ZEIT ONLINE: Herr Bauman, welche Zukunft erwartet Europa?

Zygmunt Bauman: Die besondere Aufgabe Europas besteht darin, den Menschen die Kunst beizubringen, dass alle voneinander lernen können. Das erfordert noch viel Arbeit und die Resultate sind nicht schnell zu erwarten. Der Prozess lässt sich jedoch durch die entsprechende Förderung beschleunigen: Nichts stört und verlangsamt diese Synthese, oder besser gesagt Verschmelzung von Horizonten, mehr als das Gewirr von Sprachen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Bauman: Die Europäische Union hat insgesamt 23 Amtssprachen anerkannt. Aber die Menschen lesen, schreiben und denken doch auch auf Katalanisch, Baskisch, Walisisch, Bretonisch, Schottisch-Gälisch, Kaschubisch und in vielen anderen Sprachen, die ich jetzt, verzeihen Sie mir bitte, nicht aufzählen kann. Keiner von uns, außer einer kleinen Gruppe von Polyglotten, hat den Zugang zu diesem wunderbaren Reich. Deshalb sind wir behindert und viel ärmer.

ZEIT ONLINE: Sind wir uns also in einer hoffnungslosen Lage?

Bauman: Wie viel klüger könnten wir sein, wenn man einen Teil der Unionsgelder für Übersetzungen von den Literaturen der Mitgliedsstaaten ausgeben würde. Ich bin ganz davon überzeugt, dass das die beste Investition in die europäische Zukunft wäre!

ZEIT ONLINE: Welchen Einfluss hat die Literatur auf die europäische Identität?

Bauman: Das europäische Wesen liegt in der Geschichte des Romans, hat Milan Kundera einmal gesagt. Der Roman schuf einen unglaublich faszinierenden Raum für Imagination, in dem niemand der Besitzer aller Wahrheit ist und jeder Recht hat, die Welt auf seine eigene Art und Weise zu verstehen. Seit Cervantes zeigt uns der Roman die Mehrdeutigkeit der Welt. Deswegen gehört das 18. Jahrhundert nicht nur Rousseau, Voltaire und Holbach, sondern auch Fielding, Sterne und Goethe. Man könnte es noch weiterführen und fragen: Was wüssten wir vom 20. Jahrhundert ohne Joyce, Kafka und Gombrowicz? Der europäische Roman findet kein Pendant in irgendeiner anderen Zivilisation.

ZEIT ONLINE: So ganz ohne Gift war er auch nicht. Sowohl Romane als auch die Soziologie haben in ihrer Geschichte die europäische Identität verraten. Wem können wir vertrauen? Soziologen oder Schriftstellern?

Bauman: Man soll niemandem Vertrauen schenken. Was aber die moralische Zwiespältigkeit von Literatur und Soziologie angeht, so sollte man Folgendes bedenken: Das Beil kann man zum Hacken von Brennholz gebrauchen oder zum Abhacken von Köpfen der Andersgläubigen, die Messerklinge zum Rasieren oder zum Durchschneiden der Kehle und die Kunst des Schreibens zum Verfassen von Sonetten oder zum Kritzeln von unanständigen Wörtern an der Hausmauer. Außerdem wurden sowohl Faust als auch Mein Kampf in derselben Sprache geschrieben. Wie aber ein alter russischer Spruch besagt: Wer sich vor Wölfen fürchtet, soll nicht in den Wald gehen. In demselben Wald gibt es doch auch saftige Brombeeren, schmackhafte Pilze, zahme Rehe und das beruhigende Sausen von Birken. Die Feiglinge sind selbst schuld und müssen auf all diese Zauber und Schönheit verzichten.