Thomas Meinecke"Sprache ist ein Knast"

Thomas Meineckes neues Buch "Lookalikes" zitiert Internetdebatten und Chats und handelt von Star-Imitatoren. Ein Gespräch über Copy-and-Paste-Kultur und Identität. von 

Der Schriftsteller Thomas Meinecke

Der Schriftsteller Thomas Meinecke  |  © Wolfgang Lückel/Suhrkamp Verlag

ZEIT ONLINE: Herr Meinecke, Ihr neues Buch Lookalikes (Suhrkamp Verlag) handelt von Menschen, die Stars imitieren wollen. Weshalb das?

Thomas Meinecke: Sie interessieren mich, insofern sie für ein performatives Verständnis von Persönlichkeit stehen. Sie sind nicht sie selbst, sondern sie stellen jemand anderen dar – im Buch zum Beispiel Josephine Baker, Justin Timberlake und Britney Spears. Lookalikes unterlaufen damit die herkömmliche Idee von Identität, die sehr starr sein kann. Authentizität hat mich nie interessiert, sondern immer das Inauthentische.

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ZEIT ONLINE: Die Lookalikes werden in dem Buch häufig durch ihre Interaktionen im Netz – etwa auf Facebook und beim Chat – gezeigt. Sind solche Identitäten typisch für soziale Netzwerke?

Meinecke: Das Netz bietet bestimmt neue technische Mittel zum Erfinden und Bewerben solcher Identitätskonzepte. Aber spielerische Formen von Identität gab es schon vorher, etwa in der Clubkultur und im gesamten queeren Kontext, wie Drag-Queens und -Kings und so weiter. Das Netz bildet einen Raum ab, der schon da war. Die Tatsache, dass dieser Raum heute stark virtualisiert ist, hat auch mit der Krise der Sexualität seit Aids zu tun.

ZEIT ONLINE: Ist die Klarnamen-Politik von Google Plus und Facebook ein Rückschritt hinter diese Freiheit?

Meinecke: Nicht unbedingt. Solche sozialen Netzwerke sind ja nur ein Teilaspekt dessen, was möglich ist. Ich selbst bevorzuge es zu wissen, wer sich auf Facebook mit mir befreundet.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch wird das Leben der Lookalikes durch Ihre eigenen Erfahrungen mit der brasilianischen Religion Candomblé ergänzt. Gibt es ein verbindendes Element zwischen den beiden Erzählebenen?

Meinecke: Zuallererst, da ich in den Brasilien-Episoden selbst als Romanfigur auftrete. Obwohl mir der Thomas Meinecke im Buch im Sinne eines Lookalikes in vielen Dingen ähnelt, schleppt er nicht den Ballast meiner Biografie mit sich herum. Der ist genauso platt wie die anderen Figuren.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie auch eine Parallele zwischen den Candomblé-Gottheiten und zeitgenössischen Popstars, da beide ihre Anhänger verkörpern wollen?

Meinecke: Ja, sicher. Besonders, weil Männer oft weibliche Popstars imitieren. Auch im Candomblé kommt es häufig vor, dass Männer im Ritus von weiblichen Gottheiten besessen werden. Das ist etwa ein Weg, wie sich Homosexuelle outen. Der gewaltige Unterschied zu den abendländischen Lookalikes besteht aber darin, dass dieser Prozess passiv, als Besessenheit, erlebt wird.

ZEIT ONLINE: Sie sind bekanntlich Katholik. Haben Sie beim Candomblé Berührungspunkte mit Ihrem eigenen Glauben gefunden?

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