Literatur im NetzKein Grund für Buchkitsch

Es gibt keinen Anlass zur Klage: In Zeiten von Social Media und Smartphones wird das Buch nicht verdrängt. Es wird smarter. Genauso wie seine Leser. von Stephan Porombka

Achtung, nicht vergessen: Im Oktober findet in Frankfurt die Buchmesse statt! Das ist für uns alle natürlich hart. Weil wir doch erst vor ein paar Wochen auf der Gamescom waren, dann auf der Internationalen Funkausstellung und der Internationalen Automobil-Ausstellung , um zu sehen, was in den nächsten Jahren auch den Literaturbetrieb verändern wird: Alles wird smart. Alles wächst mit dem Computer zusammen, der seinerseits vollständig unsichtbar wird. Das Netz ist überall. Und wir sind mittendrin.

Wenn das aber die Zukunft ist, warum sollen wir dann jetzt auch noch zur Buchmesse fahren? Nur um jene zu sehen, die man im anglo-amerikanischen Sprachraum die "dead white men", die toten weißen Männer nennt, übrigens auch dann, wenn Frauen mit anderer Hautfarbe dabei sind? Immerhin könnte es ja interessant sein, in Frankfurt die Risse zu vermessen, die sich seit Jahren durch die Fundamente der Buchbranche ziehen. Sie sind mittlerweile so groß, dass nicht nur einzelne Bücher, Autoren und Lektoren, sondern längst auch ganze Verlage sang- und klanglos darin verschwinden. In diesem Jahr wird man noch besser berechnen können, wann der Laden endgültig auseinanderbricht.

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Natürlich gibt es auch im Literaturbetrieb die Abwiegler und Beschwichtiger. Sie wollen die Krise so zerreden wie manche Finanzpolitiker die Insolvenz von Griechenland : Der E-Book-Hype habe ja Deutschland noch gar nicht erreicht. Kaum jemand habe Lust, Texte am Bildschirm zu lesen. Und die literarischen Hypertexte im Netz seien so langweilig und unterkomplex, dass sie es mit richtig guten Romanen gar nicht aufnehmen könnten. Das literarische Buch habe Zukunft. Ja, ja, genau, man fragt sich nur: Welche?

Der alte Medien-Hipster Marshall McLuhan hat für solche Beschwichtigungen das richtige Bild gefunden: Es ist, als würde sich der Wachhund auf ein Schnitzel konzentrieren, das ihm die Einbrecher zur Ablenkung hingeworfen haben, damit sie hinten unbehelligt die Bude ausräumen können.

Stephan Porombka
Stephan Porombka

Jahrgang 1967, ist Professor des Studiengangs "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus" an der Universität Hildesheim. Im Duden-Verlag ist gerade sein Buch Schreiben unter Strom. Experimentieren mit Facebook, Blogs, Twitter & Co erschienen. Mitherausgegeben hat er den Sammelband Statusmeldungen. Schreiben in Facebook (Blumenkamp 2010). Gemeinsam mit dem Autor Kay Steinke realisiert er ein transmediales Forschungsprojekt zu smarten Schreibverfahren.

Und die Bude ist schon fast leer. Leuten, die in Verlagen arbeiten, muss man das nicht mehr erzählen. Man darf sie nur nicht öffentlich fragen. Sie sehen sich dann gezwungen, nostalgischen Buchkitsch von sich zu geben, an den sie selbst nicht glauben. Hinter verschlossenen Verlagstüren weiß man: Der Computer und das Netz haben die gesamte Produktion, Distribution und Rezeption von Literatur komplett und unumkehrbar umgekrempelt. Verlagsmitarbeitern erscheint das gedruckte Buch nur noch wie ein fossiles Objekt, das am Ende eines Produktionsprozesses steht, der ausschließlich auf vernetzten Rechnern stattgefunden hat. Zu denken gibt, dass dieses Fossil für alle Beteiligten am wenigsten Geld abwirft.

In jenen Literaturbetrieben, die nicht von Kurzsichtigen geleitet werden, sucht man deshalb nach neuen Geschäftsmodellen. Das gedruckte Buch spielt darin eher die Rolle eines Give-aways. Man muss es verschenken, um Geld zu verdienen. Jeder junge Autor weiß heute: Für das konkrete Schreiben eines Romans bekommt man auf den Arbeitsmonat umgerechnet nicht mal Hartz IV. Nur mit dem Drumherum schreibt man schwarze Zahlen. Man muss dafür nur das Medium wechseln. Genauer: Man muss verschiedene Medien so miteinander vernetzen, dass ein größerer, dynamischer Werkzusammenhang entsteht. Schreiben für Zeitungen und Magazine steht für Autoren ebenso im klassischen Überlebensprogramm wie das Verfassen von Beiträgen für das Radio. Parallel dazu feilt man an einem unterhaltsamen Programm für die Lesetour durch die Provinz.

Leserkommentare
    • redface
    • 22. September 2011 13:14 Uhr

    Der gegenwärtige Erfolg des unabhängig publizierten Serial-Thrillers "Berlin Gothic" - Platz 2 in den kindle Charts/Krimis & Thriller - zeigt, wie recht Herr Porombka mit seiner Analyse von der Umwälzung des Buchmarkts hat.
    Gerade heute kam dazu folgende Pressemeldung:
    http://www.press1.de/ibot...

  1. Ich las diesen Artikel mit anfänglicher Zustimmmung; im Wesentlichen sind die Gedanken ja keine neuen und klangen dementsprechend gewohnt und plausibel. Glücklicherweise jedoch vermag ich zu sagen, dass sich in mir dann doch ein Unbehagen regte und zu leisem Widerspruch wurde - vielleicht liegt es auch an mangelnder Vorstellungskraft, meine jedenfalls reicht nicht, um diese Visionen gedanklich zu realisieren und folglich für überaus realistisch zu halten. Natürlich wird sich alles ändern und so weiter; es wird neue Medien geben, neue Formen, zu lesen, jaja. Borders (die zweitgrößte Buchhandelskette in den USA) ist gerade pleite gegangen, um Barnes & Nobles steht es auch nicht besser, dennoch aber gibt es auch und vielleicht insbesondere in meiner Generation (ich bin 19 Jahre alt), sehr viele Lesende, die immer noch möchten: Ein Buch in den Händen, Seiten zum Umblätterten, ein paar Notizen am Rand. Gerade weil unser Alltag von "smarten" Technologien durchzogen ist, ist ja das Buch einer der letzten Auswege, der viel beschworenen Reizüberflutung zu entfliehen. Schwarze Worte auf weißem Papier, keine Bilder, keine Klicks, keine Töne. Diese Ansichten beziehen sich natürlich vermehrt, um ein Klischee zu bedienen, auf jene Freunde, die weder BWL noch eine Naturwissenschaft studieren, aber davon gibt es eben eine ganze Menge; und die sich z.B. kein Smartphone kaufen, weil sie ihre Zeit nicht bei Facebook vergeuden und immer Zugang zu allem haben möchten. Weniger ist mehr.

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    Mir geht es da ähnlich.

    • oet
    • 20. September 2012 5:37 Uhr

    und so bildungsnah! Und dazu weder BWL- noch Naturwissenschaftsstudent und auch kein Online Redakteur irgendeiner Zeitung. Deshalb (endlich) wieder einmal ein Kommentar mit Inhalt und ohne Fehler. Ich bin 66 Jahre alt, und ich freue mich immer wieder, wenn Junge wie neue Sterne glänzen. Prima!

  2. Ich habe mir gerade die Videolesungen angesehen. Frage: Wieso tragen die Schriftsteller/innen eigentlich allesamt Trauer?

    • agagag
    • 22. September 2011 16:30 Uhr

    Was soll das? Literatur soll doch keine Entertainment-Maschinerie werden. Sie erklären im Grunde wie Google Ads funktioniert und davor fürchten sich die meisten (auch wenn sich die meisten trotzdem drauf einlassen). Ich sehe da keine multimediale Superhoffnung sondern den Verfall einer Kunst.
    Wenn man mal den Autor weglässt und nur das Produkt betrachtet kann man das mit der Photographie vergleichen: tausendfache Ausführung erhöht nicht die Qualität. Im Zeitalter vom Massengeknipse wünscht man sich doch wieder, dass das Bild nicht einfach so da ist (oder um abgehakt zu sein) sondern weil es da sein soll.
    Das wird unterstrichen durch den Retrotrend, der analoge Spiegelreflexkameras von jeder Hipsterschulter baumeln lässt und den Anstieg der Schallplattenverkäufe. Ich hoffe Bücher müssen nicht erst vergessen werden um wieder geschätzt zu sein.

  3. hallo erstmal,
    vielleicht sollte ich mich auch mal hinsetzen und ein "buch" schreiben, das verfassen eines teils meiner lebensgeschichte in meinem blog war nicht unspannend ...

  4. "We are all prostitutes" lautete mal der Titel eines kulturkonsumkritischen Lieds der Band The Pop Group von 1978. Bei aller Überholspurrhetorik, die ja angesichts der Marginalität des Literatur- gegenüber dem gesamten Buch- und Medienmarkt eigentlich niedlich ist, kann man doch aus diesem Artikel lernen: "We are all substitutes". Nicht, dass der erste Satz dadurch hinfällig würde.

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    • Amber1
    • 23. September 2011 21:21 Uhr

    Ich fürchte, ein Autor, der so smart ist wie sein Phone würde mich nicht interessieren. Was heißt "smart"? Das ist ein Begriff, den vor allem auch die Werbung benutzt. Smart heißt dort, sich gut in den Gegebenheiten zurechtfinden zu können, souverän zu agieren und das beste für sich zu wollen. Findet ein Autor denn nicht auch Grund zu schreiben, indem er sich an Gegebenem stößt? Wertvoll macht einen Autor das, was er schreibt, nicht, wie er es vertreibt oder wie er sich verkauft. "Smart" scheint mir also eher die Antwort auf die Frage zu sein, wie ein Autor erfolgreich sein kann. Mit dem "smarten Autor" ist man wohl guter Literatur nicht auf er Spur.
    Sicherlich haben viele Verlage rückläufige Zahlen bei den Buchverkäufen zu vermelden. Ich bin mir aber sicher, Bücher werden weiterhin gelesen werden. Das Internet hilft sogar die Vorzüge des Buches im Sensuellen deutlich zu machen.
    Der Autor des Artikels scheint sich mir außerdem zu sehr als Verkünder eines neuen Zeitalters zu gefallen. Als hätten sich darin nicht schon viele vor ihm geübt.

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  5. 8. Danke.

    Mir geht es da ähnlich.

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