Aus Jackentaschen
Héctor Abad kann eine Geschichte so erzählen, dass man sofort vergisst, ob man das Thema überhaupt interessant fand. Küchenrezepte zum Beispiel oder traurige Frauen. Sein neuestes Buch in deutscher Übersetzung allerdings erzählt eine an-sich-schon-interessante, eine wahre Geschichte: die des Gedichtes, das Abad am 25. August 1987, Calle Argentina, Medellín, Kolumbien, in der Jackentasche seines ermordeten Vaters fand, eines regimekritischen Arztes. Es trägt den schönen Titel Aqui. Hoy (Hier. Heute), und die Initialen J.L.B. – Jorge Luis Borges? Der Borges, wichtigster lateinamerikanischer Autor des 20. Jahrhunderts? Abads Ringen um die Dichtung und die Vergangenheit, um das, wovon nur die Spur der Worte bleibt, gehört zum Besten, was über die leidenschaftliche Liebe zur Literatur in den letzten Jahren geschrieben wurde. (Leonie Meyer-Krentler)

Héctor Abad:Das Gedicht in der Tasche. Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann. Berenberg Verlag 2011, 130 S., 20 Euro.

Kurz und voller Spott
Es ist der 29. März 2003, da erklärt Haiti den USA den Krieg. Eine Clique aus der haitianischen Oberklasse provoziert gewitzt den übermächtigen Nachbarn, indem sie der ganzen westlichen Welt ein paar Falschmeldungen unterjubelt. Unvorstellbare Mengen Erdöl vor Haitis Küsten gefunden! Bootsflüchtlinge bereit zur Landung an Floridas Stränden! Schon drängen sich die Geschäftemacher am Flughafen von Port-au-Prince. Und Geschäfte, das ist es, worauf die Intriganten hoffen. Sie spekulieren auf ein Wiederaufbauprogramm nach Kriegsende, orchestriert und in die Tat umgesetzt vom reichsten Land der Welt. Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt? ist eine haitianische Polit-Satire; ein lodyan, wie solche Geschichten in Haiti heißen. Sie sind die perfekte Literatur für den Sommer, sie sind kurz und häufig voller Spott. Georges Anglade beherrschte sie besonders. Diese hier geht nicht gut aus, nicht im Buch und nicht in der Wirklichkeit. Zu einem Krieg kam es zwar nicht. Doch dafür kam das Beben. Anglade starb darin am 2. Januar 2010. (Alexandra Endres)

Georges Anglade: Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt? Peter Trier Verlag 2007, 100 S., 9,90 Euro.

Zum Heulen klug
Egal, wie "wichtig" oder "lohnenswert" ein Buch sich liest – es bleibt ein kleiner Sarg, in dem ein Nachmittag oder ein Wochenende begraben liegt: Der Sommer ist halb vorbei. Die Tage werden kostbarer und kürzer. Wie viele Fehlstarts, Umwege und Sackgassen erträgt ein gutes Leben? Gabriel Bá und Fábio Moon, Zwillingsbrüder aus São Paulo, zeigen in Daytripper zehn End- und Wendepunkte im Leben des brasilianischen Journalisten Bras de Olivias Dominguez. Bras schreibt die Nachrufe der Tageszeitung. Doch seine eigenen Träume müssen warten, jahrelang. Auf Deutsch ist der zum Heulen kluge Comic vorerst nicht geplant. Dann also: Die US-Ausgabe! So brutal zärtlich, ernst und hoffnungsvoll brüllt kaum ein anderes Buch: "Du stirbst. Wach auf! Fang an, zu leben!" (Stefan Mesch)

Gabriel Bá, Fábio Moon:Daytripper. Vertigo Verlag 2011, 256 S., 14 Euro.