Flann O'BrienKatholisch, sarkastisch, trinkfest
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Von seinem Debütroman wurden nur 244 Exemplare verkauft. Trotzdem machte es ihn berühmt

Der politische Standort dieses Autors ist schwer zu bestimmen. Irgendwas zwischen "katholisch", "sarkastisch" und "nihilistisch" vielleicht. Die irische Regierung besaß, wegen der traditionellen Feindschaft zu England, eine gewisse Grundsympathie für jeden, der England Schwierigkeiten machte, zeitweise auch für die Nazis. In Der dritte Polizist wird zwei oder drei Mal das "jüdische Aussehen" einer Person erwähnt. Der erste Satz, den Flann O’Brien veröffentlichte, war – das steht in seiner Biographie – ein Graffito an einer Dubliner Häuserwand: "Kauft keine britischen Blazer!" In Hamburg erzählte Harry Rowohlt, seiner Ansicht nach sei Flann O’Brien ein Linker gewesen, trotz einiger Indizien, die in die entgegengesetzte Richtung weisen. Er habe Texte über den Spanischen Bürgerkrieg entdeckt, in denen O’Brien sich für die Republik, gegen die Faschisten und für die Internationalen Brigaden starkmacht. Die Texte trügen zwar einen anderen Namen, O’Brien liebte ja Pseudonyme, aber sie seien bestimmt von ihm, er erkenne das am Stil. Nun muss man natürlich, wenn man gegen die Faschisten ist, nicht unbedingt ein Linker sein. Fest steht: Aus der Politik hat sich der Mensch, der unter dem Namen "Flann O’Brien" schrieb, weitgehend herausgehalten.

Von der ersten Auflage des ersten und bis heute berühmtesten O’Brien-Romans, At Swim-Two-Birds ( Auf Schwimmen- zwei-Vögel ), wurden 1939 nur 244 Exemplare verkauft. Trotzdem machte At Swim-Two-Birds ihn berühmt, es war eines dieser oft gelobten und selten gekauften Bücher. Sein Lektor war Graham Greene, der ja selbst kein ganz erfolgloser Schriftsteller war, dazu Katholik und Trinker, wie offenbar fast alle, die damals literarisch tätig waren. Greene ist es vermutlich gewesen, der den Roman an den bereits langsam ins finale Delirium gleitenden James Joyce schickte, den Titanen der irischen Trinkerliteratur. Es war das letzte Buch, das der schon fast blinde Joyce zu lesen imstande war. Der Titan äußerte sich euphorisch und starb wenig später.

Von da an wurde Flann O’Brien in Irland als eine Art James-Joyce-Nachfolger angesehen, als kleiner Bruder, als Westentaschenausgabe, als die leichter und amüsanter zu lesende Version … wie auch immer. Es war eine Bürde, eine Verpflichtung. Flann O’Briens Biograf Eric Mader-Lin glaubt, dass der junge Autor, noch nicht 30, ihr nicht gewachsen war. Dankbarkeit zeigt O’Brien kaum, stattdessen werden später hin und wieder spöttische Anspielungen auf Joyce in seinen Texten auftauchen. Er verfasst sehr schnell einen zweiten Roman, der noch verspielter und experimenteller daherkommt als der erste, einen Roman, den Joyce, wenn er am Leben gewesen wäre, vielleicht sogar noch mehr gemocht hätte als At Swim-Two-Birds . Aber was will dieser Schriftsteller eigentlich? Eric Mader-Lin hat aus den Briefen O’Briens herausgelesen, dass der zeitlebens von hohen Auflagen und hohen Honoraren geträumt hat, er wollte ein Bestsellerautor sein. Gleichzeitig schreibt er Bücher, die unmöglich Bestseller sein können. Sie sind viel zu verzwickt.

Flann O’Brien sei ein bisschen naiv gewesen, findet der Biograf. Man kann nicht gleichzeitig dem einfachen irischen Volk gefallen und James Joyce. Das zweite Werk, Der dritte Polizist , lehnte der Verlag mit der Begründung ab, es sei "zu ungewöhnlich". Mit anderen Worten: unverkäuflich. Die Ablehnung stürzt O’Brien, wie nicht anders zu erwarten, in eine schwere Krise. Einerseits hält er sich für einen bedeutenden Schriftsteller, dem sein Verlag für jede Zeile dankbar sein müsste. Auf der anderen Seite hält er es für möglich, dass sein Buch – das schreibt er selbst – "ziemlicher Mist" ist. Er erfindet eine Geschichte. Er behauptet, das Manuskript von Der dritte Polizist sei verloren gegangen. Einfach verschwunden. Niemand soll den abgelehnten Roman zu seinen Lebzeiten wieder sehen. In Wirklichkeit versteckt er ihn in einem Schrank.

Und er versucht einen neuen Anlauf, eine neue Karriere. Unter einem anderen Pseudonym beginnt er, satirische Kolumnen für die Times zu schreiben. Damit wird er zwar nicht reich, aber immerhin berühmt, zumindest in Irland. In den Kolumnen tritt häufig das "einfache irische Volk" auf, stellt Fragen oder macht dem Kolumnisten Vorhaltungen. Er soll täglich nur etwa zwei Stunden im Büro gesessen haben, die restliche Zeit verbrachte er mit Trinken und der Kolumne. In den späteren Jahren diktierte er sie oft, weil er die Tasten der Schreibmaschine nicht mehr traf. Drei weitere Romane entstehen, erfolgreich ist keiner. Die Entlassung aus dem Staatsdienst war nur eine Frage der Zeit, aus Gesundheitsgründen, wenigstens bewilligen sie ihm eine kleine Rente.

Der langweilige Brotberuf, die fragile Gesundheit, der Ruhm nach dem Tod, es sind nicht die einzigen Parallelen zu Franz Kafka. Eine von Flann O’Briens Erzählungen handelt von einer Verwandlung, aber nicht in einen Käfer, sondern in den Frühzug nach Dublin.

Der dritte Polizist erschien erst postum. Flann O’Brien wird heute in den Kontext der literarischen Postmoderne einsortiert, so steht es jedenfalls in dem Standardwerk "Kindlers Literaturlexikon". Den Begriff Postmoderne gab es zu seinen Lebzeiten aber noch gar nicht. Auch das wird seinen Zeitgenossen den Zugang erschwert haben. Bei Flann O’Brien wird auf postmoderne Weise nicht geradeaus erzählt, eins nach dem anderen, sondern mit den Erzählebenen, den Perspektiven und den Zeitebenen gespielt, das Künstliche und Erfundene des Textes wird nicht versteckt, sondern offensiv ausgestellt.

Leserkommentare
    • Zenj
    • 04. Oktober 2011 14:01 Uhr

    "Flann O’Brien, der vor zehn Jahren ein Geheimtipp unter Intellektuellen war ... "
    Flann O’Brien ist seit Jahrzehnten ein 'Geheimtipp', und einer meiner absoluten Lieblingsautoren. Harry Rowohlt, vielen Dank.

    • Zeitist
    • 04. Oktober 2011 15:19 Uhr

    er lebe hoch - 100 mal.
    Was habe ich gelacht und werde immer wieder lachen.

    • TNE
    • 04. Oktober 2011 15:21 Uhr

    "Menschen verwandeln sich in Fahrräder."

    Menschen verwandeln sich im "Dritten Polizisten" nicht in Fahrräder, sondern tauschen, gemäß der im Buch beschriebenen "Atom-Theorie" de Selbys, durch zu häufigen und intensiven Kontakt mit ihren Fahrrädern Atome aus, was dazu führt, daß die Menschen verfahrraden und die Fahrräder vermenschlichen. Passiert aber auch mit Menschen und Pferden und erschwert insgesamt ganz erheblich die Strafverfolgung.

    Und das ist nur einer der wundervollen Einfälle von Flann O'Brien, die dieses Buch zu etwas wirklich Besonderem machen - es ist keineswegs nur für "Intellektuelle", auch nicht besonders "schwer zu lesen" und schon gar nicht hat man "daran zu tun".

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    Dieser Roman läßt sich einfach nicht in den wenigen Zeilen eines Artikels beschreiben, der nicht einmal den Umfang einiger im Buch enthaltener Fußnoten erreicht. Da ist es auch kein Wunder, dass die Theorie des Atomaustauschs zwischen Menschen und Dingen arg verkürzt dargestellt wird.
    Nachdem "The Third Policeman" seit knapp 15 Jahren zu meinen absoluten Favoriten gehört, freue ich mich, dass der Roman jetzt auch auf deutsch. Ich bleibe allerdings trotzdem bei meinem zerlesenen englischsprachigen Exemplar.

    • DerDude
    • 04. Oktober 2011 15:23 Uhr

    Habe damals tatsächlich Tage lang versucht, die Bücher de Selbys irgendwo aufzutreiben. Dieser Gelehrte ist einfach der Beste!

  1. Dieser Roman läßt sich einfach nicht in den wenigen Zeilen eines Artikels beschreiben, der nicht einmal den Umfang einiger im Buch enthaltener Fußnoten erreicht. Da ist es auch kein Wunder, dass die Theorie des Atomaustauschs zwischen Menschen und Dingen arg verkürzt dargestellt wird.
    Nachdem "The Third Policeman" seit knapp 15 Jahren zu meinen absoluten Favoriten gehört, freue ich mich, dass der Roman jetzt auch auf deutsch. Ich bleibe allerdings trotzdem bei meinem zerlesenen englischsprachigen Exemplar.

    Antwort auf "Pffffffffffffft"
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    • TNE
    • 05. Oktober 2011 9:39 Uhr

    Das Buch liegt seit 1975 in deutscher Übersetzung vor, ich besitze meine Suhrkamp-Ausgabe seit +/- 20 Jahren, sie hatte sich von Deutschland aus in einen irischen Schreibwarenladen davongemacht, wo sie von meiner damaligen Gastmutter gefunden, als gutes Geschenk für mich erachtet, und zurück nach Deutschland geschickt wurde. Das Preisetikett (£ 7.50) klebt immer noch drauf und ich erinnere mich beim Betrachten an die Bemerkung meiner Gastmutter, wonach zu ihren Studienzeiten katholische Studierende, die es wagten, sich im Trinity College einzuschreiben, exkommuniziert wurden, und an das schöne Land, das ich seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gesehen habe und das sich wohl grundlegend verändert hat.

    Der Hype, der wohl vor 15 Jahren um Flann O'Brien gemacht wurde, ging völlig an mir vorüber. Ich glaube mich aber zu erinnern, daß Harry Rohwohlt damals seine berüchtigten Lesungen abgehalten hat, die neben sehr viel Whiskey und Milne auch gewisse Anteile Flann O'Brien enthalten haben müssen. Ich war zwar nie auf einer solchen Lesung, aber irgendwo liegt noch mein "Pooh's Corner"-Sammelband herum.

  2. Was soll ich noch dazu sagen... :-)

    Danke für den Artikel.

  3. Hallo Martenstein!
    Mal wieder ein schöner Beitrag. Sehr schön: Des Botschafters Kampf mit der deutschen Sprache als Beweis für die Tapferkeit des irischen Volkes!!!

    Eine Leserempfehlung
    • TNE
    • 05. Oktober 2011 9:39 Uhr

    Das Buch liegt seit 1975 in deutscher Übersetzung vor, ich besitze meine Suhrkamp-Ausgabe seit +/- 20 Jahren, sie hatte sich von Deutschland aus in einen irischen Schreibwarenladen davongemacht, wo sie von meiner damaligen Gastmutter gefunden, als gutes Geschenk für mich erachtet, und zurück nach Deutschland geschickt wurde. Das Preisetikett (£ 7.50) klebt immer noch drauf und ich erinnere mich beim Betrachten an die Bemerkung meiner Gastmutter, wonach zu ihren Studienzeiten katholische Studierende, die es wagten, sich im Trinity College einzuschreiben, exkommuniziert wurden, und an das schöne Land, das ich seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gesehen habe und das sich wohl grundlegend verändert hat.

    Der Hype, der wohl vor 15 Jahren um Flann O'Brien gemacht wurde, ging völlig an mir vorüber. Ich glaube mich aber zu erinnern, daß Harry Rohwohlt damals seine berüchtigten Lesungen abgehalten hat, die neben sehr viel Whiskey und Milne auch gewisse Anteile Flann O'Brien enthalten haben müssen. Ich war zwar nie auf einer solchen Lesung, aber irgendwo liegt noch mein "Pooh's Corner"-Sammelband herum.

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