In diesem Buch viviseziert man einander. Oder man suizidiert sich. Manchmal wird auch einfach nur massakriert. Das kommt daher, dass ein Psychiater den Text geschrieben hat. Er geht der großen Frage nach, warum Menschen töten und er tut dies in der seiner Zunft eigenen distanziert-medizinischen Sprechweise. Das ist erst verstörend, dann angenehm und später schrecklich.

"Bei lebendigem Leib aufschneiden", "Vor den Zug werfen" und "ein Blutbad anrichten" wären die Zeitungsbegriffe für vivisezieren, suizidieren und massakrieren. Wir sind pathetische und bilderreiche Prosa gewöhnt, wenn es um furchtbare Täter, um grausig zugerichtete Opfer geht, deren Lebensumstände mithilfe ganzer Reportergeschwader rekonstruiert und ausgeleuchtet werden, damit man verstehe, warum alles so passieren konnte oder musste.

Reinhard Haller hatte es mit seinen Recherchen einfacher: Er wurde ins Gehirn der Täter eingelassen; er ist Gerichtspsychiater und hat zahllose Gutachten erstellt – zum Beispiel über Josef Fritzl , den Inzestvater von Amstetten. Diese Berufserfahrung bildet die Grundlage für sein Buch Das ganz normale Böse. Warum Menschen morden , das vor zwei Jahren im Ecowin Verlag in Österreich erschienen ist und nun vom Rowohlt-Verlag veröffentlicht wurde. Eingangs schreibt Haller: "In der nach einer Mischung aus Kernseife, Schweiß, Metall, Gulasch und Exkrementen riechenden Gefängnisluft hat sich zwischen Betroffenheit, Reue, Depression, Kälte, Lügen, Manipulationsversuchen und echter Bereitschaft zur Wahrheitsfindung allmählich die Kontur des Bösen entwickelt."

In jedem Kapitel des an Kapiteln nicht armen Werks wird uns dann auch seitenweise je eine böse Tat in allen blutigen Details geschildert, bei der man als Laie nicht weiß, ob man sie pervers, verrückt, gestört, oder schlicht grausam nennen müsste. "Im Mai 1972 erstach er zwei 18-jährige Tramperinnen, schaffte ihre Leichen ins Haus seiner Mutter, schnitt ihnen die Organe heraus und hielt auf einer Polaroidkamera fest, wie er mit den Leichenteilen spielte. Die abgeschnittenen Köpfe warf er in eine Schlucht, die Leichenteile verscharrte er in den Bergen von Santa Cruz." Eine vergleichsweise harmlose Stelle.

Zwischen diesen Höllenbildern legt Haller seine Definitionsversuche des Bösen und dessen Wurzeln dar. Dies beginnt wissenschaftlich mit der Realienklärung, damit wir alle das gleiche meinen, wenn wir 'böse' sagen: "Wir werten jene Taten als besonders verwerflich, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur als moralisch untragbar oder sündhaft gelten." In der gut geschmierten Gedankenkette Hallers fügt sich dann Glied an Glied. Je klarer der Verstand, desto böser der Täter. Auch der Psychopath (der Böse schlechthin) kann sich noch für oder gegen eine Tat entscheiden, obwohl er jegliches Mitgefühl verloren hat.

Kinder abzuschießen, so denkt man während der Lektüre, wird wohl in jeder Kultur und zu jeder Zeit als verwerflich angesehen. Was hat Reinhard Haller zu den mit Anders Breivik vergleichbaren Figuren zu sagen, die er analysiert hat?

Er beschreibt den typischen Amokläufer zunächst als Gekränkten, dessen Psyche sich in eine eigene irreale Welt geflüchtet hat, in der die Kränkungen schlimmer, die Feinde noch gefährlicher scheinen als sie sind. Ein durch Depressionen geschwächter Geist hat dem destruktiven Willen nach Vergeltung nichts mehr entgegenzusetzen, vereinfacht gesagt.