersten eigenständigen Gedichtband veröffentlicht hat. ausrücken mit modellen ist in Daniela Seels kookbooks Verlag erschienen und enthält 60 in sieben Kapitel unterteilte Gedichte. Die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel erzählt in ihrem Nachwort, wie sie Alexander Gumz Anfang der neunziger Jahre kennengelernt hat und wie im Lauf der Zeit immer mehr seiner größtenteils unveröffentlichten Manuskripte in ihrem Buchregal gelandet sind.

Man fragt sich, ob es eine Ignoranz des Betriebs ist, dass Gumz’ erste größere Veröffentlichung so lange auf sich warten ließ? Oder doch eher eine Tugend des Autors, der seinen Gedichten Zeit gelassen hat, sich zu entwickeln, zu verändern, sich tatsächlich zu verdichten. ausrücken mit modellen wirkt tatsächlich wie ein reifes Werk. An manchen Texten lassen sich Jahresringe erahnen, sie scheinen stetig gewachsen zu sein.

Und das, obwohl Gumz’ Lyrik etwas sehr Akutes, Zeitgenössisches hat. Oft gelangt er mit einer Strophe an jenen Punkt, fängt jene Sekunde ein, in der sich Aktualität verwandelt ins Nicht-mehr-Fassbare, wo eine Kehrseite des Wahrnehmbaren aufscheint und Zeitlosigkeit entstehen kann: "in blendender bewegung eingefroren: ein loop der eigenen erfolge, der spiegelbilder, die wir nicht gewesen sind." Die einzelnen Strophen bestehen meist nur aus zwei Zeilen, und jede einzelne trägt den Kern des ganzen Gedichts oft schon in sich. In jedem in seiner Nüchternheit oft geheimnisvoll wirkenden Bilder ist das Gesamte aufgehoben, und das kommt einem nie wie ein forcierter Akt der Zersplitterung vor, sondern mehr wie eine natürliche Konzentration auf das Wesen des Gedichts. "unsere sorgen sind bekloppte interieurs", heißt es in Kühle Entwicklungen , und viel genauer lässt sich die Befindlichkeit der heute 30- bis 40-Jährigen kaum fassen.

Man könnte zahlreiche treffende, stechende Zeilen herausgreifen, würde man dadurch nicht immer auch dem ganzen Gedicht Unrecht tun. Alles ist fein gearbeitet, ineinander verwoben, manchmal freilich in einen schier hermetischen Rahmen gesetzt. Meistens aber schillernd und offen: "das ist unsere zukunft: ein remix aus versprechen, die keiner hält".

Wie sich das anfühlt, in eine Zukunft hineinzuwachsen, die aus verlorenen Sehnsüchten besteht, und in einer Gegenwart zu leben, in der man Wünsche erst einmal formulieren können müsste, davon weiß auch Katharina Schultens zu erzählen. Die 1980 geborene Lyrikerin legt mit gierstabil bereits ihren zweiten Gedichtband vor – nach Aufbrüche (2004) ein radikaler Neuanfang. Schon der Titel deutet auf eines der fundamentalen Motive hin: Gierstabilität bezeichnet den Umstand, in dem sich ein Fahrzeug ohne weitere Einflussnahme geradeaus bewegt, zumindest tendenziell.

Plakative Begriffe werden bei Katharina Schultens zu Klang

Die Gedichte Katharina Schultens’ bewegen sich mit schwungvoller Sicherheit durch die Gegenwart, unter Zuhilfenahme aller möglicher Fachsprachen. Das Besondere ist die Perspektive, durch die Kurs gehalten wird: Es gibt etliche Wahrnehmungswechsel und -störungen, Dreh- und Kippmomente. Das Ich, von dem aus gesprochen wird, ist eben kein Absolutes – wie könnte es das auch sein.

Das geht bis hinein in die Reflexion der Uneindeutigkeit von Sprache selbst. die möglichkeit einer verwechslung bestünde jederzeit etwa inszeniert ein Spiel im Konjunktiv: "die konjunktive / - das ist das problem – greifen parallel / auf vieles zu. in ihren flächen laufen / keine linien auf ein ziel stattdessen / - schnitte ohne konsequenzen. // jedoch nicht absehbar / daß sie so zärtlich würgen / würden. war überhaupt nicht / bös gemeint. sie sind noch klein."

Schultens versteht es auf faszinierende Weise, Unbedingtes und Mögliches miteinander in Beziehung zu setzen, ins Schwingen zu bringen. Außen und Innen treffen reibungsvoll aufeinander. Wie durchdringt man das Feste, Festgezurrte, wie durchschneidet man die Haut, kommt ins Verborgene – mit anderen Worten, wie lässt sich unter all dem Anschein und der Macht des Technischen und Prosaischen Gefühl erzeugen, ohne gefühlig oder gar gefällig zu werden? Und wie kann ein Gedicht das überhaupt leisten? Am ehesten unter der voraussetzung man entfernte den schutz .

Schultens' Texte zeigen, dass dies funktioniert, sich in Form auflösen lässt, Sprache zur Wunschmaschine und zum stets zu bewältigenden Problem werden muss. Körper, Schrift, Körpermusik, Bewegung, Liebe – was hier eine Aufzählung plakativer Begriffe ist, wird in ihren Gedichten zu Klang. Nicht unbedingt zu Wohlklang, aber zu einem schneidenden, harschen, manchmal dissonanten Sound. Manchmal auch zu einer anheimelnden Geste, in die sich schon der Schmerz einschreibt: "- mit dir wäre sicherlich die / innigste versorgung – von außen richtig / filigran doch zähes material & leicht zu pflegen / = ein ceranfeld in gedanken // auf dem sich zu bewegen sei: zärtliche hand / schon abgepaßt – noch leicht in seinem haar / vernäht... ein narbenglühen wenn zum abschied / er leichthin die silhouette abtastet: gute miene."

Das Trennende wird in Einklang gebracht mit der eigenen Sprache. Und die trägt durch das Jetzt, bringt das Ich auf Kurs. In eine Zukunft, die dann vielleicht doch ein paar Versprechen einzulösen vermag. Zumindest literarische.