Der Siegeszug des digitalen Lesens hat begonnen. Amazon vermeldet astronomische Zahlen bei Kindle-Verkäufen . Ebenso floriert der illegale Buchdownload auf Seiten wie Buecherkiste.org und Avaxhome.ws . Eher im Schatten des medialen Interesses sind auch die öffentlichen Bibliotheken weit mit der Digitalisierung und Vernetzung ihrer Bestände fortgeschritten. Das Angebot reicht von zeitgenössischen Bestsellern bis hin zu Archivalien und historischen Drucken. Der Utopie einer überall abrufbaren Universalbibliothek steht technisch nichts mehr im Wege. Allerdings gibt es politische und juristische Grenzen.

Normalerweise, wie im Fall von Google Books, sind Verlage und Autoren die neuen Maschinenstürmer. Was die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland anbelangt, verhindern aber vor allem die Kommunen die möglichst effiziente Digitalisierung. Es gibt zwar das bundesweite Portal Onleihe.de , das für alle öffentlichen Bibliotheken die Software zur Digitalisierung bereitstellt – aber dem entspricht keine zentrale Online-Bibliothek. Auch im World Wide Web können nur die E-Books der örtlichen öffentlichen Bibliothek ausgeliehen werden. Sollte ein Titel aus den lokalen Beständen verliehen sein, hilft es nichts, dass er anderswo vorrätig ist. Nicht zuletzt bedeutet das unnötige Anschaffungskosten für immer dieselben E-Books.

Dem Geschäftsführer von Onleihe.de zufolge ist der Hauptgrund für diese absurde Situation die Uneinigkeit der Kommunen in der Frage der Finanzierung einer zentralen digitalen Bibliothek. Auf eine baldige Änderung der Situation macht er keine Hoffnungen. Auch von Seiten der deutschen Nationalbibliothek gibt es keine entsprechenden Pläne. Ein Sprecher dieses Hauses sieht das Problem allerdings auch bei den Verlagen. Er macht darauf aufmerksam, dass es nicht üblich sei, dass diese Lizenzen zum bundesweiten Verleih von E-Books erteilten. Ein weiteres Hindernis mag die Tatsache sein, dass die bei der Buchausleihe im Internet zur Verwendung kommende DRM-Software Schwächen hat und leicht überlistet werden kann. So landen dann legal ausgeliehene E-Books schnell ohne Sperren auf Download-Seiten.

Aber heißt das, die Idee einer zentralen Online-Bibliothek aufzugeben, obwohl sie technisch möglich ist? Das Zögern der öffentlichen Hand wird schließlich nur dazu führen, dass illegale Angebote wichtiger werden, die perfiderweise sogar gelegentlich Gebühren verlangen.

Vorbild für eine Zentralisierung der öffentlichen Bibliotheken könnte etwa der Bereich historische Drucke sein, der in vielen Dingen schneller, da urheberrechtsfrei ist. Zwar bieten auch hier die Landes- und Staatsbibliotheken ihre Digitalisate noch einzeln an, aber schon Ende des Jahres soll eine zentrale deutsche Bibliothek ans Netz gehen.

Im zentralistischen Frankreich haben sich vergleichbare Probleme der regionalen Unterschiede beim Digitalisieren nie gestellt. Unangefochtenes Zentrum ist auch im Bibliothekswesen Paris. Auf das 14. Jahrhundert soll die Sammlung der dortigen Nationalbibliothek zurückgehen, selbstverständlich ist sie auch einer der weltweiten Vorreiter in der Digitalisierung. Unter der Seite Gallica.fr bietet die Bibliothek ihre Schätze auch für Außenstehende an, alte, seltene Literatur im Wert von mehreren Tausend Euro sind dabei sowie Zeitungsarchive.

Wer allerdings zeitgenössische E-Books sucht, ist hier fehl am Platz. Wie die deutsche hat auch die französische Nationalbibliothek keine Internet-Ausleihe. Man hütet sich davor, rechtliche Grauzonen zu betreten. Selbst das Fotokopieren ist in dem Haus strengstens reglementiert.