Als Andri Snær Magnason ein Teenager war, wusste die Welt nur wenig über seine Heimat. Anfang der neunziger Jahre nahm der Isländer für vier Wochen am Bodensee an einem Deutsch-Sprachkurs teil. Er war überrascht, welche grotesken Vorstellungen die anderen europäischen Teilnehmer von Island hatten, und fand es amüsant, einfach nur zu sagen: "Ja, das stimmt, wir wohnen in Schneehäusern. Ja, das stimmt, wir tragen Wikingerhelme." Damals konnte man noch nicht ein iPhone zücken und googeln, ob das stimmte oder nicht, sagt der 38-Jährige. Treffpunkt ist das Café Kaffismidjan in 101 Reykjavík , dem zentralen Viertel der isländischen Hauptstadt, das gespickt ist mit wellblechverkleideten Häusern.

Andri Snær Magnason ist einer der berühmtesten und erfolgreichsten Schriftsteller Islands . Auf der Insel im Nordatlantik mit seinen 320.000 Einwohner, wo sogar der Präsident geduzt wird, ist zwar jeder "einer der besten" in einer bestimmten Sache, doch bei dem Autor kann man guten Gewissens davon sprechen. Der Isländer publizierte schon eine Reihe von Lyrikbänden, Romanen, Theaterstücken und Sammlungen von Kurzgeschichten. Das Kinderbuch Die Geschichte vom blauen Planeten wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und fürs Theater adaptiert.

Das Sachbuch Draumalandið (Das Traumland), in dem er die in Island ansässige Aluminium-Industrie angreift und die Zerstörung der Natur kritisiert, erregte 2006 großes öffentliches Interesse und wurde 2009 verfilmt. Für sein Engagement zu diesem Thema erhielt er den Kairos-Preis der Alfred Töpfer Stiftung. Das Buch erschien dieses Frühjahr in deutscher Übersetzung bei Orange-Press unter dem Titel Traumland. Was bleibt, wenn alles verkauft ist? . Gerade schreibt er an einem isländischen Märchen.

Autor, Filmemacher, Umweltaktivist, Poet und Kinderbuchautor. "Was bist du denn nun?", fragen ihn manchmal seine Landsleute. Und sagen, er solle sich doch mal entscheiden. Seine Antwort darauf: "Warum? Ihr lest doch auch an einem Tag ein Buch und schaut euch später einen Film an." Es passt auch zur isländischen Lebensart. Magnason scheint überall zu sein: Mit Björk organisierte er zum Beispiel 2008 das Protestkonzert "Náttúra", Natur, in dem sie auf deren Ausbeutung hinwiesen. Denn Europas größtes Staudammprojekt wurde im Osten Islands in ein unberührtes Gebiet gebaut.

Zu dieser Zeit spürten viele Isländern erstmals, dass ihre Natur doch nicht unendlich ist. Zum kostenlosen Konzert kamen 30.000 Besucher. Also rund ein Zehntel der Bevölkerung. Außerdem ist Magnason Mitglied von Toppstöðin, einer Grassroot-Initiative, die im ehemaligen Elektrizitätswerk von Reykjavík nachhaltige kulturelle und sozioökonomische Projekte entwickelt. Obwohl der Autor einer der größten Kritiker der einheimischen Energiepolitik ist, erlaubte das städtische Energieunternehmen ihm und seinen Mit-Initiatoren das Gebäude kostenlos zu nutzen.

Als vergangenes Frühjahr der Eyjafjöll-Vulkan ausbrach und für kurze Zeit den Flugverkehr in halb Europa lahm legte, fuhr der Autor und Umweltaktivist gemeinsam mit einem befreundeten Fotografen in die Aschewolke. An jenem Tag ist er zu Witzen aufgelegt. Kurz bevor wir auf die Wand zufahren, die den sonnigen Tag ins Dunkelgrau verwandelte, rief ihn eine Schwedin an und fragte, was denn gerade in Island los sei. "Das ist die Rache für die globale Erwärmung", sagt er ihr. Warum er heute hier ist? "Wir wollen die Asche einatmen", scherzt er. Und fügt hinzu: "Ist es nicht Wahnsinn, dass dies alles vor Kurzem tief unter der Erde war?"

Fast anderthalb Jahre später sitzt Andri Snaer Magnason vor seinem Computer und schaut sich die Cover-Ideen seines deutschen Verlages Orange-Press an. Hier erscheinen in Kürze die Bónus-Supermarktgedichte, die er 1996 in Island veröffentlichte. Bónus ist eine Discount-Kette, deren Logo ein grinsendes rosa Schweinchen auf gelbem Hintergrund ziert. Hier kauften er und seine Kommilitonen stets ein, weil es so günstig war. Zum Spaß schrieb er zur gleichen Zeit kurze Gedichte, um seine Freunde zu unterhalten, und weil es günstige Geschenke waren. Magnason fragte sich, was das geschmackloseste sei, was man mit Poesie machen kann. "Wir tranken und aßen die Bónus-Produkte, die Gedichte fehlten noch, um mein Bónus-Leben zu vervollständigen."