Thomas Meinecke "Sprache ist ein Knast"
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"Copy&Paste von Texten ist heute sicher Konsens"

Meinecke: Ich habe zum Beispiel selbst erlebt, wie Candomblé-Priester in katholischen Kirchen beteten, ohne das als Widerspruch zu empfinden. Der Katholizismus ist im Candomblé als synkretische Variante integriert. Solche hybriden Kulturformen interessieren mich.

ZEIT ONLINE: Gibt es nicht auch hinsichtlich der Genderfrage Ähnlichkeiten zwischen beiden Religionen?

Meinecke: Wie der Candomblé bieten auch die Institutionen des Katholizismus große Freiräume für homosexuelles Begehren. Viele Heilige, wie etwa der Heilige Sebastian, sind Schwulenikonen, und auch die katholischen Priester sind sexuell nicht eindeutig codiert. Es gibt auch die Vorstellung von Jesus selbst als einer Mutterfigur, mit der ich mich in meinem letzten Roman, Jungfrau, beschäftigt habe.

ZEIT ONLINE: Sind Sie noch Kirchenmitglied?

Meinecke: Ja. Ich schätze den Katholizismus zwar von dieser dekonstruktiven Warte her, bin aber getauft und aus der Kirche nicht ausgetreten.

ZEIT ONLINE: Sie bezeichnen sich selbst als Feminist, sind aber offensichtlich keine Frau. Wie geht das zusammen?

Meinecke: Eine Frau ist eben so wenig eine Frau wie ich. Frau-Sein braucht einen bestimmten kulturellen Kontext. Ihre Frage ist falsch gestellt. Sie geht von einem überholten Essentialismus der Geschlechter aus. Da der Feminismus solche soziale Rollenzuschreibungen hinterfragt, hat er ein universales Potenzial, gesellschaftliche Normen aufzubrechen, das für jeden interessant ist.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten schon viel länger mit Text-Sampling und ähnlichen Techniken, die im Internet-Zeitalter Konsens sind. Sind Sie vom Mainstream eingeholt worden?

Meinecke: Ja und Nein. "Copy and Paste" von Texten ist heute sicher Konsens. Was aber nicht bedeutet, dass Einigkeit herrscht. Mir geht es bei den Techniken des uneigentlichen Sprechens nicht nur um technische Fragen, sondern auch um politische. Zentral ist für mich etwa die Frage, wie man dadurch sprachliche Diskriminierung – etwa Sexismus und Rassismus – beenden kann. Die Sprache ist ein Knast. Da gibt es noch viel zu tun.

ZEIT ONLINE: Hat das Internet Ihre Arbeit erleichtert?

Meinecke: Sicher ist "Drag and Drop" praktisch, aber dann holt man sich oft eingebettete Links und falsche Leerzeichen mit in den Text. Ich bevorzuge es, Zitate wenigstens aus dem Netz abzutippen. Das fühlt sich irgendwie besser an. Und dann sage ich – im Unterschied zu einigen Kollegen – auch gerne, woher die Zitate kommen. Nach wie vor sind aber gedruckte Bücher und Zeitungen meine Hauptinformations- und Inspirationsquelle.
 

 
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