Bachmann-Preis Das große Literaturbetriebsfest
In Klagenfurt hat der Wettbewerb um den Bachmann-Preis begonnen. Es wird "Blut- und Kotze-Literatur" vorgelesen. Aber die Sonne scheint.
© bachmannpreis.eu

Die Jury des diesjährigen "Bewerb" des Bachmann-Preises
Nach Dorfgastein kommt der Bahnhof Hofkastein, dann Bad Hofgastein, dann Bad Gastein, dann der lange und unheimliche Tauerntunnel, und dann ist man auch schon in Kärnten, und bald darauf sieht man zum ersten Mal den Wörthersee grünlich schimmern. Klagenfurt, Ingeborg Bachmann-Wettbewerb, das große Literaturbetriebsfest.
Manche reisen auch einfach so an, ohne Auftrag, nicht um zu arbeiten, sondern um sich die Lesungen anzuhören und mit den Kollegen im Strandbad zu liegen. 32 Grad, strahlender Sonnenschein, stabile Wettervorhersage. Vor das Strandbad hat der Herr die Eröffnungsveranstaltung am Mittwochabend gesetzt. Bier gibt es erst ab 22 Uhr, weil vorher im ORF-Studio noch geredet wird.
Die sogenannte Klagenfurter Rede eröffnet stets den Bewerb, wie das Wettlesen hier heißt. Die Klagenfurter Rede ist zumeist langweilig. Selbst als der Büchnerpreisträger Josef Winkler vor zwei Jahren zu einer ausgiebigen Beschimpfung der Politik im Allgemeinen und der FPÖ im Besonderen ausholte, war das langweilig, weil man genau das von ihm erwartet hatte.
In diesem Jahr sprach der Schriftsteller Urs Widmer, und er sprach sinngemäß in etwa Folgendes: Literatur besteht aus Sprache. Die Sprache ist etwas Abgenutztes, weil wir alle sie benutzen. Daran, ob jemand der abgenutzten Sprache noch eine winzige Neuigkeit abringen kann, erkennt man den guten Schriftsteller. Man war sich einig, dass das wiederum keine besonders neuen Erkenntnisse waren.
Anschließend Buffet vor dem ORF-Gebäude. Aufgeregte Autoren und Verleger, Verleger ohne Autoren, Pressefrauen und der einsame Berliner Pressemann, der in ebenso einsamer Körpergröße über alle und alles ragt und demnächst Münchener wird. Am Stehtisch der Kollegen vom Rundfunk werden Wetten auf den Bachmannpreisträger 2011 abgeschlossen, fünf Euro pro Tipp. Eindeutiger Favorit ist Thomas Klupp. Der hat 2009 seinen Debütroman Paradiso vorgelegt, und der war wirklich gut.
Apropos Berlin: Acht der 14 Autoren, die in diesem Jahr am Bachmann-Wettbewerb teilnehmen, leben in Berlin. Geboren in Frankfurt, lebt in Berlin. Geboren in Borken, lebt in Berlin. Geboren in Aarau, lebt in Berlin. Geboren in Erlangen, lebt in Berlin. Die Zentralisierung der deutschsprachigen Literatur schreitet rasant voran.
Donnerstag, 8.03 Uhr, Strandbad Maria Loretto. Der See hat 23 Grad; die Abkühlung macht den Kopf klar. Neuerdings schenken sie bei der Eröffnung das Modegetränk Aperol Sprizz aus. Aus der Urlaubsatmosphäre kommt man ins Studio, und verstörender als heuer könnte der Einstieg gar nicht ausfallen. Die Auslosung am Vorabend hat ergeben, dass Gunther Geltinger den Bewerb zu eröffnen hat. Das ist eine undankbare Aufgabe; das Publikum ist im Normalfall noch nicht so recht in Fahrt; die Jury noch nicht aufeinander eingespielt.
- Datum 07.07.2011 - 17:41 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Stimmt! Wenn sich schon die vortragenden Autoren nicht zu der Kritk äußern dürfen, dann müssten sich wenigstens die Kritiker in die Haare kriegen, empört sein oder sich zumindest engagieren.
"Herr Spinnen, stochern Sie doch mal ein bisschen in der literarischen Glut! Entfachen Sie das Feuer!"
Es muss ja nicht so enden, wie Anfang der 80er Jahre Rainald Goetz begann, als er sich die Stirn aufritzte und sein Blut dahin tropfte, wo sein Herz vor Anker lag: Auf SEINEM Text nämlich.
Still ruht der Wörthersee. Aber in Robert Gernhardts "Wörtersee" heißt es auch:
Gleißt auch des Lebens
grelle Glut,
tut auch sein Glanz den
Augen weh -
ich schreibe. Und die
Bilderflut
verströmt, verebbt im
Wörtersee.
Berlin ist der Anziehpunkt schlechthin geworden, leider hat das auch Nachteile, aber nunja. Noch gibt es dort ein Milieu mit dem Kitzambiente, aber mehr und mehr wird es dem Verkauf preisgegeben, dann werden wieder viele Künstler dieser Stadt den Rücken zuwenden und weiterwandern um irgendwo ihre Geschichten schreiben zu dürfen.
Ich muss aber zugeben, dass mich viele der Erzählungen eher anöden als dass ich sie interessant fände, oft sind es Geschichten von den immer gleichen Schicksalsschlägen umrahmt mit den irgendwie verkrampft vorkommenden Figuren. Antonia Baums Beitrag war etwas erfrischendes, ein Text der beim hinhören begeistert hat und sicherlich als ganzes Buch hervorragend aufgeht. Auch wenn da wieder vieles gewollt war, die junge Protagonistin hat etwas was neugierig macht, das kam bei den anderen Autorinnen und Autoren kaum rüber.
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