Achtung, nicht vergessen: Im Oktober findet in Frankfurt die Buchmesse statt! Das ist für uns alle natürlich hart. Weil wir doch erst vor ein paar Wochen auf der Gamescom waren, dann auf der Internationalen Funkausstellung und der Internationalen Automobil-Ausstellung , um zu sehen, was in den nächsten Jahren auch den Literaturbetrieb verändern wird: Alles wird smart. Alles wächst mit dem Computer zusammen, der seinerseits vollständig unsichtbar wird. Das Netz ist überall. Und wir sind mittendrin.

Wenn das aber die Zukunft ist, warum sollen wir dann jetzt auch noch zur Buchmesse fahren? Nur um jene zu sehen, die man im anglo-amerikanischen Sprachraum die "dead white men", die toten weißen Männer nennt, übrigens auch dann, wenn Frauen mit anderer Hautfarbe dabei sind? Immerhin könnte es ja interessant sein, in Frankfurt die Risse zu vermessen, die sich seit Jahren durch die Fundamente der Buchbranche ziehen. Sie sind mittlerweile so groß, dass nicht nur einzelne Bücher, Autoren und Lektoren, sondern längst auch ganze Verlage sang- und klanglos darin verschwinden. In diesem Jahr wird man noch besser berechnen können, wann der Laden endgültig auseinanderbricht.

Natürlich gibt es auch im Literaturbetrieb die Abwiegler und Beschwichtiger. Sie wollen die Krise so zerreden wie manche Finanzpolitiker die Insolvenz von Griechenland : Der E-Book-Hype habe ja Deutschland noch gar nicht erreicht. Kaum jemand habe Lust, Texte am Bildschirm zu lesen. Und die literarischen Hypertexte im Netz seien so langweilig und unterkomplex, dass sie es mit richtig guten Romanen gar nicht aufnehmen könnten. Das literarische Buch habe Zukunft. Ja, ja, genau, man fragt sich nur: Welche?

Der alte Medien-Hipster Marshall McLuhan hat für solche Beschwichtigungen das richtige Bild gefunden: Es ist, als würde sich der Wachhund auf ein Schnitzel konzentrieren, das ihm die Einbrecher zur Ablenkung hingeworfen haben, damit sie hinten unbehelligt die Bude ausräumen können.

Und die Bude ist schon fast leer. Leuten, die in Verlagen arbeiten, muss man das nicht mehr erzählen. Man darf sie nur nicht öffentlich fragen. Sie sehen sich dann gezwungen, nostalgischen Buchkitsch von sich zu geben, an den sie selbst nicht glauben. Hinter verschlossenen Verlagstüren weiß man: Der Computer und das Netz haben die gesamte Produktion, Distribution und Rezeption von Literatur komplett und unumkehrbar umgekrempelt. Verlagsmitarbeitern erscheint das gedruckte Buch nur noch wie ein fossiles Objekt, das am Ende eines Produktionsprozesses steht, der ausschließlich auf vernetzten Rechnern stattgefunden hat. Zu denken gibt, dass dieses Fossil für alle Beteiligten am wenigsten Geld abwirft.

In jenen Literaturbetrieben, die nicht von Kurzsichtigen geleitet werden, sucht man deshalb nach neuen Geschäftsmodellen. Das gedruckte Buch spielt darin eher die Rolle eines Give-aways. Man muss es verschenken, um Geld zu verdienen. Jeder junge Autor weiß heute: Für das konkrete Schreiben eines Romans bekommt man auf den Arbeitsmonat umgerechnet nicht mal Hartz IV. Nur mit dem Drumherum schreibt man schwarze Zahlen. Man muss dafür nur das Medium wechseln. Genauer: Man muss verschiedene Medien so miteinander vernetzen, dass ein größerer, dynamischer Werkzusammenhang entsteht. Schreiben für Zeitungen und Magazine steht für Autoren ebenso im klassischen Überlebensprogramm wie das Verfassen von Beiträgen für das Radio. Parallel dazu feilt man an einem unterhaltsamen Programm für die Lesetour durch die Provinz.