Martin Walser Mit Pöörrrrsi in Bad Schussenried
In barocker Kulisse stellt Martin Walser seinen neuen Roman vor. Keine klassische Lesung, sondern ein höchst süddeutscher, geistreicher Abend.
Wo, wenn nicht hier: In diesem prächtigen Barockbau des Klosters in Bad Schussenried, zwischen Ulm und Bodensee. Im Bibliothekssaal, wo Anton Schlugen, genannt "Percy", seine ersten Reden hielt. Wo ihm Dr. Dr. Augustin Feinlein, den man ob seiner Verdienste eigentlich in Feinstlein umbenennen müsste, das Orgelspiel lehrte. Wo also sonst sollte Martin Walser zum ersten Mal aus seinem neuen Roman Muttersohn vorlesen, den seine Frau Käthe beim obligatorischen Abtippen des handgeschriebenen Manuskripts nicht ganz grundlos aus Versehen in Menschensohn umgetauft hatte?
Bad Schussenried, das im Roman "Scherblingen" heißt, ist ein nicht mehr als solches genutztes Kloster mit angeschlossenem PLK, psychiatrischem Landeskrankenhaus. Das ist nicht zu übersehen. Am Abend der Buchpremiere, Urlesung haben sie sie genannt, sieht man nicht nur die festlich gekleideten Gäste, darunter Martin Walsers Töchter und sein Bruder, die Schriftsteller Arnold Stadler und Karl-Heinz Ott, der Schauspieler Edgar Selge. Nein, man kann im weitläufigen Park auch diejenigen beobachten, die mit ihrem "Medikamentengang", wie es im Roman heißt, angetan mit bequemen Hosen und leicht betäubten Blick, herumlaufen. PLK. Ihnen, unter anderem ihnen, gehört die Zuneigung des Romans.
Eine Walser-Lesung ist immer und noch immer ein Ereignis. Er liest im Stehen. Gut zu Fuß ist er nicht mehr, aber wenn er dann das Pult erreicht hat und den Vortrag beginnt, steht da ein energiegeladener Mann. Es ist ein dezidiert süddeutscher Abend. Das alemannisch gerollte R dominiert. Sein Protagonist, von der Mutter benannt nach dem Soulsänger Percy Sledge, heißt nicht einfach Percy, nicht bei Walser. Bei dem wird er zu Pöörrrrrsi. Er liest eine knappe Stunde.
Es wäre ein Kurzschluss zu behaupten, das Buch käme deshalb so irre daher, weil es unter anderem in einem Irrenhaus spielt, zumal es offiziell gar keine Irrenhäuser mehr gibt und also auch das Wort nicht. Schwer zu beurteilen, ob Muttersohn Walsers bester Roman ist. Gewagt ist er in jedem Fall. Walser kann es sich leisten, sich nun endgültig um nichts mehr scheren zu müssen. Mit dem Wort altersweise kann der Autor aus gutem Grund nichts anfangen. Der Roman, sagt er, sei der praktische Versuch, von Menschen zu erzählen, die nicht mehr bereit seien, die lächerliche Unterscheidung von Literatur und Religion noch mitzumachen. So wird Muttersohn zum Evangelium und Walser auf seiner Bad Schussenrieder Kanzel zum Prediger. Das macht sich gut hier.
Anschließend geht es zum Moderator Wolfgang Herles auf das Blaue Sofa des ZDF, das sie eigens hierher geschafft haben. Wer mit Walser in den Gesprächsring steigt, endet zumeist als Punchingball, mag er sich noch so sehr wehren. Die Dialoge sind bemerkenswert:
Herles: "Ich will Sie jetzt provozieren."
Walser: "Das merke ich."
Herles: "Sie waren doch auch einmal ein Aufklärer, Herr Walser."
Walser: "Wann?"
Herles: "Wenn ich böse sein will: Seit dem 2. Weltkrieg."
Walser: "Wann war das?"
Herles: "Ich bitte Sie."
Walser: "Das ist doch Unsinn."
Dass Walser kurz zuvor eine Passage vorgelesen hat, in der Pöörrrrrsi, von Beruf Pfleger im PLK und Erfinder der Schlafsacktherapie, in einer Talkshow die beiden Talkmaster mit seiner radikalen Offenheit desavouiert hat, macht die ganze Sache nicht einfacher. Man vermeidet, die Romanszene noch einmal unfreiwillig nachzustellen. Und landet doch mittendrin, aber nur kurz. Es geht um den Glauben, und darüber gibt es nun wirklich eine Menge zu sagen.
- Datum 13.07.2011 - 11:52 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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"Wo ihm Dr. Dr. Augustin Feinlein, den man ob seiner Verdienste eigentlich in Feinstlein umbenennen müsste, das Orgelspiel lehrte."
Ich lese wohl nicht recht. So weit ist es also auch schon bei der Zeit.
Der aktuelle Duden sagt:
"Beugung: jemanden, auch jemandem etwas lehren".
Freundliche Grüße,
Christoph Schröder
Der aktuelle Duden sagt:
"Beugung: jemanden, auch jemandem etwas lehren".
Freundliche Grüße,
Christoph Schröder
Der aktuelle Duden sagt:
"Beugung: jemanden, auch jemandem etwas lehren".
Freundliche Grüße,
Christoph Schröder
Agitator meint wohl eher den albernen Wortwitz mit "Feinstlein", der im Text steht wie ein gehbehinderter weißer Elephant. Wenn das ein Zitat war hätte der Autor das herausstellen sollen, sonst wirkt das Wortspiel in diesem Text gelinde gesagt überflüssig, böse gesagt bekloppt.
Der alberne Wortwitz stammt von Martin Walser. Der 2. und 3. Satz des ersten Abschnitts sind eine paraphrasierende Wiedergabe von Romaninhalten.
Für Beleidigungen besteht so oder so kein Grund.
MfG,
C. Schröder
ich meinte niemanden zu beleidigen. Auch bei nochmaligem durchlesen wird aus dem Text heraus nicht deutlich, dass es sich um eine paraphrasierende Wiedergabe und nicht um eine freie Inhaltsangabe handelt. Danke für die Klarstellung. Herr Walser wird wohl seine Gründe für so ein Wortspiel à la Pooth (née Feldbusch) gehabt haben...
ich meinte niemanden zu beleidigen. Auch bei nochmaligem durchlesen wird aus dem Text heraus nicht deutlich, dass es sich um eine paraphrasierende Wiedergabe und nicht um eine freie Inhaltsangabe handelt. Danke für die Klarstellung. Herr Walser wird wohl seine Gründe für so ein Wortspiel à la Pooth (née Feldbusch) gehabt haben...
Lassen Sie nicht beeindrucken, Christoph Schröder. Weder von sogenannten "Agitatoren oder anderen!
Ihr Bericht über die Walsersche Buchpremiere in Bad Schussenried ist wunderbar. Ich habe sehr gelacht und mich gern an den Montagabend erinnert, ich war nämlich auch da!
"Es gebe, sagt Walser, eine von der gesellschaftlichen Institution Kirche vollkommen unabhängige Praxis des Glaubens. Allein schon die Liebe sei eine reine Glaubensfrage. Wer könne schon von sich behaupten, auf diesem Gebiet zu wissen."
Das liegt wohl daran, daß nicht die Kirche Gott erfunden hat, sondern Gott die Kirche.
Warum schreiben Sie das überhaupt? Worüber reden Sie?
Ja, ich behaupte nicht nur, es zu wissen. Ich weiß es.
ich meinte niemanden zu beleidigen. Auch bei nochmaligem durchlesen wird aus dem Text heraus nicht deutlich, dass es sich um eine paraphrasierende Wiedergabe und nicht um eine freie Inhaltsangabe handelt. Danke für die Klarstellung. Herr Walser wird wohl seine Gründe für so ein Wortspiel à la Pooth (née Feldbusch) gehabt haben...
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