Liao Yiwu"China ist wie ein Müllhaufen"

Vier Jahre saß der Schriftsteller Liao Yiwu in China im Gefängnis und schrieb ein Buch darüber. Im Interview sagt er, warum er das Land furchtbar und faszinierend findet. von 

Liao Yiwu in Berlin 2010. In den kommenden Wochen erscheint sein Buch "Für ein Lied und hundert Lieder", in dem er aus seinen Jahren in chinesischen Gefängnissen erzählt.

Liao Yiwu in Berlin 2010. In den kommenden Wochen erscheint sein Buch "Für ein Lied und hundert Lieder", in dem er aus seinen Jahren in chinesischen Gefängnissen erzählt.  |  © Andreas Rentz/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Liao, an einer Stelle Ihres neuen Buchs Für ein Lied und hundert Lieder sagt ein Mann zu Ihnen: "Man muss sein Leben einsetzen, wenn man schreibt." Das war in den achtziger Jahren. Haben Sie damals geahnt, wie wahr dieser Satz werden würde?

Liao Yiwu: Dieser Satz ist nicht nur mein Schicksal, sondern auch das Schicksal dieses Buchs. Das Manuskript ist drei Mal beschlagnahmt worden. Ich habe es drei Mal neu geschrieben. Der deutsche Verlag (S. Fischer) hat das Buch zu meiner eigenen Sicherheit verschoben, und ich bin hierher nach Berlin gereist. Das Leben einzusetzen, um zu schreiben, das stimmt bis heute.

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ZEIT ONLINE:  Sie waren vier Jahre im Gefängnis, Ihnen wurde etliche Male die Ausreise verweigert, trotzdem wollen Sie ihr Land nicht für immer verlassen. Nach allem, was Sie in China erfahren haben: Wann ist der Punkt erreicht?

Liao: Für mich ist es das Allerwichtigste, dass ich Schreiben und Veröffentlichen kann. Das ist mein Leben. Dafür werde ich kämpfen. Was in der Zukunft passiert, kann ich nicht sagen. Ich will nur meine Freiheit verteidigen. Sicher, das Land ist absurd. Was mich betrifft, bin ich erst einmal in Deutschland. Hier werde ich nicht gestört. Aber in China gibt es Stoffe, über die ich schreiben kann, absurde, grausame und wahre Geschichten, die ich nirgendwo anders finde.

ZEIT ONLINE: Aus Ihrer Haft erzählen Sie eine besonders erschütternde. Ein Mann wird eines Morgens abgeführt und exekutiert, noch mit dem Frühstück im Mund.

Liao: Ich war mit mehr als 20 Gefangenen in einer Zelle. An diesem Tag saßen wir alle zusammen, es gab diese chinesischen Dampfbrötchen, Mantou heißen die. Der eine Gefangene hatte gerade erst hineingebissen, da standen die Wächter schon vor der Tür zur Hinrichtung. Er war so verängstigt, er brach zusammen und musste von anderen Häftlingen rausgetragen werden. Diese Szene ist seither in meinem Kopf geblieben, all die Jahre.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben daraufhin, ein Dichter könne sich Gefühle wie Hass oder Fatalismus nicht leisten.

Liao: In der chinesischen Philosophie gibt eine sogenannte Zirkulation des himmlischen Gesetzes, das ist ähnlich wie Fatalismus. Allerdings ist man für sein eigenes Handeln verantwortlich. Man selbst trifft die Entscheidungen. Wäre ich Fatalist, wäre ich in China geblieben und würde nun eventuell wegen dieses Buchs meine Freiheit verlieren. Dieses Buch ist die Antwort zu Ihrer Frage.

Liao Yiwu

Liao Yiwu, geboren 1958 in Sichuan, schrieb im Juni 1989 das Gedicht Massaker über die Geschehnisse auf dem Tian'anmen-Platz. Wegen "Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda" wurde er daraufhin 1990 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. In Deutschland wurde er mit dem Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser (S. Fischer Verlag, 2009) bekannt, in dem er in Interviews die Lage der unteren Gesellschaftsschichten Chinas schildert. Liao darf seine Werke in China offiziell nicht veröffentlichen, sie kursieren auf dem Schwarzmarkt. Nach Deutschland konnte er  nur ausreisen, weil er den chinesischen Behörden versprochen hatte, sein neues Buch Für ein Lied und hundert Lieder nicht im Ausland zu veröffentlichen. Liao ließ sich darauf allerdings nur zum Schein ein. Sein Buch, das von seiner Zeit im Gefängnis handelt, erscheint in den kommenden Tagen im Fischer-Verlag. Nach Deutschland wird Liao auch in den USA und Australien auf Lesereise gehen. Im kommenden Jahr tritt er ein Stipendium des DAAD in Berlin an.

ZEIT ONLINE: Hat sich aktuell die Stimmung in China nach der Entlassung von Ai Weiwei entspannt? Was haben Schriftsteller zu befürchten?

Liao: Für sogenannte offizielle Autoren, die nur für den Markt schreiben, gibt es keine Restriktionen. Aber für unabhängige Autoren, die sich zur Wehr setzen, ist die Lage noch immer kritisch. Manche sagen: Ein guter Schriftsteller muss drei Dinge nachweisen. 

ZEIT ONLINE: Welche?

Liao: Er muss eine Scheidungsurkunde besitzen, einen Durchsuchungsbefehl erhalten haben und ein Entlassungspapier aus dem Gefängnis.

ZEIT ONLINE: An einer Stelle Ihres Buches bemerken Sie sinngemäß: Hätte ich das Gedicht Massaker nie geschrieben, hätte das Land mich womöglich mit Literaturpreisen überhäuft. Lässt sich daraus etwas Bedauern lesen?

Liao: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte keine Wahl. Vor dem 4. Juni 1989 ( das Massaker auf dem Tian'anmen-Platz, Anm. der Red. ) war ich ein Anarchist. Aber dieses Ereignis hat mein Leben verändert. Ich habe diese Herausforderung akzeptiert.

Leserkommentare
  1. Um in Hierarchien nach oben zu kommen, muß man im Regelfalle nach oben buckeln, nach unten treten und auf der eigenen Ebene intrigieren. Man muß gerne über andere Macht ausüben und gut lügen können.

    Kein Wunder, daß Bürokraten und Politiker, die noch was werden wollen, so unangenehm sind.

    Dagegen würde Demokratie helfen, auch bei uns!

    • Mailer
    • 08. Juli 2011 12:20 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit Kommentaren zum Thema an der Debatte. Danke. Die Redaktion/sc

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    • joG
    • 08. Juli 2011 13:03 Uhr

    ....dass China wesentlich sicherer ist für seine Menschen, als zu Zeiten der Großen Sprungs Vorne.

    • LaoLu
    • 08. Juli 2011 15:02 Uhr

    Ich mußte doch erstmal das Interview mit diesem neuen Dissidenten durchlesen.

    Herr Liao war nach eigenen Angaben vor dem 4. Juni 1989 Anarchist.
    Gut.
    Diese Leute sind ja bekannt dafür, daß sie mit konstruktiven Beiträgen an der Lösung von Problemen mitwirken, die so beim Aufbau eines Staates entstehen.

    Dann hat sich das geändert. Sacht er. Gleichwohl würde er es vorziehen, wenn niemand regierte - weil immer so widerliche Menschen in die hohen Positionen kommen.

    Soll ich den Herrn ernst nehmen?

  2. Viele Menschen im Westen, die sich gerne als tolerant, kulturell weitsichtig sowie historisch und kulturell tolerant-analytisch verstehen, u.A. neulich Helmut Schmitt in einem Interview über China, meinen ja, ma könne/solle "unsere Werte" nicht ohne Weiteres in arroganter , kolonialistischer Manier der chinesischen Kultur aufzwingen.
    In Foren deutschlandweit tauchen bei aller kritik an China immer wieder Posts von Leuten auf, die behauhpten, dort gelebt und gearbeitet zu haben, wie faszinierend, vielschichtig und toll dort alles sei, und dass wir Westler das alles vollkommen missverstehen, hysterisch und von tiefer kultureller Unwissenheit geleitet reagieren.
    Gerne wird auch immer wieder behauptet, unser Verständnis vom Menschenrecht, Demokratie und Freiheit wäre ja auch nur eine kulturelle Prägung, und anderswo auf der Welt habe man halt schlicht andere Werte, die es zu respektieren gelte.

    Nun, ich denke, die Worte und Erlebnisse das Herrn Liao Yiwu sind wohl schwer zu "relativieren". Und ausserdem kann man ihn wohl schlecht der Unwissenheit, der kulturell bedingten Fehlinterpretation oder der Hysterie beschuldigen.
    Ich frage mich jetzt nur , was die vielen Chinaverteidiger aus dem Westen ihm jetzt wohl argumentativ entgegenzusetzen haben. Dass auch er als Chinesischer Bürger die doch ach so komplexen historischen und politischen Prozesse Zusammenhänge nicht sieht und versteht, und seine Kritik völlig unangebracht ist?

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    • Dirac
    • 08. Juli 2011 12:36 Uhr

    "In Foren deutschlandweit tauchen bei aller kritik an China immer wieder Posts von Leuten auf, die behauhpten, dort gelebt und gearbeitet zu haben, wie faszinierend, vielschichtig und toll dort alles sei, und dass wir Westler das alles vollkommen missverstehen, hysterisch und von tiefer kultureller Unwissenheit geleitet reagieren."

    Ich denke, dass sich die Verteidigung weniger auf das politische System als eher auf die Berichterstattung der deutschen Medien bezieht.
    In China gibt es sehr viele kritische Köpfe. Es wird viel getan, damit sich der Staat politisch positiv entwickelt.
    Doch bei Artikeln über China wird sowas gern mal unter den Tisch geschlagen, um die Argumentation stringent erscheinen zu lassen.
    Mal ganz ehrlich: vielen Menschen dort geht es (finanziell/wirtschaftlich) besser und man muss sich halt eingestehen, dass sowas für die meisten Menschen dort erstmal wichtiger ist, als uneingeschränkte Presse- und Versammlungsfreiheit usw..

    Wenn man mal die Berichte vergleicht, sind doch 95% negativ. China ist jedoch nicht zu 95% ein schlechter oder gar 'Schurkenstaat'. Darauf bezieht sich in der Regel die Kritik.
    Natürlich gibt es auch hier und dort ein paar Regierungsmitarbeiter, die die Dissidenten verunglimpfen. Die nimmt hier aber (hoffentlich) sowieso keiner ernst.

    • Dirac
    • 08. Juli 2011 12:36 Uhr

    "In Foren deutschlandweit tauchen bei aller kritik an China immer wieder Posts von Leuten auf, die behauhpten, dort gelebt und gearbeitet zu haben, wie faszinierend, vielschichtig und toll dort alles sei, und dass wir Westler das alles vollkommen missverstehen, hysterisch und von tiefer kultureller Unwissenheit geleitet reagieren."

    Ich denke, dass sich die Verteidigung weniger auf das politische System als eher auf die Berichterstattung der deutschen Medien bezieht.
    In China gibt es sehr viele kritische Köpfe. Es wird viel getan, damit sich der Staat politisch positiv entwickelt.
    Doch bei Artikeln über China wird sowas gern mal unter den Tisch geschlagen, um die Argumentation stringent erscheinen zu lassen.
    Mal ganz ehrlich: vielen Menschen dort geht es (finanziell/wirtschaftlich) besser und man muss sich halt eingestehen, dass sowas für die meisten Menschen dort erstmal wichtiger ist, als uneingeschränkte Presse- und Versammlungsfreiheit usw..

    Wenn man mal die Berichte vergleicht, sind doch 95% negativ. China ist jedoch nicht zu 95% ein schlechter oder gar 'Schurkenstaat'. Darauf bezieht sich in der Regel die Kritik.
    Natürlich gibt es auch hier und dort ein paar Regierungsmitarbeiter, die die Dissidenten verunglimpfen. Die nimmt hier aber (hoffentlich) sowieso keiner ernst.

    Antwort auf "Im Westen was Neues?"
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    • 3cpo
    • 08. Juli 2011 13:14 Uhr

    "Mal ganz ehrlich: vielen Menschen dort geht es (finanziell/wirtschaftlich) besser und man muss sich halt eingestehen, dass sowas für die meisten Menschen dort erstmal wichtiger ist, als uneingeschränkte Presse- und Versammlungsfreiheit usw.."

    Haben Sie das I-View überhaupt gelesen? Selbst die Headline des Interviews redet von dem, was Sie gerade versuchen schön reden.

    mfg

    Hallo Dirac,
    .
    "Mal ganz ehrlich: vielen Menschen dort geht es (finanziell/wirtschaftlich) besser und man muss sich halt eingestehen, dass sowas für die meisten Menschen dort erstmal wichtiger ist, als uneingeschränkte Presse- und Versammlungsfreiheit usw.."
    .
    Dazu soll, nach Lunyu 7,16, Konfuzius gesagt haben:
    "Es ist auch Glück dabei, einfach zu essen, kaltes Wasser zu trinken und auf dem Boden zu schlafen. Wohlstand und Ansehen, auf treulose Art erworben, sehe ich an wie die vorbeiziehenden Wolken."
    .
    Das ist für die meisten Chinesen Religion. Und Religion ist die stärkste Antriebskraft des Menschen, und die am tiefsten verborgene.

  3. gäbe es keine billige Elektronik und keinen Apple. Sehr schade, was kann dagegen tun? Auf Apple verzichten, oder weiter die Augen verschliessen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    oder beides und die Ohren auch noch. - Das würde doch alles nichts an der Haltung der chinesischen Regierung ändern, deren Vertreter sich letzthin einfallen ließ, mit dem Mikrofon im Ohr Probleme zu haben gerade zu den Worten zu Menschenrechten; das war Verhöhnung pur und reißt jede Maske vom Gesicht jener Volksvertreter. - Soll ich das Verhalten als anderes Kulturgut respektieren? - Ich respektiere lieber das Verhalten von Liao Yiwu u. a. in China, die sich ihre Anständigkeit und Würde nicht abkaufen lassen. - Die chinesische Regierung steht mit ihrem Volk vor einer Zerreißprobe. Ihre Geschichte sollte sie besseres gelehrt haben. -

  4. oder beides und die Ohren auch noch. - Das würde doch alles nichts an der Haltung der chinesischen Regierung ändern, deren Vertreter sich letzthin einfallen ließ, mit dem Mikrofon im Ohr Probleme zu haben gerade zu den Worten zu Menschenrechten; das war Verhöhnung pur und reißt jede Maske vom Gesicht jener Volksvertreter. - Soll ich das Verhalten als anderes Kulturgut respektieren? - Ich respektiere lieber das Verhalten von Liao Yiwu u. a. in China, die sich ihre Anständigkeit und Würde nicht abkaufen lassen. - Die chinesische Regierung steht mit ihrem Volk vor einer Zerreißprobe. Ihre Geschichte sollte sie besseres gelehrt haben. -

    • joG
    • 08. Juli 2011 13:03 Uhr

    ....dass China wesentlich sicherer ist für seine Menschen, als zu Zeiten der Großen Sprungs Vorne.

    • tchonk
    • 08. Juli 2011 13:14 Uhr

    Es ist sehr interessant, was Liao Yiwu schreibt. Vor allem zeigt es einen Blick hinter die immer freundlichen gesichter der menschen und den rasanten aufschwung, der immer als etwas tolles und faszinierendes gepriesen wird.
    Interessant für mich an solchen ländern ist, dass sie auch probleme haben, die es genauso in deutschland gibt, die sich anders oder in anderem ausmaß offenbaren. koruption, wachsende Einkommensungleichheit, einfluß schädlicher interessen, egoismus, etc.... Wenn deutschland die verbesserung der menschenrechtssituation in china anmahnt, dann kann man dies zum anlaß nehmen auch auf die deutsche gesellschaft zu schauen. Oft habe ich das gefühl, dass der blick auf solche weniger entwickelten staaten den eigenen stolz befriedigt und davon abhält die probleme im eigenen land anzugehen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte China | Gefängnis | Internet | Nordkorea | Pest | Regierung
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