Auch im Literaturbetrieb ist ein Eklat manchmal ganz einfach. Man braucht dazu nur einen Preis, eine Jury und Peter Handke. Die Kombination hat im Jahr 2006 schon funktioniert. Beim Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preis stemmten sich die Stadträte gegen die Jury, die den österreichischen Schriftsteller auszeichnen wollte. Ein Preis im Geiste der Völkerverständigung für einen Versteher des serbischen Völkermörders Slobodan Milošević war den Düsseldorfer Oberen damals irgendwie zu viel. Mit Recht, muss man sagen.

Und was sagt man nun, fünf Jahre später? Wieder Literaturpreis, wieder Handke, diesmal aber Minden statt Düsseldorf. Und anstelle des Stadtrats verweigert jetzt ein Buchbindemaschinenhersteller die Zustimmung zum Urteil der unabhängigen Jury. Als Sponsor des Candide-Preises zieht er die 15.000 Euro Prämie zurück. Auch das Argument scheint dasselbe zu sein: Wegen seiner Haltung zum Balkankrieg sei Handke für das Unternehmen und dessen amerikanische Geschäftspartner nicht vertretbar. Alles bloß eine Miniaturversion von Düsseldorf?

Auf den ersten Blick schon. Aber da sollte man schon genau bleiben. Es ist die eine Frage, ob man Peter Handke wegen seiner blindwütigen Entgleisungen zum Balkankrieg kategorisch für preisuntauglich hält. Sie wurde anlässlich des Heine-Preises ergebnisoffen diskutiert , mit Beteiligung europäischer Feuilletons, samt Botho Strauß und Günter Grass. Die andere Frage allerdings ist die nach den Kriterien, nach denen über Preiswürdigkeit eines Werks entschieden wird.

Dass im Fall des staatlichen Heine-Preises viele dessen humanistische Idee verletzt sahen, dafür gab es gute Argumente. Dass aber nun Geschäftsinteressen des Sponsors den Ausschlag geben sollen, klingt jedoch recht sonderbar – ganz gleich, wie man Handkes Schaffen politisch und literarisch im Einzelnen bewertet. Muss ein Schriftsteller nun wirklich in Einklang mit den allgemeinen Geschäftsmodellen des Gönners stehen und darf keine Geschäftspartner verärgern, damit er preiswürdig ist?

Die Frage danach berührt letzthin den Kern des privatisierten Kultursponsorings. Laut Selbstauskunft soll der deutsch-französische Candide-Preis "die zeitgenössische Literatur im jeweiligen Nachbarland bekannter" machen. Man könnte natürlich kleinlich anmerken, ob Peter Handke in diesem Sinn nicht in beiden Ländern bereits ausreichend bekannt  ist, zumal er seit Jahren in Frankreich lebt. Das ist sicherlich Auslegungssache. Dass hingegen auch ein Werk dem Geschmack aller Buchbindemaschinenhersteller und deren amerikanischen Kunden gefallen muss, steht in der Satzung nicht.

Nun dürfte klar sein, dass Firmen nicht unbedingt aus Liebe zur Kunst Schecks ausfüllen, sondern aus Liebe zum Selbstmarketing und aus Gründen der Steuererleichterung. Heutzutage sind solche Kooperationen bei zahlreichen Kulturpreisen üblich und auch nicht weiter anstößig, solange klar definiert ist, wo die Kompetenzen liegen. Eine Jury entscheidet über Preisträger, der private Sponsor über die Höhe der Preissumme. In Minden war diese Arbeitsteilung per Vertrag bestimmt, der nun gebrochen wurde.

Was, wenn dieses Beispiel Schule machte: Werden künftig keine Autoren mit von Energiefirmen bezuschussten Preisen geehrt, wenn sie über eine Welt ohne Atomkraftwerke schreiben? Könnte ja auch Ärger geben. Für die Förderung von Literatur wären diese Aussichten genauso unappetitlich wie Peter Handke für den weltweiten Lesezirkel westfälischer Maschinenbauer.