ZEIT ONLINE: Frau Klingner, der Untertitel ihres Buchs heißt 365 Tage, zwei Hände, 66 Projekte . Dafür haben Sie Brot, Zahnpasta, Käse sogar ein Abendkleid selbst gemacht. Warum die Mühe? All das gibt es doch auch zu kaufen.

Susanne Klingner: Vor allem aus Neugierde. Angeblich machen immer mehr Menschen Dinge selbst, da muss doch was dran sein. Also: Wieso nicht mal ausprobieren, wie es sich mit eigenem Garten lebt, ob ich es hinkriege, Klamotten selbst zu nähen oder zu stricken oder ein paar Schuhe selber zu machen.

ZEIT ONLINE:  Ihr Buch jedenfalls trägt den durchaus mehrdeutigen Titel Hab ich selbst gemacht – der Satz lässt sich ja zweideutig betonen. Schwingt da die Entschuldigung mit oder Stolz?

Klingner: Auf jeden Fall Stolz!

ZEIT ONLINE:  Trotzdem schreiben Sie, dass die Reaktionen in ihrem Freundes- und Familienkreis angesichts ihres Projekts ja zunächst eher verhalten waren.

Klingner: Ja, das ging eher in Richtung Entschuldigung. Wenn was sehr hübsch geworden ist, kommt da manchmal der Spruch: "Oh, das sieht ja aus wie gekauft." Das soll ein Kompliment sein, ist aber eine Frechheit! Das ist doch das Tolle, wenn etwas sehr individuell ist und nicht so aussieht wie 200.000 andere Produkte.

ZEIT ONLINE:  Ist das ein deutsches Problem? In den USA stricken ja sogar Hollywoodstars.

Klingner: Ja, in Deutschland teilen sich die Szenen auf. Es gibt so eine Art Selbermach-Szene, die wild und kreativ ist. Im Mainstream hingegen gilt das Selbermachen als angestaubt und irgendwie ökomäßig – so wie einst strickenden Grünen im Bundestag. Viele Menschen trauen sich nicht dran, weil sie denken, dass am Ende ein bestimmtes Ergebnis stehen muss. Es soll aussehen wie gekauft. Das wiederum schreckt mich persönlich total ab.

ZEIT ONLINE:  Aber so ganz frei waren Sie von diesem Gefühl auch nicht. Etwa, als Sie Brot und Brötchen gebacken haben und alles so gar nicht nach Bäckerladen aussah. Ist es in unserer Warenwelt überhaupt noch Zufriedenheit über Selbstgemachtes möglich?

Klingner: Ja, man muss es sich ein bisschen erobern, da wir alle so sehr davon geprägt sind, dass es maschinell hergestellt wird, gleichzeitig perfekt und meistens sogar noch sehr billig ist. Selbermachen ist aufwändig, und man weiß vorher nie, wie es aussieht. Toleranz und Offenheit dem Ergebnis gegenüber müssen trainiert werden.

ZEIT ONLINE:  Später nehmen Sie dann aber selbstbewusst von allen Leistungsanforderungen Abschied – und ganz nebenbei auch noch von Zivilisationskrankheiten wie Beschleunigung und Multitasking. Sie sagen: "Wenn ich ein Brot backe, backe ich ein Brot!"

Klingner:   Mein Umgang mit Zeit hat sich sehr verändert. Wir alle tauschen ja Zeit gegen Geld und arbeiten oft so viel, dass Zeit zum Luxusgut geworden ist. Luxus ist, sich diese Zeit wieder zu nehmen! Ich selbst habe meistens am Feierabend und am Wochenende selber gemacht, kein Aussteigertum also. Aber es war schwer, nach der Arbeit noch mal in Schwung zu kommen. Das Abwägen fand ich spannend: Was ist mir wichtig? Was ist Luxus, Zeit oder Geld?

ZEIT ONLINE:  Haben Sie überhaupt noch Spaß am Einkaufen, neudeutsch Shoppen?