Breit wie eine Kurzgeschichte
Es heißt immer, die Deutschen würden keine Kurzgeschichten mögen. Ich habe nie so ganz verstanden, warum. Erst recht nicht, wenn man die short stories von Alice Munro kennt, von denen es heißt, sie seien so dicht wie ein Roman. Das mag ein wenig übertrieben sein, aber etwas Wahres ist da schon dran. Munros Geschichten sind oft raffiniert erzählt, die Handlung nimmt ein ganzes Stück Anlauf und entfaltet sich dann in einer Breite, die man von Kurzgeschichten kaum erwarten darf. In diesem Jahr nehme ich ihren neuen Erzählband mit nach Italien: Zu viel Glück. (Philip Faigle)

Alice Munro: Zu viel Glück. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S.Fischer Verlag 2011, 362 S., 19,95 Euro.

Der Buchstabe A
Liebe erschafft und Liebe zerstört – im Falle des Energieberaters Zoïle bringt ihn seine enttäuschte Liebe dazu, mit einem entführten Flugzeug in den Eiffelturm fliegen zu wollen. In Amélie Nothombs Roman Winterreise wird ein Pariser zum Amokläufer weil seine Angebetete, Astrolabe, ihn abweist. Astrolabe pflegt eine behinderte Schriftstellerin bis zur Selbstaufgabe und so findet jedes Treffen des Pärchens unter den gierigen Augen der Dritten statt. Nun will Zoïle wegen seiner sexuellen Frustration das Symbol der Liebe in Form des Buchstaben A zerstören. Nothombs Roman fasziniert und irritiert zugleich mit eigenartigen Charakteren, mit boshaftem Witz und ihrer poetischen Sprache. (Katharina Kühn)

Amélie Nothomb: Winterreise. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Diogenes 2011, 128 S., 18,90 Euro.

Was mache ich hier?
Cevdet und seine Söhne liest sich so spannend wie Thomas Manns Buddenbrooks und Leo Tolstois Anna Karenina und beide Romane hatte der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk dabei zum Vorbild. Es ist epigonal, aber großartig epigonal. Pamuk beschreibt Sofas nicht mit mäandernden Sätzen wie Thomas Mann. Er erzählt mit leichter Hand und überzeugend geschilderten Figuren inklusive eines deutschen Eisenbahningenieurs eine Familiengeschichte vom Vorabend der Jungtürkischen Revolution 1908 bis zum Militärputsch 1971. Und auch die Kernprobleme der Türkei zwischen Orient und Okzident. Vor allem ist es aber ein Buch über die ewigen Fragen: Wer bin ich, was tue ich und wohin geht's? (Fokke Joel)

Orhan Pamuk: Cevdet uns seine Söhne. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser 2011, 672 S., 24,90 Euro.