Susanne Klingner "Damenbinden waren eine Grenzerfahrung"

Ein Jahr lang hat die Autorin Susanne Klingner alles selbst hergestellt. Im Interview erzählt sie, warum Feminismus und Stricken keine Gegensätze sein müssen.

Susanne Klingner, Jahrgang 1978. Im Jahr 2008 schrieb sie gemeinsam mit Meredith Haaf und Barbara Streidl das Buch "Wir, Alphamädchen".

Susanne Klingner, Jahrgang 1978. Im Jahr 2008 schrieb sie gemeinsam mit Meredith Haaf und Barbara Streidl das Buch "Wir, Alphamädchen".

ZEIT ONLINE: Frau Klingner, der Untertitel ihres Buchs heißt 365 Tage, zwei Hände, 66 Projekte. Dafür haben Sie Brot, Zahnpasta, Käse sogar ein Abendkleid selbst gemacht. Warum die Mühe? All das gibt es doch auch zu kaufen.

Susanne Klingner: Vor allem aus Neugierde. Angeblich machen immer mehr Menschen Dinge selbst, da muss doch was dran sein. Also: Wieso nicht mal ausprobieren, wie es sich mit eigenem Garten lebt, ob ich es hinkriege, Klamotten selbst zu nähen oder zu stricken oder ein paar Schuhe selber zu machen.

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ZEIT ONLINE: Ihr Buch jedenfalls trägt den durchaus mehrdeutigen Titel Hab ich selbst gemacht – der Satz lässt sich ja zweideutig betonen. Schwingt da die Entschuldigung mit oder Stolz?

Klingner: Auf jeden Fall Stolz!

ZEIT ONLINE: Trotzdem schreiben Sie, dass die Reaktionen in ihrem Freundes- und Familienkreis angesichts ihres Projekts ja zunächst eher verhalten waren.

Klingner: Ja, das ging eher in Richtung Entschuldigung. Wenn was sehr hübsch geworden ist, kommt da manchmal der Spruch: "Oh, das sieht ja aus wie gekauft." Das soll ein Kompliment sein, ist aber eine Frechheit! Das ist doch das Tolle, wenn etwas sehr individuell ist und nicht so aussieht wie 200.000 andere Produkte.

ZEIT ONLINE: Ist das ein deutsches Problem? In den USA stricken ja sogar Hollywoodstars.

Klingner: Ja, in Deutschland teilen sich die Szenen auf. Es gibt so eine Art Selbermach-Szene, die wild und kreativ ist. Im Mainstream hingegen gilt das Selbermachen als angestaubt und irgendwie ökomäßig – so wie einst strickenden Grünen im Bundestag. Viele Menschen trauen sich nicht dran, weil sie denken, dass am Ende ein bestimmtes Ergebnis stehen muss. Es soll aussehen wie gekauft. Das wiederum schreckt mich persönlich total ab.

ZEIT ONLINE: Aber so ganz frei waren Sie von diesem Gefühl auch nicht. Etwa, als Sie Brot und Brötchen gebacken haben und alles so gar nicht nach Bäckerladen aussah. Ist es in unserer Warenwelt überhaupt noch Zufriedenheit über Selbstgemachtes möglich?

Klingner: Ja, man muss es sich ein bisschen erobern, da wir alle so sehr davon geprägt sind, dass es maschinell hergestellt wird, gleichzeitig perfekt und meistens sogar noch sehr billig ist. Selbermachen ist aufwändig, und man weiß vorher nie, wie es aussieht. Toleranz und Offenheit dem Ergebnis gegenüber müssen trainiert werden.

ZEIT ONLINE: Später nehmen Sie dann aber selbstbewusst von allen Leistungsanforderungen Abschied – und ganz nebenbei auch noch von Zivilisationskrankheiten wie Beschleunigung und Multitasking. Sie sagen: "Wenn ich ein Brot backe, backe ich ein Brot!"

Klingner:  Mein Umgang mit Zeit hat sich sehr verändert. Wir alle tauschen ja Zeit gegen Geld und arbeiten oft so viel, dass Zeit zum Luxusgut geworden ist. Luxus ist, sich diese Zeit wieder zu nehmen! Ich selbst habe meistens am Feierabend und am Wochenende selber gemacht, kein Aussteigertum also. Aber es war schwer, nach der Arbeit noch mal in Schwung zu kommen. Das Abwägen fand ich spannend: Was ist mir wichtig? Was ist Luxus, Zeit oder Geld?

ZEIT ONLINE: Haben Sie überhaupt noch Spaß am Einkaufen, neudeutsch Shoppen?

Leser-Kommentare
  1. Ich fände es erst einmal interessant, zu wissen, wo "Selbermachen" beginnt. Zum Beispiel bei einem Kleidungsstück. Hierfür wird zunächst Rohmaterial benötigt - Wolle, Baumwolle, oder Flachs. Dieses muss geerntet, gereinigt, versponnen, verwebt, gefärbt und schließlich zugeschnitten und verarbeitet werden. Wo in dieser Kette setzt man ein? Viele, die sich selbst Dinge herstellen zum Boykott der üblichen, ausbeuterischen Herstellungsmethoden, vergessen, dass, wenn sie die billigsten Rohstoffe kaufen, sie doch wieder Ausbeutungsschritte unterstützen. Andere verwenden den Begriff "alles selbstgemacht" ein wenig zu inflationär. Die Frage ist doch immer, was der Ausgangsstoff ist, bei dem man beginnt. EIGENTLICH wäre das im Kleidungsbeispiel ein Stück Ackerland und wahlweise ein paar Samen oder ein Schaf. Andererseits - würden menschen die Erfahrung machen, wie mühsam die Herstellung von so etwas simplem und alltäglichem wie einem T-Shirt dann auf einmal ist, würden sie sich vielleicht etwas mehr schämen, das von Kik zu kaufen, an dem der Ruch der Ausbeutung und Misshandlung und Vergiftung klebt.

  2. man simpelste Sachverhalte, Freizeitbeschäftigungen oder Hobbys in solchen Artikeln quasiphilosophisch aufladen muss.
    Da werden Brötchenbacken oder Klamottennähen, selbst Sockenstricken zu Attributen von Feminismus, Ökologismus und was auch immer hochgejubelt.
    Generationen von Menschen haben in ihrer Freizeit alles möglich angefertigt oft genug just for fun, nur heutzutage muss man dem auch noch tiefere und positive Bedeutung anhängen und wenn irgend möglich den Alltag vermarkten.

    18 Leser-Empfehlungen
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    ...verstehe ich Ihre Skepsis, wenn mal wieder die Selbsterfahrung einer Angehörigen des Latte-Macciato-Milieus quasiphilosophisch hochjejazzt wird. ;)

    Andererseits finde ich _dieses_ Experiment interessant und gut: Die Autorin hat sich ziemlich konsequent dem alles prägenden Dogma des Konsums widersetzt und damit dessen fast totalitäre Macht aus- und in Frage gestellt.

    Danke für das Interview!

    ...verstehe ich Ihre Skepsis, wenn mal wieder die Selbsterfahrung einer Angehörigen des Latte-Macciato-Milieus quasiphilosophisch hochjejazzt wird. ;)

    Andererseits finde ich _dieses_ Experiment interessant und gut: Die Autorin hat sich ziemlich konsequent dem alles prägenden Dogma des Konsums widersetzt und damit dessen fast totalitäre Macht aus- und in Frage gestellt.

    Danke für das Interview!

  3. Entfernt. Wir bitten Sie, Ihre Kritik respektvoller zu formulieren. Danke. Die Redaktion/sh

  4. Traurig, dass sich eine Frau schämt weil sie eben u.a. auch gerne strickt und dabei aber eine moderne Frau ist. Aber die Geschlechterklischees sind wohl trotz fortschreitenden Emanzipationskämpfen oftmals irgendwie geblieben. Heute nicht zu stricken, weil Frau, und Frauen jahrhundertelang gestrickt, Frauen jahrhundertelang unterdrückt, bedeutet doch eigentlich sich selbt verneinen und sich die gleiche Unfreiheit zu allem Überfluss jetzt auch noch selbst aufdrücken. Wieso ist es anscheinend emanzipierter für eine Frau, wenn sie Fussball spielt? Wieso gilt es nicht einfach als Erfolg, wenn eine moderne Frau sich heute dadurch auszeichnet, dass sie einfach selbstbewusst zu sich selbst steht und zu dem, was sie mag. Und es dabei keine Nachricht oder Notiz wert ist, ob sie ein Mann oder eine Frau oder noch anders ist. Egal ob sie nun gerne strickt, bäckt, Rugby spielt oder gerne im Panzer fährt. Was sie tut/ist, sollte sie ihrer selbst wegen tun/sein, und nicht um einem gewissen Geschlechterbild gerecht zu werden. Der Fakt, dass es ein Interview braucht, um darauf hinzuweisen dass eine moderne Frau trotzdem stricken darf, zeigt, wie weit wir davon noch weg sind. Schön, dass Susanne Klingner das offenbar geschafft hat. Sie ist ein Stück freier, ein Stück mehr einfach Mensch geworden. Wir sollten alle Menschen werden wollen, und nicht Frauen, Männer, Europäer, Araber,... bleiben. Diese Unterschiede sind nur so wichtig, wie eine Gesellschaft sie denken will.

  5. 5. [...]

    Entfernt, da kein konstruktiver Diskussionsbeitrag. Die Redaktion/sh

    Eine Leser-Empfehlung
  6. ...verstehe ich Ihre Skepsis, wenn mal wieder die Selbsterfahrung einer Angehörigen des Latte-Macciato-Milieus quasiphilosophisch hochjejazzt wird. ;)

    Andererseits finde ich _dieses_ Experiment interessant und gut: Die Autorin hat sich ziemlich konsequent dem alles prägenden Dogma des Konsums widersetzt und damit dessen fast totalitäre Macht aus- und in Frage gestellt.

    Danke für das Interview!

    Eine Leser-Empfehlung
  7. ... immer dort, wo wir ein Produkt, was wir normalerweise kaufen, selbst herstellen. So würde ich es definieren.

    Dazu muss man nicht Lein sähen, ernten, darren, brechen usw.
    Wir leben in einer arbeitsteiligen Welt, nur hat uns diese mittlerweile globalisierte und auf die Spitze getriebene Arbeitsteilung auch die Entfremdung von der Produktion lebenswichtiger Güter gebracht. Mittlerweile so weit, dass der Ausfall von Elektrizität und Warenverkehr über nur 3 Wochen Lebensbedrohend wäre.

    Eine Leser-Empfehlung
  8. Der Clou ist, dass es hier keine kapitalistischen Zuspruch gibt von keiner Werbesendung und von gar nichts sonst. Wenn man ein Ipadhoch3 kauft, bekommt man gleichzeitig den Segen von Steve Jobs und allen anderen, dass man zu den VIPS gehört, die shoppend von Madrid nach New York und zurück über Moskau die Welt bereisen und alles mitnehmen, was da auf dem Weg so herum hängt und weitere IN-EINHEITEN verspricht. Eigentlich ist das so was wie ein Ablasshandel, früher kam man (später) ins Paradies gegen Kauf bestimmter Devotionalien, heute gehört man schon auf Erden zur gesegneten Elite bei Barkauf oder per Mastercard. Nicht mehr für den Glauben zuständige Institutionen sprechen die Weihe aus, sondern die klingelnde Ladenkasse.

    Kann man sich eine Werbekampagne vorstellen, meinetwegen vom Verbraucherministerium gestartet ähnlich einer fetzigen Autowerbung ungefähr so: DU BIST GEIL DU BIST GROSS - DU HAST ES SELBST GEMACHT! Eingeblendet ins Bild ist dann ein etwas zerzauster selbst gehäkelter Topflappen und dein Mann und deine Familie, die stolz zu Dir hoch blickt. ( Rechts neben Dir sind alle Nachbarn, die dich schmachtend beneiden!) Das ist eher unwahrscheinlich. Und warum ? Weil Ilse Aigner dann ihre Verluste ausrechnet gegenüber dem Kauf im Shop. So bleibt dem Selbermacher/in eigentlich nur der Trostpreis in Form von geheuchelten Komplimenten oder gar der vorletzte Platz ausgedrückt durch mitleidige Blicke. Wenn alle demnächst pleite sind, ändert es sich vielleicht...

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    "Wenn man ein Ipadhoch3 kauft, bekommt man gleichzeitig den Segen von Steve Jobs und allen anderen, dass man zu den VIPS gehört,(...) Eigentlich ist das so was wie ein Ablasshandel, früher kam man (später) ins Paradies gegen Kauf bestimmter Devotionalien, heute gehört man schon auf Erden zur gesegneten Elite bei Barkauf oder per Mastercard."

    Neulich sah ich eine Sendung auf BBC 3, da hat ein Pfarrer der anglikanischen Kirche mit einem Augenzwinkern genau das gesagt. Worauf der Reporter dann noch mal die Architektur des Londoner Apple Flagship Stores begutachtete, und jede Menge Säulen und hohe Fenster fand ;-D.

    "Wenn man ein Ipadhoch3 kauft, bekommt man gleichzeitig den Segen von Steve Jobs und allen anderen, dass man zu den VIPS gehört,(...) Eigentlich ist das so was wie ein Ablasshandel, früher kam man (später) ins Paradies gegen Kauf bestimmter Devotionalien, heute gehört man schon auf Erden zur gesegneten Elite bei Barkauf oder per Mastercard."

    Neulich sah ich eine Sendung auf BBC 3, da hat ein Pfarrer der anglikanischen Kirche mit einem Augenzwinkern genau das gesagt. Worauf der Reporter dann noch mal die Architektur des Londoner Apple Flagship Stores begutachtete, und jede Menge Säulen und hohe Fenster fand ;-D.

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