Jan Brandt Die Apokalypse in Sehrnahaufnahme

Eins der besten Debüts des jungen Bücherherbstes. Jan Brandts Roman "Gegen die Welt" erzählt mit Wucht aus den letzten Tagen der BRD-Komfortzone.

Eine Aufnahme aus Ostfriesland

Eine Aufnahme aus Ostfriesland

In Aurich ist’s schaurig, in Leer noch viel mehr. So heißt es in einer Redewendung in Ostfriesland, am allerflachsten Punkt der Republik, oben Links im Straßenatlas, wo auch Jericho liegen müsste, aber dieses Dorf werden wir auf keiner Karte finden. Jan Brandt hat es erschaffen. Und er führt uns mit seinem Roman Gegen die Welt hinein in diesen Ort, in dem nachts nur das A der Apotheke und das S der Sparkasse in den weiten Himmel leuchten. Ein Romandebüt, das bereits vor seinem Erscheinen manchen Kritiker staunen ließ, allein ob seines Umfangs: Mehr als 900 Seiten sind es, an denen Brandt etwa neun Jahre geschrieben hat, was im Literaturbetrieb "ambitioniert" bis "mutig" genannt wird.

Umso besser, wenn so ein Buch auch noch gelingt. Und der bleibende Eindruck, nachdem man diesen bemerkenswert souveränen, bemerkenswert langen Roman gelesen hat, ist Beklommenheit. Es ist eine große Erzählung vom Zerfall einer Gemeinschaft und ihrer Fratze hinter dem Biedermannantlitz. Von den letzten Tagen der BRD-Komfortzone, als der Kalte Krieg schon nicht mehr so kalt war.

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Und es ist die Tragödie eines unschuldig schuldig gewordenen Jungen: In den Mikrokosmos nordwestdeutscher Ländlichkeit hat Brandt, Jahrgang 1974, Daniel Kuper hineingeworfen. Sohn der hiesigen Drogistenfamilie. Sein junges Leben verbringt er mit Weltraum-Heften, Heavy Metal und einer besonderen Fantasie, die in Jericho schnell an ihre Grenzen gerät: "Das Dorf war überall. Das war die Erkenntnis, die sich langsam in ihm ausbreitete. Er müsste schon sehr weit laufen, sehr weit fahren, um zu entkommen. Aber was dann? Was dann? So weit reichte seine Vorstellungskraft nicht aus."

Normalerweise beginnen so Ausreißergeschichten, herzstolpernde Fluchten in die Großstadt, mit denen uns die jüngste deutsche Gegenwartsliteratur unentwegt aufgekratzt versorgt. Das darin rauf und runter erzählte Sex- und Drogenremmidemmi erscheint in Jericho jedoch so weit weg, wie der ermüdete Heimkehrer aus der Stadt, der zwischen Muttis Streuselkuchen und Papis Güllelaster wieder zu sich kommt. In Gegen die Welt gibt es nur dieses Dorf, alles fußläufig erreichbar und Daniel (und der Leser) muss damit Vorlieb nehmen.

"Wir sind Normalnull", stellt sein Erdkundelehrer fest, was gleichermaßen als Beschreibung für Lage und Seelenhaushalt des Orts gelten kann. "Wir werden untergehen, wenn sich nichts ändert." Diese Schlüsselszene verdeutlicht es früh: Natürlich wird dieses Dorf untergehen. Erzählt wird von den Achtzigern bis in die neunziger Jahre. Die Botschaften aus der Außenwelt geistern als bedrohliches Raunen durch die Straßen: Die Verheerungen in Tschernobyl, die schmelzenden Polkappen, die RAF-Fahndungsfotos an der Hauptpost, die Eröffnung der Drogeriekette Schlecker im Umland, kurzum: Normalnull heißt dem Ende nahe.

Der Autor Jan Brandt, Jahrgang 1974, lebt in Berlin.

Der Autor Jan Brandt, Jahrgang 1974, lebt in Berlin.

Ein Klima der Beunruhigung hat längst die Einwohner ergriffen. Nicht nur, weil jäh ein Schneesturm durchs Dorf wütet, mitten im September. Es scheint, als gerate die Ordnung fundamental aus den Fugen, als seien die Skatabende, die heimlichen Fußballwetten im Gemeindehaus, die gefüllten Regale der Drogerie Kuper bereits Teile einer verlorenen Vergangenheit, die unter einer rasenden Gegenwart begraben werden. Spätestens, als Daniel in einem Maisfeldkreis aufwacht und Reporter aus aller Welt anrücken, um nach Außerirdischen zu suchen, ist den Jerichoern klar, wer an diesen Veränderungen Schuld haben muss: der Junge selbst.

Die Verdächtigungen, das lauter werdende Getuschel seiner Mitschüler und Mitmenschen treiben Daniel allgemach in eine Science-Fiction-Welt. Darin trägt er Schutzanzüge, schießt mit plutonischen Laserkanonen, hat den Bezug zu sich und seiner Umwelt verloren. Je seltsamer Daniel wird, desto verdächtiger wird er den Dorfbewohnern. Er schreibt technoide Allmachtsfantasien in Schulaufsätze und freundet sich mit drei älteren Jungs an, die im Verlauf der Seiten sonderbar zu Tode kommen. Während ihrer Freundschaft quälen sie zuvor einen Schulkameraden in einem Waldstück, der sich wenig später vor einen Zug wirft. Daniel wird diese Tat bis zu seinem Ende begleiten.

Leser-Kommentare
    • UsH
    • 31.08.2011 um 13:19 Uhr

    Hört sich alles gut an, auch nachvollziehbar, möglicherweise sogar lesenswert.
    Gleichwohl glaube ich, daß uns dieses so bedrückend beschriebene Gefühl allüberall einholen wird, hat es doch viel mehr mit unserer eigenen Binnen-Kultur zu tun (das Gefühl, das sich bei Menschen am Abend einstellt, wenn der Bildschirm ausgeschaltet ist) als mit äußeren Denkanstößen.
    Zu glauben, BerlinMünchenHamburg, da steppt der Bär und die Zivilisation zeigt sich auf ihrem Höhepunkt, hieße, Menschen zu überschätzen, die halt überall mit Wasser kochen und manchmal mit Herz und Hand. In den Großstädten lenkt man sich raffinierter ab vom wirklichen Zeitgeist, das ist wahr. Dieser ist s e h r viel depressiver als sich ein Kulturschaffender wie der Autor, der die Grosstadt aufsuchte, vorstellen kann.
    Aber Gott sei Dank haben wir ja die Medien, die uns immer wieder sagen, was die Stunde geschlagen hat. Oder vielleicht doch nicht?!
    Die Geschichten zu erzählen, die über die wirkliche Stimmung im verblassenden EuroBond-Land AUskunft geben, das erwarte ich bis zu einem gewissen Grad von genau dieser Zeitung hier - wenn es Ihnen denn nichts ausmacht, biddeschön, Authentizität und wirkliches Lebensgefühl von Mehrheiten auch im Journalismus und nicht nur in der Literatur unterzubringen.
    Merci dafür.

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    Zwei Semester auf einer deutschen Hochschule für jeden in diesem Land und mindestens anderthalb Jahre in einem anderen Land. Das ist, was Deutsche in Europa brauchen. Die Siebziger und Achtziger zu beleuchten, wird jetzt auch langsam langweilig. Dass es Nutella schon damals gab, und wir jetzt darüber lachen können, wissen wir doch schon.

    Zwei Semester auf einer deutschen Hochschule für jeden in diesem Land und mindestens anderthalb Jahre in einem anderen Land. Das ist, was Deutsche in Europa brauchen. Die Siebziger und Achtziger zu beleuchten, wird jetzt auch langsam langweilig. Dass es Nutella schon damals gab, und wir jetzt darüber lachen können, wissen wir doch schon.

  1. Nachdem jeder B- und C-Promi nun schon ein Buch veröffentlichen durfte und aktuell die Meinungsmache wieder um allerlei Schlüpfrigkeiten einer "Best"sellerautorin kreist, nun also endlich mal wieder das Gegenteil. Dystopie und Untergangsstimmung.

    Und dann auch noch im Nordwesten Ostfrieslands.
    Da auch mir die dortige Topgraphie und das Lebensgefühl bestens bekannt sind, vermute ich, ohne den Roman gelesen zu haben, eine recht authentische Darstellung.

    Sicher ein lesenswertes Buch.
    Allerdings steht das Ende der Menschheit bereits fest. Es unterscheiden sich nur die jeweils unterschiedlich vorhergesagten (teils geologischen) Zeiträume.

    Und scheinbar noch eine Quintessenz: Jericho (Leer) ist überall.

    Ob Frau Roche dieses Buch jemals lesen wird? In Leer sollten die Verantwortlichen schon jetzt ein Denkmal setzen. Und ggf. Archen bauen.

  2. Entfernt. Bitte beachten Sie, dass laut Netiquette das Profil für die Veröffentlichung des privaten Blogs vorgesehen ist. Danke. Die Redaktion/vn

  3. Zwei Semester auf einer deutschen Hochschule für jeden in diesem Land und mindestens anderthalb Jahre in einem anderen Land. Das ist, was Deutsche in Europa brauchen. Die Siebziger und Achtziger zu beleuchten, wird jetzt auch langsam langweilig. Dass es Nutella schon damals gab, und wir jetzt darüber lachen können, wissen wir doch schon.

  4. "Der Untergang" oder "das Ende" sind Felder, die erstens weit und zweitens wohl nicht leicht zu beackern sind. Das mag dieser Autor wohl ganz gut geschafft haben. (Roger Willemsen in "Die Enden der Welt" übrigens auch.) Mich würde aber mal interessieren, was der Literaturbetrieb für die Zeit anch dem Knall, nach dem Absterben usw. zu bieten hat. Ich merke in meinem Freundeskreis ein stilles Umdenken. Klaro, das geht bisher nur wenigen so, aber es beginnt. Man stellt sich der Tatsache, dass wir andere Inhalte brauchen, dass der Mensch und seine Umwelt, kurz: das Leben schlecht hin, im Mittelpunkt stehen muss und nur daraus die wahrhaftigen Werte entspringen. Das veniere contra factum proprium unserer Väter und Mütter in führenden Positionen haben wir durchschaut. Es wachsen Ideen es anders zu machen. Von normal Null ist ja die ganze Nation nicht weit entfernt. Insofern hat das Buch vielleicht mehr Aktuallität, als man zunächst denkt. Aber die Frage bleibt: Was kommt danach?

  5. "hinter den Fassaden bröckelt es" Dorfgeschichten sooo leid.
    Wir wissen es doch längst (jeder deutsche Krimi, in dem es die Protagonisten zu Ermittlungen in die "Pampa" verschlägt führts uns doch vor).
    Ich werde das Buch nicht lesen.
    Wer, um Ödnis anzuzeigen, die dörflichen Einrichtungen lediglich aufzählt langweilt und irgendwie spürt man Absicht und ist verstimmt.
    Gibts denn neben der unseeligen Roche und solchen "Schinken"
    nichts neues an Gegenwartsliteratur?

  6. ...wilhelmshaven.

    als leeranerin im kölner exil habe ich auf den ersten seiten schon sehr gelacht und bin gespannt auf den rest. nur noch 900 seiten to go.

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    "Und straft er Dich so richtig sehr, schickt er Dich nach Leer."

    Zugegeben auch Wilhelmshaven ist keine Perle. Aber Leer auch nicht.

    Aber nicht, dass das jetzt als Werbung für dieses Endzeitbuch in der Provinz aufgefasst wird. Wen wirklich Endzeit interessiert:

    Der besehe sich den Film: The Road

    Das dauert auch nicht so lange, wie 900 Seiten lesen.
    Und der Film zeigt was danach kommen könnte.

    "Und straft er Dich so richtig sehr, schickt er Dich nach Leer."

    Zugegeben auch Wilhelmshaven ist keine Perle. Aber Leer auch nicht.

    Aber nicht, dass das jetzt als Werbung für dieses Endzeitbuch in der Provinz aufgefasst wird. Wen wirklich Endzeit interessiert:

    Der besehe sich den Film: The Road

    Das dauert auch nicht so lange, wie 900 Seiten lesen.
    Und der Film zeigt was danach kommen könnte.

  7. "Und straft er Dich so richtig sehr, schickt er Dich nach Leer."

    Zugegeben auch Wilhelmshaven ist keine Perle. Aber Leer auch nicht.

    Aber nicht, dass das jetzt als Werbung für dieses Endzeitbuch in der Provinz aufgefasst wird. Wen wirklich Endzeit interessiert:

    Der besehe sich den Film: The Road

    Das dauert auch nicht so lange, wie 900 Seiten lesen.
    Und der Film zeigt was danach kommen könnte.

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    Leer ist sehr wohl eine Perle. Allein die Aussicht vom Hafen aus auf die Waage und das Rathaus lohnt eine Fahrt. Vom Weinhaus Wolff ganz zu schweigen mit seiner altertümlichen Einrichtung und seiner barocken Fassade. Die Altstadt ist wahrhaft scnuckelig; unterbrochen von einer großen reformierten Kirche mit einem Turm, der einem Leuchtturm nachempfunden ist, und einer lutherischen Kirche mit barockem Aussehen, auch mit einem Leuchtturm-Turm. Die Geschäftsstraßen sind eingerahmt von herrlichen Häusern aus der Gründerzeit. Ach, ich könnte Ihnen so viel erzählen von Leer, der schönen Stadt...!

    Leer ist sehr wohl eine Perle. Allein die Aussicht vom Hafen aus auf die Waage und das Rathaus lohnt eine Fahrt. Vom Weinhaus Wolff ganz zu schweigen mit seiner altertümlichen Einrichtung und seiner barocken Fassade. Die Altstadt ist wahrhaft scnuckelig; unterbrochen von einer großen reformierten Kirche mit einem Turm, der einem Leuchtturm nachempfunden ist, und einer lutherischen Kirche mit barockem Aussehen, auch mit einem Leuchtturm-Turm. Die Geschäftsstraßen sind eingerahmt von herrlichen Häusern aus der Gründerzeit. Ach, ich könnte Ihnen so viel erzählen von Leer, der schönen Stadt...!

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