Ein "Massakrist" entsteht und "mit dem ersten Schuss ist die entscheidende Grenze übersprungen." Danach herrschen Machtrausch und Endzeitstimmung im Kopf des Täters, der jegliche Kontrollinstanzen seines Ichs ausgeschaltet hat – in der Gewissheit, dass ihm mit diesen Taten endlich Anerkennung und Aufmerksamkeit zuteil werden. Ein Mechanismus, den Anders Breivik ins Werk gesetzt hat, ohne sich selbst zu richten. Er hat noch etwas davon.

Reinhard Haller hat der Neuen Zürcher Zeitung nach den Attentaten ein Interview gegeben. Dort nennt er Breivik einen "Ideenfanatiker", weder Amokläufer noch Terrorist, der womöglich im Wahn einer fortgeschrittenen Persönlichkeitsstörung gehandelt habe. Wenn dem so wäre, dann ginge es in die Psychiatrie statt ins Gefängnis.

In Buch und Interview fragt man sich an Stellen wie diesen: Kann nicht irgendjemand mal an irgendwas restlos schuld sein? So viele kaputte Kindheiten kann es gar nicht geben, so viele Säufer-Mütter und Schläger-Väter! Doch doch, schreibt Haller, Böses gebiert Böses. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass man üble Kindheitstraumata erlebt haben muss, um zum Mörder zu werden. Wie schuldig sind psychisch Kranke?

Diffizile Frage, einfache Antwort: Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen sei die grobe Unterscheidung zwischen Gut und Böse jedem Menschen zuzumuten. Damit outet sich Haller als Nativist, der einen angeborenen menschlichen Moralinstinkt voraussetzt. Den hat die Philosophie schon mehrfach hoch und runter, und Haller auch, wie man seinem Literaturverzeichnis ansieht.

Folglich wäre es wieder einmal der freie Wille, dem wir die Existenz des Bösen, die Möglichkeit zur bösen Entscheidung verdanken. Und vom Konzept des freien Willens rückt Haller, obwohl auch Neurologe, nicht ab. Vielmehr berichtet er von den schon wieder kassierten Postulaten der Genetik, die beispielsweise einmal glaubte, das Mörder-Gen gefunden zu haben – nämlich ein zweites Y-Chromosom in so mancher männlicher Mörder-DNS.

Am Ende dieses nützlichen Buches, nach Homiziden, Patriziden, Suiziden, Genoziden, Neonatiziden, nach ihrer sachlichen Darlegung, kaum erträglichen Zergliederung und luziden Interpretation bleibt Reinhard Haller eine edle Hoffnung. Dass die Kultur es richten möge und könne. Mehr Kultur, weniger Böses, so geht seine Rechnung. Dass ein Psychiater gerade diese Hoffnung noch hegt, ist bemerkenswert.