So hatte man sich das mit der Abkühlung dann doch nicht vorgestellt! Der Freitagabend des Erlanger Poetenfestes gehörte Ilija Trojanow und seinem Roman EisTau . Während sich in den engen Gassen der barocken Neustadt von Erlangen die Hitze des Tages staute, die Menschen vor den Kneipen und Cafés auf ein sanftes Lüftchen hofften, las Trojanow von einem Glaziologen namens Zeno, dessen Sehnsucht sich auf Gletscher und das Ewige Eis richtet. "Vertraut war mir ein jedes seiner Geräusche, das Knarzen und das Scheppern, das Krachen und das Platzen, jeder Gletscher hat seine eigene Stimme", schwärmt der tragische Held, dem der Klimawandel gehörig aufs Gemüt drückt.

Trojanow nahm seine Zuhörer mit in die Kälte der Antarktis, ließ die schneidenden Stürme durchs Markgrafentheater sausen, auf dass auch den Besuchern ein wenig Wind zugefächelt würde, wenn auch nur papierner. Aber kaum war die Lesung zu Ende, zogen sich die Wolken über der Stadt zusammen. Aus einem leichten Tröpfeln wurde dichter Regen, der die halbe Nacht und den nächsten Morgen fortdauerte und den Überschwang des Spätsommers wieder zur Räson brachte. Die traditionell im Schlosspark auf verschiedenen Bühnen stattfindende Revue der Neuerscheinungen – ein Lesemarathon mit Picknick-Atmosphäre – musste zumindest am Samstag in die Räumlichkeiten des Theaters und den Redoutensaal verlegt werden.

Diese Widrigkeit führte allerdings nicht dazu, dass die Erlanger zu Hause blieben: 12.000 Besucher kamen an den vier Tagen zu den Veranstaltungen des 31. Poetenfestes, das als eines der renommierten Literaturfestivals der Republik gelten darf. Es ist auch so etwas wie der inoffizielle Auftakt zum literarischen Herbst: Manche Moderatoren und Autoren kommen direkt aus der Sommerfrische ins Fränkische, bleiben dort für ein paar Tage in einem heiteren Zwischenreich und treten von dort wieder in die Sphäre des Betriebs ein, der spätestens zur Buchmesse sein wahres, ernsteres Antlitz entblößt.

Das Poetenfest ist eine Art Insel der Literaturseligen. Selbst den Übersetzern ist ein ganzer Tag gewidmet, und der Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung wurde dieses Jahr an die Lyrikerin Elke Erb vergeben. Zugleich ist das Poetenfest noch weit mehr als der Name erahnen lässt. Zwar gab es Jahre, in denen tatsächlich die Dichtung enthoben von den Zeitläufen dominierte. Aber zumindest diesmal spielte das Politische, Kritische, kurz: das Gesellschaftliche eine prominente Rolle. Nicht zuletzt Trojanows neuer Roman ist der Versuch, der Klimakatastrophe mit literarischen Mitteln beizukommen – sie zumindest ins Bewusstsein zu hieven.

Hinzu kam eine Sonntagsmatinee zur Parteien- und Politikverdrossenheit und die Wut der Bürger, von der allerdings so richtig nur ein einsamer Rufer im Publikum kündete. Der forderte schlicht eine "Revolution". Auf dem Podium ging es sachlicher, aber auch ein bisschen dröge zu. Während der Moderator Wilfried F. Schöller, der Büchner-Preisträger F.C. Delius und der Journalist Jens Bisky eine gewisse Routine an den Tag legten, ließen zumindest Daniela Dahn und Friedrich Dieckmann mit Verve erahnen, dass sie gerne etwas gegen die Selbstentmachtung der Politik unter dem Diktat der Ökonomie unternehmen würden. Das war dann aber auch schon die plakativste Veranstaltung zum Tagesgeschehen.

Interessanter und nicht weniger politisch wurde es, wenn man der Vorstellung einiger Neuerscheinungen beiwohnte – von Eugen Ruges großem DDR-Epos In Zeiten des abnehmenden Lichts über Navid Kermanis monumentale Selbstschau Dein Name bis zu Angelika Klüssendorfs Katastrophengeschichte einer Kindheit, Das Mädchen .