Erster Weltkrieg Neunzehn verlorene Leben

Vom Hurra-Patriotismus zur inneren Zerfleischung: Anhand authentischer Schicksale rekonstruiert der Historiker Peter Englund die Wirklichkeit des Ersten Weltkriegs.

Französische Soldaten besetzen nach Kriegsende das Rheinland.

Französische Soldaten besetzen nach Kriegsende das Rheinland.

Der Soldat Paul Bäumer fällt kurz vor Ende des Kriegs, "an einem Tag, der so ruhig und still war an der Front, dass der Heeresbericht sich auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden". So endet Erich Maria Remarques berühmter Kriegsroman, der seinen Titel dem Heeresbericht entlehnt hat. Auch William Henry Dawkins stirbt unspektakulär, es ist "ein gewöhnlicher Morgen, wenn auch grau und regnerisch". Mai 1915, der australische Pionier soll mit einigen Kameraden bei Gallipoli Wasserrohre verlegen, zur Versorgung der britischen Truppen, die auf der türkischen Halbinsel gelandet sind, um Istanbul zu erobern. Die Männer haben sich durch einen Graben an den aufgequollenen Körpern toter Maulesel vorgearbeitet.

Dann erklingt das Pfeifen einer Granate. Ein Soldat dreht sich um und sieht, wie Dawkins stürzt, auf die Art, "die man bei Schwerverletzten beobachten kann, wenn der Fall nicht von den Reflexen des Körpers gesteuert wird, sondern von der Schwerkraft".

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Dawkins stirbt anders als Bäumer nicht in der Fiktion, sondern in der Wirklichkeit. Es hat ihn tatsächlich gegeben, er war 21 und wollte Lehrer werden, im letzten Brief an seine Mutter schrieb er von den "lustigen alten Windmühlen" am Mittelmeer. Der junge Australier ist einer von 19 Helden, deren Erlebnisse im Ersten Weltkrieg Peter Englund zu einer epochalen Chronik montiert hat. Zwei von ihnen fallen, zwei geraten in Kriegsgefangenschaft, einer wird verrückt, einer endet nach einer Beinamputation als körperliches Wrack. Nicht was, sondern wie dieser Krieg war, wolle er erzählen, bemerkt Englund im Vorwort. Statt um Ereignis- geht es hier gewissermaßen um Erfahrungsgeschichte, darum, was das Kämpfen und Töten im Bewusstsein der Menschen hinterlassen hat, die – teilweise auch als Zivilisten hinter der Front – daran beteiligt waren.

Die Protagonisten gehören zum Fußvolk der Weltgeschichte, sie sind längst vergessen, haben aber Tagebücher und Briefe hinterlassen. So kann der Leser ihnen vom grenzübergreifenden Hurra-Patriotismus des August 1914 an vier Jahre lang über Kriegsschauplätze an West- wie Ostfront, in den Alpen, auf dem Balkan, in Ostafrika und Mesopotamien bis zum Frieden im November 1918 folgen, den die Sieger als "wilden Karneval" feiern (so der russische Offizier Andrej Lobanov-Rostovskij, bei Kriegsende in Frankreich) und die Besiegten "gedemütigt, innerlich zerfleischt" (Herbert Sulzbach, deutscher Artillerist) als Trauma empfinden. Die lakonisch aneinandergereihten, von Englund literarisch verdichteten Szenen, zwischen einer halben und vier Seiten lang, ergeben kein Gesamtbild, eher ein Kaleidoskop aus Stimmungsbildern, Kurzberichten und Reflektionen.

Zynisch, mitunter obszön wirkt das Nebeneinander von Grauen und Gewöhnlichem. Im Juni 1916 verlässt der Infanterist René Arnaud die vorderste französische Stellung auf Höhe 321 bei Verdun. nach knapp zwei Wochen in den kaum metertiefen Schützengräben leben von den 100 Mann seiner Kompanie noch 30. "Ich war vom Schafott des Lebens herabgestiegen und hatte meine Jugend verloren", notiert er. Einen Monat später isst Michel Corday, ein Beamter und Literat, im Pariser Edelrestaurant Maxim’s zu Mittag und beobachtet die offen betriebene Prostitution. "Heute Abend dienstbereit", lautet das Stichwort des kuppelnden Kellners an einen Gast. Die Menschen wollen vergessen, Alkohol fließt in Strömen, die Syphilis grassiert.

"Schönheit und Schrecken" heißt das Buch. Der Schrecken versteht sich von selbst, die Schönheit nicht. Dabei ist die Schönheit manchmal gar nicht vom Schrecken zu trennen, etwa im Sommer 1915 an der Westfront bei Evricourt. Soldat Herbert Sulzbach hält in seinem Tagebuch fest, wie ein Kamerad meldet: "Da drüben singt der Franzmann wieder so schön." Der Wind trägt den Tenorgesang einer Arie aus "Rigoletto" von den französischen Linien herüber. Die deutschen Landser applaudieren begeistert. Schön ist auch der Sonnenaufgang, den der neuseeländische Artillerist 1916 über der Wüste von Kut Al Amara im heutigen Irak aufgehen sieht, bald Schauplatz einer Schlacht: "Dunkelgrüne, violette und lila Farbtöne verlieren sich in einem Meer von vorübersegelnden Wolken."

An anderer Stelle bemerkt ein französischer Infanterist: "Krieg ist schön, in den Augen von Generälen, Journalisten und Gelehrten." Die Wirklichkeit sieht anders aus, das weiß Peter Englund, der als Kriegsreporter aus Afghanistan und dem Irak berichtet hat. Heute ist er Universitätsprofessor und Vorsitzender der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt. Er versucht, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen, wo seinen Figuren die Worte fehlen, schildert er das Geschehen quasi aus ihren Augen heraus. "Wellen. Früher Morgennebel. Lautes Knallen. Er sieht seine ersten Verwundeten. Er sieht Kugeln von explodierenden Granatkartäschen, die herabsprühen. Er springt aus dem Boot. Er hört Gewehrfeuer von jenseits der steilen Uferböschungen", so landet der Pionier Dawkins bei Gallipoli.

Leser-Kommentare
  1. "Die lakonisch aneinandergereihten, von Englund literarisch verdichteten Szenen, zwischen einer halben und vier Seiten lang, ergeben kein Gesamtbild, eher ein Kaleidoskop aus Stimmungsbildern, Kurzberichten und Reflektionen."

    Ohne das Buch gelesen zu haben, lässt sich vielleicht sagen: Englund stellt dar, wie diese Urkatastrophe des 21. Jahrhunderts von all den unterschiedlichen Menschen empfunden wird, die den Krieg tätsächlich erleiden.
    Geschichte ist selten objektivierbar, sie ist immer aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Bei der Betrachtung sind es die Emotionen, die Leidenschaften der Menschen, die nachzuempfinden wirkliches Verständnis erst möglich machen.
    Ist ein solches Geschichtsverständnis in dem Buch zu finden?

  2. Wenn ich sehe wie heute Daten, Fakten, Informationen manipuliert
    werden ... - nicht umsonst hat man im 2. Weltkrieg ein Propagandaministerium erschaffen.

    Da fällt es mir schwer, wenn Leute nach so langer Zeit uns
    glauben machen wollen, wie es denn "nun wirklich war"
    damals, als Opa noch jung war.

    Wenn Dinge mit Wertevorstellungen bewertet werden, die sich eben
    erst aus aus der Geschichte entwickelt haben.

    Zumal jede Information auch immer die persönliche subjektive
    Denkweise beinhaltet.

  3. ...zu haben, sag' ich jetzt trotzdem mal was dazu.
    Mann, Mann, Mann...

    • isd09
    • 27.09.2011 um 1:34 Uhr

    -Kolonialpolitik und fundamentale Weichenstellung

    Verträge zum Bündnis und Devensive Bündnisse,geheime Neutralitätsverträge und einer der Partner mit einer anderen Großmacht in Krieg geraten.

    Mehr ist nicht zur Kriegsführung zu sagen.

  4. zu diesem Thema bereits Bücher von Benjamin Ziemann.

  5. Gallipoli war der erste ganz große historische Auftritt des Blutsäufers Churchill. Das Muster für seine in den folgenden Jahrzehnten kulminierende Lust an der Macht, kollektives Sterben zu organisieren.

    Wenn man Englunds Kasuistik eines neuseeländischen Kriegsfreiwilligen bespricht, der Churchills spielerische Lust an blutigen Strategien in Gallipoli auszubaden hatte, dann wäre die Darstellung der Kausalkette von Churchills seelischem Ungleichgewicht bis zum Blick des Soldaten, der das Bajonett in seinen Bauch dringen sieht, ein literarisch gelungenes Abbild der Wirklichkeit gewesen.

    Stattdessen erlebt der Rezensent die politisch korrekte Variante, wonach die nachgewiesen strategisch unsinnigen Opfer in Gallipoli durch die Darstellung des Kriegsverbrechens der Türken an den Armeniern posthum geadelt werden.
    Das bekannte Strickmuster ...

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    Ja selbstverständlich. Ich habe den Artikel von Herrn Schröder aber eher als Werbung für ein Buch gelesen, das auf interessengeleitete Geschichts-Ideologeme verzichtet.

    Ich präzisiere mich: Herr Schröder verzichtet leider nicht auf Geschichtsinterpretation.

    Ja selbstverständlich. Ich habe den Artikel von Herrn Schröder aber eher als Werbung für ein Buch gelesen, das auf interessengeleitete Geschichts-Ideologeme verzichtet.

    Ich präzisiere mich: Herr Schröder verzichtet leider nicht auf Geschichtsinterpretation.

  6. Ja selbstverständlich. Ich habe den Artikel von Herrn Schröder aber eher als Werbung für ein Buch gelesen, das auf interessengeleitete Geschichts-Ideologeme verzichtet.

  7. Ich präzisiere mich: Herr Schröder verzichtet leider nicht auf Geschichtsinterpretation.

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    Herr Englund hätte auch keine Aufmerksamkeit bei der ZEIT erregt, wenn er nicht doch irgendwie das Böse dingfest gemacht hätte.
    Der Rezensent tut das Blutbad in Gallipoli als kleinen strategischen Lapsus des Empire ab. Behandelt aber die Missetat von Erdogans Ahnen an den Armeniern umso ausführlicher. Warum wohl?

    Ein juser hier hat kürzlich den Begriff "Schwarmmedien" eingeführt. Dafür sei ihm Dank und Anerkennung!
    Ein jedes Individuum im Schwarm wähnt sich frei in seinem Tun und Lassen. Es braucht keine redaktionellen Vorgaben. Jeder weiß, was er zu schreiben hat.
    Und deshalb ist diese ewige Wiederkehr der gleichen einseitigen Tiraden auf Dauer so abträglich für die Auflagen der Schwarmpresse.

    Herr Englund hätte auch keine Aufmerksamkeit bei der ZEIT erregt, wenn er nicht doch irgendwie das Böse dingfest gemacht hätte.
    Der Rezensent tut das Blutbad in Gallipoli als kleinen strategischen Lapsus des Empire ab. Behandelt aber die Missetat von Erdogans Ahnen an den Armeniern umso ausführlicher. Warum wohl?

    Ein juser hier hat kürzlich den Begriff "Schwarmmedien" eingeführt. Dafür sei ihm Dank und Anerkennung!
    Ein jedes Individuum im Schwarm wähnt sich frei in seinem Tun und Lassen. Es braucht keine redaktionellen Vorgaben. Jeder weiß, was er zu schreiben hat.
    Und deshalb ist diese ewige Wiederkehr der gleichen einseitigen Tiraden auf Dauer so abträglich für die Auflagen der Schwarmpresse.

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