Jack Kerouac Als Autor noch ein Leichtmatrose

Mit "On the Road" wurde Jack Kerouac zum Sprecher der Beat Generation. Seine erste bisher unveröffentlichte Erzählung "Mein Bruder, die See" ist die Vorgeschichte dazu.

Cover des Bildbands zu Jack Keroacs erster Erzählung "Mein Bruder, die See"

Cover des Bildbands zu Jack Keroacs erster Erzählung "Mein Bruder, die See"

Ein Matrose sitzt auf einer Parkbank, hält eine Frau ungelenk im Arm. Beide rauchen. Sie schmiegt sich an ihn, er lugt über sie hinweg in die Kamera und lacht. Es ist das Jahr 1943, zwei Uhr morgens im Central Park. Weegee – der Fotograf, der sich irgendwann den Beinamen "der Berühmte" gab – nahm die beiden auf. Liebende, die vielleicht nur ein Zufall in dieser Stunde zueinander gespült hat. Es ist eines jener Schwarz-Weiß-Fotos, das bei der Belichtung ein bisschen viel Sehnsucht abbekommen hat – wie alle diese längst ikonografisch gewordenen Fotografien aus den vierziger und fünfziger Jahren. Sie scheinen schon im Augenblick ihrer Entstehung Sinnbild für eine ganze Epoche zu sein.
Weegee, Henri Cartier-Bresson, Paul Almasy und viele andere sorgten damals für das Bild, das wir uns heute noch von den damaligen Hauptstädten der Welt machen, von New York oder Paris.

Einige dieser New York-Fotografien sind in einem fein gestalteten, großformatigen Band versammelt, um die Kulisse für die erste, bisher unveröffentlichte Erzählung von Jack Kerouac abzugeben. Mein Bruder, die See ist im Jahr 1942/43 entstanden, Kerouac war gerade einmal zwanzig Jahre alt. Er hatte sich als Matrose verdingt und einiges erlebt, und was er nicht selbst erlebt hatte, davon hatte er zumindest gehört. Die Erzählung stammt von einem jungen Mann, der noch keine feste Sprache, dafür aber seine Themen schon gefunden hat: das Unterwegssein, das von einer Fluchtbewegung nicht so recht zu unterscheiden ist; der Wunsch nach Abenteuern, nach einem handgreiflichen Leben; der Widerstreit von Körper und Geist, von Exzess und Reflexion, von unbewusstem Handeln und bewusstem politischen Tun; von Liebe und notwendiger Einsamkeit.

Für diese inneren Konflikte hat der junge Kerouac zwei Figuren geschaffen, die ihm beide aus dem Herzen sprechen: Da ist der hemdsärmelige Wesley Martin, ein Matrose, der als junger Mann eine Frau aus wohlhabendem Haus heiratet, sich dann aber aus dem Staub macht, und um ja nicht wiedergefunden zu werden, gleich über die Weltmeere tuckert. Wesley gefällt den Frauen; er zieht durch die Clubs, versäuft seine Heuer und hört sich in billigen Spelunken die neuesten Jazzmusiker an. Sein Leben spielt sich nur in der Gegenwart ab. Von der Zukunft erwartet er nicht viel, und die Vergangenheit kann ihm gestohlen bleiben.

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Cover des Bildbands zu Jack Keroacs erster Erzählung "Mein Bruder, die See"

Cover des Bildbands zu Jack Keroacs erster Erzählung "Mein Bruder, die See"

An einem dieser New Yorker Abende, zurückgekehrt von einer Fahrt und noch nicht wieder auf einem neuen Schiff angeheuert, lernt er eine Gruppe junger Menschen kennen, die ziellos durch die Stadt treibt. Einer von ihnen ist Bill Everhart, ein 32-jähriger Literaturdozent an der Columbia-Universität, der kluge Reden hält, aber das Leben doch nur aus Büchern kennt. Bill lässt sich von Wesley mitreißen und beschließt, ebenfalls zur See zu fahren – mit einem Frachtschiff, das die amerikanischen Truppen in Europa mit Nachschub versorgen soll. Bill will seinem wohlgeordneten intellektuellen Dasein entkommen, der Langweile und Vorhersehbarkeit. Wesley entflieht seinen Gefühlen. Es sind zwei sehr unterschiedliche Figuren aus einem Geist, die da schließlich in einem Boot sitzen.

Kerouac war als Autor noch ein Leichtmatrose, als er diese Erzählung niederschrieb. Kein Wunder, dass es stilistisch zuweilen etwas holprig zugeht, Pathos um jede Straßenecke biegt und auch die Figuren sprechen, als müssten sie erst noch ihre Stimme finden oder seien gerade von der Kaderschulung eines kommunistischen Zirkels zurückgekehrt.

Und doch ist dieses Buch nicht nur für Kerouac-Fans als historisches Dokument von Interesse. Es enthält bereits Ansätze jenes Sounds und jener Motive, für die Kerouac später mit On The Road berühmt werden sollte. Es ist aber auch das etwas krakelige Porträt einer Zeit, aus der heraus die Beat Generation geboren wurde: Jene Jahre des Krieges, in denen es zwar einen Feind, aber keine Orientierung gab. Die geschlagene, erschöpfte Generation, von der Kerouac 1948 in einem Interview sprach, bestand aus jungen Menschen, die in einen Krieg hineingeraten waren und anschließend einen neuen Lebenstakt finden mussten. Dabei halfen ihnen Drogen, die Literatur und der Jazz.

In Mein Bruder, die See fallen bereits einige Namen von Musikern – Roy Eldridge und Billie Holiday, Lester Young und Ben Webster, berühmte Vertreter der Swing-Ära. Nach dem Krieg bedurfte es allerdings einer schnelleren Gangart: Charlie Parker und der BeBop brachten das Schreiben der Beat Generation in Fahrt, und der Alkohol wurde nicht selten durch härtere Drogen ersetzt. Die Weite des Meeres suchte man schließlich in den Weiten der USA – und vor allem in sich selber. Der Epochenroman On the Road ist eines der eindrücklichsten Dokumente dieser Suche.

 
Leser-Kommentare
    • RifRaf
    • 23.08.2011 um 20:38 Uhr

    ...auf Weltmeeren oder in der Nacht von New York City: Irre, wie die da in der ganzen Desorientierung ihrer Zeit und ihrer Nächte einen neuen Beat gefunden haben -- wo heute alle nur im selben Ton jaulen.
    Jene Jahre des Krieges, in denen es zwar einen Feind, aber keine

    Geschlagen & erschöpft aber mit neuem Lebenstakt: Beats me, it really does.

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    • snm81
    • 23.08.2011 um 21:46 Uhr

    hat ihre aufbrüche. als ein kind der neunziger fühle ich mich bei den texten kerouacs doch teilweise an die anfangsjahre der underground- techno- szene erinnert. nicht genau so- eher athmosphärisch was die attitüde eines anarchischen aufbruchs anbelangt...
    später hat dann die ganze loveparade-mayday- kommerzscheisse alles vergiftet und viele weggefährten sind ebenso verglüht wie die figuren kerouacs...

    bisher gibts aber keinen gleichrangigen autor der jene tage eingefangen hätte...

    • snm81
    • 23.08.2011 um 21:46 Uhr

    hat ihre aufbrüche. als ein kind der neunziger fühle ich mich bei den texten kerouacs doch teilweise an die anfangsjahre der underground- techno- szene erinnert. nicht genau so- eher athmosphärisch was die attitüde eines anarchischen aufbruchs anbelangt...
    später hat dann die ganze loveparade-mayday- kommerzscheisse alles vergiftet und viele weggefährten sind ebenso verglüht wie die figuren kerouacs...

    bisher gibts aber keinen gleichrangigen autor der jene tage eingefangen hätte...

    • snm81
    • 23.08.2011 um 21:46 Uhr

    hat ihre aufbrüche. als ein kind der neunziger fühle ich mich bei den texten kerouacs doch teilweise an die anfangsjahre der underground- techno- szene erinnert. nicht genau so- eher athmosphärisch was die attitüde eines anarchischen aufbruchs anbelangt...
    später hat dann die ganze loveparade-mayday- kommerzscheisse alles vergiftet und viele weggefährten sind ebenso verglüht wie die figuren kerouacs...

    bisher gibts aber keinen gleichrangigen autor der jene tage eingefangen hätte...

    Antwort auf "Ob auf weiter See..."

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