Soweit man es beurteilen kann, haben amerikanische Verlage Angst. Angst davor, überflüssig zu werden, wie zuvor schon Buchhändler und Ladenketten . Der Online-Händler Amazon plant, nicht nur den Verkauf von Büchern auszubauen, sondern auch in deren Veröffentlichung einzusteigen . In diesem Herbst sollen 122 Titel erscheinen, man habe zudem das Wettbieten um die Memoiren der Regisseurin Penny Marshall gewonnen für angeblich 800.000 Dollar, und der Selbsthilfe-Autor Tim Ferriss verkündete schon im Sommer, dass seine Lifestyle-Millionenbestseller künftig über Amazon sowohl verlegt als auch vertrieben werden sollen.

Wer kulturkämpferisch aufgelegt ist, könnte meinen, dies sei der nächste Angriff einer sogenannten Internetwelt auf die analoge, beziehungsweise der folgerichtige Schritt in eine nötige, netzbasierte Zukunft. Aber soweit muss man gar nicht gehen. Zunächst entspricht Amazons Konzept der Logik des Unternehmens: Wenn man schon in den USA der größte Vertrieb für gedruckte und gepixelte Bücher ist, warum stellt man sie nicht gleich selbst her, ohne einen Schlenker über die Verlage zu machen? Die Autoren lockt der Konzern mit höheren Gewinnmargen, als herkömmliche Verlage ihnen je bieten könnten. Und der Vize-Chef der Buchsparte des Konzerns, Russell Grandinetti, behauptet: Es sei das erste Mal seit Gutenbergs Buchdruck, dass sich in der Branche etwas verändere.

Das mag stimmen, wenn man den Buchmarkt rein ökonomisch betrachtet. Auf dem Weg von Autor zum Verlag, vom Vertrieb bis zum Leser sind die finanziellen Verluste für den einzelnen höher, als sie aus unternehmerischer Sicht sein müssten. Sieht man allerdings einige Verlage als prägenden Teil einer vielfältigen Kulturlandschaft – als Orte der Auswahl und als Institutionen geistigen Lebens –, kann man sich fragen, wie hoch der literarische Verlust in einer mittelnahen Zukunft sein wird, die Amazon dann auch verlegerisch beherrschen könnte.

Aus dem, was bei Amazons rigider Geschäftspolitik bislang bekannt ist, lässt sich schließen, dass dem Konzern vor allem an Bestsellern gelegen ist. Es geht ihm, wie so oft, um Kontrolle. Zumal über jene Bücher, die ein gutes Geschäft versprechen. Erlöse aus solchen Büchern ermöglichen manchen Verlagen erst, nicht unbedingt massentaugliche, aber literarisch hochwertige Bücher zu veröffentlichen. Falls Amazon diese einträglichen Titel abschöpft, fehlte für die anderen Bücher das Geld. Ihren Autoren bliebe nur noch eine Möglichkeit: Selbst bei Amazon zu veröffentlichen. In der Abteilung E-Book-Selbstverlag, wo sie in einer stetig unübersichtlicher werdenden Liste von " Content " zwischen Vampirromanen und Lebensbeichten darauf hoffen können, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Da helfen auch höhere Gewinnbeteiligungen nichts.

Eines darf man aber nicht vergessen: Amazons vermeintliche Übermacht ist nicht plötzlich aus dem Nichts erschienen. Die Verlage hatten genug Zeit, sich gemeinsam neue Vertriebswege auszudenken. Stattdessen haben sie diese schnell dem Konzern überlassen, der in seiner Architektur mit seinen Verkaufsrängen, Empfehlungsalgorithmen und Lieferzeiten so effizient ist. Wenn Amazon nun mit seinen unendlich tiefen Taschen die Autoren abwirbt, müssen sich die Verlage ernsthaft fragen, warum sie über Jahre nur zugeguckt haben. Vielleicht haben sie sich auch nur etwas zu viel für ihre Literatur interessiert und nicht so sehr für das Geschäft. Bei Amazon jedenfalls dürfte es genau andersherum sein.