Selbstbespiegelung, Eskapismus, Hermetik. Das sind die Vorwürfe, die immer wieder gerne an die Wettbewerbstexte der Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur gerichtet werden. Eine eigene Literaturwelt, so heißt es, köchele da vor sich hin, die mit der Welt und dem richtigen Leben da draußen wenig zu tun habe. Diesen Vorwurf konnte der Wettbewerb in diesem Jahr entkräften.

Groß genug war die vorgeführte Bandbreite dessen, was Literatur sein kann oder könnte, weit genug gestreut waren die Themen, mit denen die Autoren sich auseinandersetzten, vom Mikro- bis zum Makrokosmos, vom Krieg über die Liebe bis hin zur Pornografie; an Schulen und Universitäten, in Banken oder in Afghanistan, in einer fiktiven Künstlerkommune namens CobyCounty oder einfach nur im Kopf einer Ich-Erzählerin spielten sich die Ereignisse ab.

Klagenfurt 2011 war ein guter Jahrgang, im Vergleich zum Vorjahr gar ein hervorragender. Einer, der, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, qualitativ durchgehend mindestens gut besetzt war. Allerdings auch einer, dem die spektakulären Spitzen fehlten, weswegen es für die Jury besonders problematisch werden dürfte, sich bis zum Sonntagmorgen auf eine überschaubare Anzahl von Kandidaten für die vier Preise zu einigen. Ganz davon abgesehen, dass bei etwa 35 Grad Außentemperatur der Kopf auch heißläuft, ohne dass man denkt.

Bachmannpreis-Favoriten? Möglicherweise zwei. Zwei Autorinnen jedenfalls, über die die im Verlauf der drei Tage zunehmend diskutierfreudige Jury sich einig war: Maja Haderlap, eine zweisprachig aufgewachsene Schriftstellerin aus dem österreichisch-slowenischen Grenzgebiet, inszeniert in ihrem ruhigen, bildsicheren, hin und wieder allzu heimeligen Text eine Familiengeschichte, die von den Partisanenkämpfen im Zweiten Weltkrieg und Deportationen in Konzentrationslager überschattet wird. Viel Wald dabei, Jäger, eine Großmutter selbstverständlich. Eine Landschaft, von Historie durchwoben.Maja Haderlaps Roman " Engel des Vergessens " , aus dem der Auszug stammte, liegt ab Montag in den Buchhandlungen. Das dürfte ein Rekord sein. Der Wallstein Verlag muss nun nur noch kalkulieren, welchen der vier Preise er als Aufkleber auf die Bücher platzieren darf.

Ebenfalls ruhig, ungemein stilsicher und souverän erzählt kam Nina Bußmanns Bewerbsbeitrag daher; ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, dessen unzweifelhafte Katastrophenhaftigkeit nur in Andeutungen fassbar wird; ebenfalls ein Romanauszug. Bußmanns Debüt " Große Ferien " erscheint im kommenden Jahr bei Suhrkamp.

Interessant zu bemerken, dass ein weiterer Autor ebenso wie Maja Haderlap den Versuch unternahm, Geografie und Geschichte in einem literarischen Text zusammenzuführen, wenn auch vom anderen Ende der ästhetischen Möglichkeiten her: Steffen Popps " Spur einer Dorfgeschichte " ist die in schnellen Schnitten und geradezu lyrischen Bildern montierte Rekonstruktion der Chronik eines thüringischen Dorfes von der Urzeit bis in die Gegenwart. Eine Archäologie, eine Bewusstwerdung " in Einzelbildern, in Stills " , eine " poetische und soziale Kartografie " , wie Jurorin Daniela Strigl es ausdrückte.