Roberto BolañoEin Roman als Kriegsspiel

Der menschliche Horror mit schwarzem Humor: Roberto Bolaños "Das Dritte Reich" ist ein hoch aufschlussreicher Roman aus dem Nachlass des chilenischen Schriftstellers. von Leonie Meyer-Krentler

Dieses Buch ist eine Erleichterung. Eine Erleichterung für alle dem chilenischen Schriftsteller Roberto Bolaño verfallenen Leser und Kritiker, die auch in Deutschland immer zahlreicher werden, seit der Jahrhundertroman 2666 erschienen ist. Das dritte Reich ist der erste Text aus dem Nachlass, der ohne das Einverständnis des Autors publiziert und ins Deutsche übersetzt wurde, ein früher, hoch aufschlussreicher Roman, den Bolaño 1989 geschrieben hat. Im Jahr 2003 starb der Autor während einer Lebertransplation. In Spanien hat sich die Kritik vor diesem Roman gefürchtet, misstraute man doch der Witwe und ihrem Agenten Wylie, der in Spanien "der Schakal" genannt wird. Zu zahlreich waren die Fälle, in denen das Publizieren von allen möglichen Dokumenten aus dem Nachlass einem Autor postum Schaden zugefügt hat.

Der Roman spielt in Bolaños Wahlheimat Blanes und eröffnet eine Szenerie des deutschen Billigtourismus: Der deutsche Büroangestellte Udo Berger aus Stuttgart steigt dort mit seiner Freundin Ingeborg in einem Hotel ab und erinnert sich an seine Kindheitsferien in Spanien. Er fühlt sich auf der Höhe seines Glücks und seiner Kräfte, wie sich das für einen Udo Berger eben so anfühlt: "Ein Leben lang an Ingeborgs Seite, was könnte ich mir auf Gefühlsebene Schöneres wünschen?" Die Freuden, aus denen das von Sex, Konsum und Strand geprägte Urlaubsleben bestehen könnte, verliert er jedoch schnell aus den Augen: Udo ist nämlich Landesmeister im Kriegsspiel und entwickelt gerade eine Strategie, um Das Dritte Reich, eine Simulation des Zweiten Weltkriegs, zu gewinnen.

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Er kämpft fortan für die Achsenmächte, deren Sieg er herbeizuführen versucht: So will er in Fachkreisen endlich die Anerkennung erlangen, die er braucht, um aus seinem Büroalltag auszusteigen und nur noch für wargame-Fachzeitschriften zu schreiben. Sein Gegner, der des Nachts an Udos Hotelzimmertisch die Alliierten Truppen lenkt, heißt "der Verbrannte" und ist Lateinamerikaner im Exil. Seine Verbrennungen sollen, so erzählt man sich, aus der Folter in Lateinamerika stammen, Genaues weiß aber niemand. Der Verbrannte geht einem Job nach, der den Tätigkeiten Bolaños in den achtziger Jahren in Blanes (Nachtwächter, Süßigkeitenverkäufer und so weiter.) in nichts nachsteht: Er ist Tretbootverleiher und baut sich abends aus den Booten eine seltsame, sternförmige Burg zum Schlafen. Der Sog des Textes entwickelt sich nicht gleich, sondern erst langsam mit dem Unfalltod des deutschen Touristen Charly und wird dann als stetige Verfinsterung spürbar.

Was gute Literatur ausmacht? Diese Frage hat Bolaño einmal selbst beantwortet: "Den Kopf ins Dunkel stecken, ins Leere springen." Die Idee für das Dunkel, das dieser Roman auslotet, ist gut, fast brillant. Bolaño findet als Metapher für das Böse, um das fast alle seine Texte kreisen, nicht das "Dritte Reich", sondern etwas Zeitgenössischeres: Das Verdrängen und das wieder Aufscheinen des Horrors in der Konsumkultur. Das, was wir alle in uns tragen und was uns zu Menschen macht, nicht nur uns Deutsche. "Und was ist das, Deutscher sein?" wird Udo von der Wirtin Frau Else einmal gefragt. "Weiß ich nicht genau. Jedenfalls etwas Schwieriges. Etwas, das wir allmählich vergessen haben."

Christian Hansen, Bolaños hervorragender deutscher Übersetzer, begründet die Veröffentlichung dieses Werks mit zwei Argumenten: aufschlussreiche Blicke in später oft verwendete Kulissen, und die formale Gestaltung, die den Text wie aus einem Guss erscheinen lasse. Den Guss verdanken wir der teils auch etwas ermüdenden Ich-Perspektive Udo Bergers, der mit mäßigem Erfolg versucht, durch sein Tagebuchschreiben literarisch versierter zu werden. Bolaños formal verspieltere Frühwerke wie Monsieur Pain, das fast zehn Jahre vor Das Dritte Reich entstand, stehen diesem vom Hanser Verlag irreführend als "ersten Roman" deklarierten Text stilistisch in nichts nach.

Nein, der Text ist nicht das große Debüt-Glanzstück, als das er angekündigt worden ist. Mit dem anderen Argument aber hat Bolaños Übersetzer Hansen recht. Es sind nicht nur die detektivischen Elemente, die Außenseiter-Figuren, das Spiel mit Realität und Fiktion, das Krimihafte, um eine leere Mitte Kreisende, das in späteren Texten wieder eine Rolle spielt. Wir verstehen hier, wie groß Bolaños eigene Spielleidenschaft gewesen sein muss, wie wichtig ihm seine enormen Kenntnisse der militärischen Geschichte Deutschlands gewesen sein müssen, die auch in 2666 Eingang gefunden haben.

Bolaño besaß Rise and Decline of the Third Reich, das titelgebende Strategiespiel, aber auch unzählige andere Brett- und Computerkriegsspiele. Sein Schriftstellerfreund Bruno Montané sagte einmal, für Bolaño seien Strategiespiele wie narrative Strukturen gewesen, und der zweite Weltkrieg wie eine menschliche Geschichte des Horrors. Bolaño muss von der Möglichkeit, den Geschichtsverlauf zu manipulieren, andere Möglichkeiten zu denken, absolut fasziniert gewesen sein. Dass und wie sich die menschliche Geschichte des Horrors fortschreibt bis ins Hotel Del Mar in Blanes, hält er uns hier mit dem großen Ernst seines schwarzen Humors vor Augen.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Roman | Hanser Verlag | Spanien | Stuttgart
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